Liebe Leserin, lieber Leser,
auch Tage nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day fällt es schwer, die richtigen Worte für das Unaussprechliche zu finden. Auch, wenn das eine oder andere Leserfeedback anderes fordert, kann aus meiner Sicht nur eines richtig sein: Empathie statt Ausgrenzung ist das Gebot dieser Tage.
Neues aus Berlin
Zwei Tage nach dem Anschlag im Tiergarten zeichnet sich ein klares Bild ab: Ein viel zu junger Mann mit libanesischen Wurzeln hat sich radikalisiert. Zu einer Haftstrafe verurteilt, einschlägig. Die Behörden hatten ihn im Blick, aber nicht gut genug. Er mietet einen Kleintransporter, findet eine Lücke in den Sicherheitsvorkehrungen. Die Bilder des dann folgenden Grauens werden sich einbrennen in das Gedächtnis dieser wunderbaren, freien Stadt.

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Es gibt viele Fragen zur Tat, zur Haftstrafe mit „Vorbewährung“, zum Umgang mit Gefährdern, zum Jugendstrafrecht. Die unmittelbare Fehlersuche folgt politischen Reflexen. Richtig ist, es müssen Konsequenzen gezogen werden. Aber richtig ist auch: Egal welche Konsequenzen, sie werden solche Anschläge nicht gänzlich verhindern. Allenfalls die Wahrscheinlichkeit können wir minimieren. Extremisten werden Schlupflöcher finden, immer wieder. Sowohl im juristischen System als auch an Straßenecken, an denen noch keine Poller stehen.
Die wichtige Diskussion darf nicht zum Feigenblatt verkommen. Wir müssen uns nicht nur um eine funktionierende Strafverfolgung bemühen, sondern auch den Zusammenhalt der Vielen stärken. Das ist die viel größere, wichtigere und schwierigere Aufgabe. Sie fordert uns täglich, an Schulen, in Sportvereinen, in Freizeiteinrichtungen und an vielen anderen Orten. Wie viele Menschen dafür Arbeit leisten, wird oftmals öffentlich nicht sichtbar.
Nach diesem Wochenende steht Berlin zusammen. Die Stadt der Freiheit. Wir brauchen eine gehörige Portion Resilienz. Ich bin da optimistisch. Dass wir offene Fragen klären, besonnene Antworten in der Strafverfolgung finden – und zugleich einen empathischen Umgang miteinander finden. Und in diesen Tagen vor allem den Opfern beistehen, ihren Angehörigen und Freunden und den vielen mittelbar Beteiligten. Denen, die den CSD miterlebt haben. Wir müssen gestärkt aus diesem schrecklichen Ereignis hervorgehen. Nur dann haben die Extremisten nicht gewonnen.
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Außerdem wichtig
• Am Montag gab es eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse. In Kürze zusammengefasst:
• Der mutmaßliche Beifahrer ist keiner gewesen. Es gab im Tatfahrzeug keine DNS-Spuren. Der verdächtigte Iraner ist wieder frei.
• Die getötete CSD-Besucherin ist eine 65-jährige Frau aus Warschau, die mit ihrer Tochter zu Besuch war.
• Wir waren nochmal an der Gartenkolonie in Spandau, in der Abdul Ballout am Sonntag erschossen wurde, um mit Augenzeugen zu sprechen.
• Der Leiter des Deradikalisierungsprogramms sagt über Abdul Ballout: „Es gab kein Bedrohungssignal“. Unser Reporter Alexander Rothe hat mit ihm gesprochen.
• Diverse Politiker haben sich zu möglichen Konsequenzen geäußert, darunter auch Justizsenatorin Felor Badenberg.
• Der Vater des Attentäters hat sich geäußert. Reporter erreichten ihn auf einer Reise.
Ich wünsche Ihnen einen guten Dienstag.
Ihr Peter Schink,
Chefredakteur
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