Eine 300 Hektar große Freifläche mitten in der Stadt, welche Metropole in der Welt hat so etwas zu bieten? Die Frage von Hajo Schumacher war eher rhetorisch gemeint – keine. Das wissen auch die Berliner und deshalb ist ihnen das Tempelhofer Feld wichtig. Bleibt die zentrale Frage, ob dort alles so bleiben soll, wie es jetzt ist, oder ob es im Interesse Berlins nicht besser wäre, die Ränder des Feldes mit Wohnungen, Gewerberäumen, Kitas und Sportflächen zu bebauen. Darum geht es beim Volksentscheid am 25. Mai, und darum ging es am Mittwochabend beim achten Leserforum der Reihe „Morgenpost vor Ort“. Fast 200 Leser kamen in das alte Flughafengebäude, der Saal war restlos ausgebucht. Und selten diskutierten die Leser bei einem Forum so engagiert und so emotional wie bei der Frage „Was wird aus dem Tempelhofer Feld?“.
Zunächst diskutierten fünf Experten auf dem Podium: Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD), Michael Schneidewind vom Vorstand der Initiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“, Antje Kapek, stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Grünen, Volker Heller, Direktor der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB), und Morgenpost-Redakteurin Isabell Jürgens. Morgenpost-Autor und -Kolumnist Hajo Schumacher moderierte die Runde.
Ideen für die wachsende Stadt
Der Stadtentwicklungssenator hatte keinen leichten Stand. Er verteidigte den Masterplan des Senats gegen die zahlreichen Kritiker im Publikum. „Es geht um eine Interessenabwägung. Berlin verändert sich“, sagte Müller. In den vergangenen drei Jahren seien mehr als 100.000 Menschen nach Berlin gezogen, allein im letzten Jahr 50.000. Das stelle Berlin vor neue Anforderungen. Es würden Freiflächen benötigt, aber auch Wohnungen, Kitas und Schulen. Das gelte für alle Bezirke und insbesondere für „gute Innenstadtlagen“. Daher sei der Masterplan für das Tempelhofer Feld ein guter Kompromiss, schließlich solle der größte Teil der Freifläche, 230 Hektar, erhalten und per Gesetz als Grünfläche gesichert werden.
Der Senator erläuterte die Planung für die drei Baufelder. Am Tempelhofer Damm sei „im Wesentlichen“ Wohnungsbau vorgesehen, konkret 1700 Wohnungen, Gewerbeflächen für Läden und die Landesbibliothek. Müller wünscht sich einen Baubeginn 2016, dem Jahr der nächsten Abgeordnetenhauswahl. Spätestens 2019 sollten die Wohnungen bezugsfertig sein. Der zweite Bauabschnitt soll am Südring mit Gewerbeflächen und 1100 Wohnungen erfolgen.
An der Oderstraße auf Neuköllner Seite sollen dann „zu 90 bis 95 Prozent“ Wohnungen gebaut werden, insgesamt 1900. Gebaut werden solle nur von landeseigenen Baugesellschaften und Genossenschaften. Mindestens 50 Prozent der Wohnungen sollten zu Quadratmeterpreisen von sechs bis acht Euro angeboten werden. Und: Geplant würden ausschließlich Miet-, keine Eigentumswohnungen. Müller stellte zudem klar, dass die Planungen für den zweiten und dritten Bauabschnitt noch am Anfang stünden und dort Änderungen möglich seien.
Grüne wollen in Ruhe überlegen, wie gebaut werden soll
Antje Kapek lehnt den Masterplan ab. Die Bebauung sei zu massiv, aber vor allem sei sie am Reißbrett geplant worden, über die Köpfe der Bürger hinweg. Die Grünen-Abgeordnete hatte sich im Landesparlament für einen „dritten Weg“ stark gemacht, also einen Kompromiss zischen den Plänen des Senats und denen der Initiative.
Man könne am Rand des Feldes bauen, man könne auch das Feld gestalten, aber dies müsse ein gemeinsamer Prozess zwischen Planern, Politikern und Berlinern sein. Die Grünen fordern insbesondere einen Planungsbeirat, der über alle Bauvorhaben entscheidet. Kapeks Rat: Bevor Berlin den falschen Konzepten des Senats folge, solle am Feld lieber erst einmal gar nichts gebaut und in Ruhe überlegt werden, was sinnvoll und sozial wie ökologisch vertretbar sei.
Die Grünen hätten sich am Anfang schwer getan mit den rigorosen Zielen der Initiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“, an der Freifläche gar keine Veränderung zuzulassen. Dann hätten sie sich aber davon überzeugt, dass dies letztlich nicht die Position der Initiative sei.
Derzeit offenbar kein Bedarf an Gewerbeflächen in Berlin
Aus diesem Grund hätten sich die Grünen auch dazu entschlossen, am 25. Mai die Initiatoren des Volksentscheids zu unterstützen – in der Hoffnung, dass anschließend der Masterplan noch einmal aufgerollt werden kann. Viele Berliner seien nicht „stumpf gegen jede Bebauung“, sie müssten nur vernünftig beteiligt werden, dann steige auch die Akzeptanz, sagte Kapek.
