Pop

Justin Timberlake - „Berlin, das ist supergeil“

Justin Timberlake zeigt sich in der ausverkauften O2 World als perfekter Performer und besticht trotz ausgeklügelter Show durch eine charmante Lässigkeit - tänzelnd, sexy, aber nicht chauvinistisch.

Foto: Marius Becker / dpa

Er schwebt rein wie der junge Frank Sinatra. Nur die Stimme ist höher. Tenor. Viel Kopf. Die Big Band im Nacken. 15 Musiker und Musikerinnen. Sie stehen hinter acht Aufstellern auf denen das „JT“ steht. In adretter Abendgarderobe. JT für Justin Timberlake. Mann, sieht der gut aus. Anzug. Mit Weste sogar. Wer trägt schon noch Westen heute? Im Publikum tragen sie ja auch Sakkos und zu große Hosen und Sneaker. Aber Timberlake, der macht das genau richtig. Wie auf seinen Ledersohlen über die Bühne gleitet, die Fliege sitzt natürlich perfekt. „Pusher Love Girl“, ein Song seiner vorletzten Platte. Die Streicher von der Platte sind nicht dabei. Dafür sieht man ihn über die Bühne schleichen - so sexy, easy und groovy. Justin Timberlake ist der junge Gott, der an diesem Abend Berlin verzaubert.

Dass Justin Timberlake auch 21 Jahre nach seinen ersten Auftritten im Mickey Mouse Club erfolgreich ist, war eigentlich sicher. Die 1993er-Mannschaft der amerikanischen Kindersendung bestand aus Christina Aguilera, Ryan Gosling, Britney Spears und eben ihm. Zwei andere waren auch noch dabei, aus denen wurde aber nichts. Mit der Wahrscheinlichkeit vier aus sechs war diese Gruppe des Clubs ein Quasi-Erfolgsgarant. Nur eben kein Coolnessgarant. Aguilera wurde zur aufgequollenen Sexbesessenen, Britney Spears zur glatzköpfigen Borderlinerin. „Hey little mama/ Ain't gonna ask me if I want to“, singt er. Und seine Stimme schlägt Engelskapriolen. Hoch hinaus. Aber Gosling und Timberlake – im Gegensatz zu Spears und Aguilera - wurden die Inkarnation von Cool. In der ausverkauften O2 World zeigt er, dass er neben Gosling der einzig übrig gebliebene Superstar der Mickey-Mouse-Mannschaft ist.

Timberlake joggt nicht, er gleitet

Timberlakes Schritte ähneln denen Michael Jacksons. Jede Drehung ist auf einen Bass-Drum-Schlag abgestimmt. Jedes gehobene Knie auf eine Bassnote. Und jedes Klatschen auf die zimbelnde Hi-Hat. Natürlich spielt er ein Jackson-Cover an diesem Abend. Justin Timberlake beherrscht die Kunst, von links nach rechts über die Bühen zu rennen, dabei „Yeah, Berlin“ zu schreien, und nicht auszusehen wie ein Jogger. Das ist ja das Peinlichste. Superstars, die über die Bühne joggen. Timberlake aber gleitet darüber. Er singt von Drogen „My cocaine, my plum wine, my MDMA“ und doch wirkt er stets wie ein Genuss- und nicht wie ein Suchtmittel. Timberlake, die übergroße Versuchung - ohne Schuld.

Nach dem Konzert in Köln am 22. April ist Timberlake ja noch losgezogen. Ab ins Kölner Nachtleben. 3000 Euro Trinkgeld soll er gegeben haben. Wahrscheinlich steht deswegen in seinem Wikipedia-Antrag, dass Justin Timberlake Philanthrop sei. Aber der wahre Menschenfreund Justin Timberlake kommt nicht zum Vorschein, wenn er mit Fünfhundertern um sich schmeißt. Der wahre Menschenfreund Justin Timberlake tritt hervor, wenn er dem Publikum einfach einen Song vor die Füße schmeißt. Tänzelnd, sexy, aber nicht chauvinistisch. Justin Timberlake hat es geschafft, ähnlich wie Pharrell Williams das geschafft hat, sowohl die Ladys als auch die dazugehörigen Schwiegermütter glücklich zu machen. Kein Wunder, bereits bei Timberlakes erstem Solo-Album nach 'N Sync schrieb Williams an mehr als der Hälfte der Stücke mit.

„Supergeil. Supergeil. Supergeil.“

Nach dem siebten Song zieht er sich das Sakko aus. Er sagt „Berlin, das ist supergeil.“ Kennt er etwa Friedrich Liechtenstein? Er wird es diesen Abend noch mehrfach sagen. „Supergeil. Supergeil. Supergeil.“ Justin Timberlake setzt sich an einen weißen Flügel, ohne kitschig zu wirken. Timberlake spielt Elvis, er zitiert Jay Z und schwebt auf einem langsam fahrenden Steg über die Bühne, ohne Sicherung. Letztes Jahr hat er das Kunststück vollbracht zwei Alben in weniger als einem halben Jahr heraus zu bringen. Das erste hieß „The 20/20 Experience“, das zweite „The 20/20 Experience – 2 of 2“. In Amerika gingen beide auf eins. Justin Timberlake liefert immer noch Hits. In der O2-World spielt er fast dreißig. „Cry Me A River“ von brachialen Rock-Gitarren eingeleitet, „Jungle Boogie“ von „Kool & The Gang“, sein eigenes „Sexy Back“. Timberlake, das ist der wahre Justin. Nicht Bieber, sondern Justin Timberlake.