Michael Schneidewind wies als Vertreter der Initiative den Vorwurf zurück, unsozial zu sein, weil er gegen sozialen Wohnungsbau am Tempelhofer Feld sei. Zunächst hätten sich viele Berliner eine Alternative zum Masterplan gewünscht. Die Initiative sehe es daher als ihre Hauptaufgabe an, über die Planungen aufzuklären und die Interessen der Anwohner und Nutzer des Feldes aufzunehmen. „
Die Frage ist, wie wird in Berlin gebaut und für wen“, sagte Schneidewind. Er wolle auch wissen, was die übrigen 50 Prozent Wohnungen kosten sollen und ob für diese Wohnungen überhaupt ein Bedarf bestünde. Es könne ihn durchaus geben, sagte Schneidewind, er sei aber nie dargelegt worden. Einen Bedarf an Gewerbeflächen sehe er angesichts des großen Büro-Leerstands in Berlin nicht.
Direktor: „Bibliothek soll ins ICC“
Bibliotheksdirektor Volker Heller hatte gegen die größten Vorbehalte im Saal anzukämpfen. Warum die ZLB nicht in das alte Flughafengebäude ziehen könne oder, noch besser, gleich ins leerstehende Kongresszentrum ICC in Charlottenburg, wurde er gefragt. Die Landesbibliothek sei die meistbesuchte Kultureinrichtung Berlins. Es sei wichtig, eine funktionale Bibliothek zu schaffen, mit betriebswirtschaftlichen Strukturen, die für mehrere Jahrzehnte taugten. Dies sei im Flughafengebäude nicht möglich.
Das gelte ausweislich einer Expertise der Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) auch für das ICC. Ein aufwendiger Umbau sei im übrigen nicht billiger als der Neubau, sagte Heller. Die ZLB sei ein öffentlicher Ort der Kultur, Bildung und Freizeit und somit eine Bereicherung für das Tempelhofer Feld. Der Stadtentwicklungssenator sekundierte, ein Drittel des Flughafentraktes sei dauerhaft vermietet, ein weiteres Drittel werde für mehr als 100 Veranstaltungen, Kongresse und Messen pro Jahr genutzt. Nur ein Drittel stehe leer, sei aber sanierungsbedürftig.
Morgenpost-Redakteurin Isabell Jürgens berichtete, das Bedürfnis der Leser nach Information sei immer noch sehr groß. Viele Berliner würden die Pläne des Senats im Detail nicht kennen und zudem befürchten, dass den jetzigen Bauvorhaben weitere folgten oder später doch Eigentumswohnungen entstünden. „Die Menschen möchten nicht, dass dieses Gelände mit seiner großen Geschichte zu sehr verändert wird“, sagte Jürgens. Auch etliche Teilnehmer fragten den Senator, wie verbindlich die gesetzliche Sicherung der 230 Hektar großen Freifläche sei und wer ihnen garantiere, dass nach den Rändern des Feldes nicht auch irgendwann die Mitte bebaut werde.
„Machen Sie doch erst mal den Flughafen fertig“
Müller betonte, keine Partei im Abgeordnetenhaus stelle die Freifläche in Frage. Er könne aber ehrlicherweise nicht sagen, was Politikergenerationen in 15 oder 20 Jahren beschließen würden. Das gelte allerdings, sollte sich die Initiative beim Volksentscheid durchsetzen, auch für deren Gesetzentwurf, so Müller.
Mehrer Leser, wie Hans-Jörg Otte aus Tempelhof, fragten nach dem Verkehrskonzept. Der Tempelhofer Damm sei jetzt schon chronisch verstopft, Parkplätze gebe es im Umfeld nicht. Der Stadtentwicklungssenator bekannte sich zu S- und U-Bahn und betonte die gute Anbindung. „Ich will hier keine autogerechten Quartiere“, sagte er. Peter Klepper aus der Gartenstadt Neu-Tempelhof vermisst Grün auf dem Tempelhofer Feld. Es sei ideal für junge Sportler, aber „das ist kein Park hier, ich vermisse Bäume, Bänke und ein Café“, monierte Klepper. Auch Müller sprach sich dafür aus, die Freifläche trotz der gesetzlichen Sicherung „behutsam“ zu modifizieren.
Neben dem Wunsch vieler Leser im Publikum, die Weite des Feldes und die Möglichkeit, dort Sport zu treiben oder Kleingärten zu beackern, zu bewahren, musste sich Senator Müller noch mit einem anderen Gegenargument zu seinem Masterplan auseinandersetzen: Der Skepsis, ob die Landesregierung in der Lage ist, solche Großprojekte zu bewältigen. „Machen Sie doch erst den Flughafen fertig, bevor Sie hier die nächste Großbaustelle eröffnen“, sagte etwa Daniel Buchmann aus Tempelhof. Der BER – der Senat entkommt ihm nicht.




