Von Jörg Krauthöfer

Berlin ist mehr als nur Großstadt und Hauptstadt. Zwischen Geschichte, Kultur, beeindruckender Architektur und viel Grün bietet die Stadt ideale Bedingungen für besondere Wandererlebnisse. Wer Berlin zu Fuß entdeckt, erlebt eine spannende Verbindung aus Natur und urbanem Leben. Unser Wanderexperte Jörg Krauthöfer geht regelmäßig in der Hauptstadt auf Wanderung und nimmt euch hier mit zu bekannten, aber auch unbekannten Ecken Berlins, zwischen Spandau und Erkner, Oranienburg und Marienfelde. Heute geht es auf eine Entdeckungstour durch die Mitte Berlins bis zum legendären SEZ an der Landsberger Allee. Viel Spaß beim Wandern.

Wichtiges zur Wegstrecke

  • Start: Gendarmenmarkt
  • Ziel: SEZ an der Landsberger Allee
  • Weglänge: 6,2 Kilometer
  • Wegbeschaffenheit: Asphalt, Schotterwege, Kopfsteinpflaster
  • Höhenmeter: 30 hoch, 10 runter
  • Gastronomie: viele Möglichkeiten am Wegesrand

Los geht die kleine Wandertour am Gendarmenmarkt, den viele Berlinerinnen und Berliner ebenso wie Gäste der Stadt völlig zu Recht zu den schönsten Plätzen Europas zählen. 

Seine Ursprünge reichen bis ins späte 17. Jahrhundert zurück, als sich in diesem Viertel zahlreiche aus Frankreich geflohene Hugenotten niederließen. Seinen heutigen Namen verdankt der Platz dem Kürassierregiment der Gens d’armes, einer preußischen Elite-Kavallerieeinheit, deren Wachen und Stallungen sich im 18. Jahrhundert hier befanden.

Hauptstadtwanderer unterwegs
Blick auf den Gendarmenmarkt. Im Hintergrund sind das Konzerthaus (l.) und der Französische Dom zu sehen. Im Vordergrund steht das markante Schiller-Denkmal.© FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Im Lauf der Jahrhunderte wurde der Gendarmenmarkt immer wieder zum Schauplatz bedeutender historischer Ereignisse. Während der Märzrevolution von 1848 etwa wurden hier die Särge der Gefallenen aufgebahrt. Nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde das Ensemble in der DDR, als der Platz zeitweise „Platz der Akademie“ hieß, aufwendig rekonstruiert. Seit 1991 trägt er wieder seinen historischen Namen.

Das weltberühmte architektonische Gesicht des Platzes prägen vor allem drei Bauten: das Konzerthaus, das ursprünglich von Karl Friedrich Schinkel als Schauspielhaus entworfen und 1821 eröffnet wurde, sowie die beiden fast spiegelbildlich wirkenden Kirchenbauten: der Französische Dom im Norden und der Deutsche Dom im Süden. Dass beide Dome heißen, obwohl sie nie Bischofssitze waren, ist eine kleine sprachgeschichtliche Pointe. Das Wort geht auf das französische „Dôme“ zurück und meint schlicht die „Kuppel“.

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Wir verlassen Berlins bekanntesten Platz, überqueren die Französische Straße, wenden uns an der Ecke zur Behrenstraße nach rechts und kommen zum Bebelplatz. Friedrich der Große war der Bauherr, und der König wollte hier seine Vision eines monumentalen Kultur- und Bildungszentrums namens Forum Fridericianum, das die geistige Offenheit Preußens demonstrieren sollte, verwirklichen. Es entstanden das erste frei stehende Opernhaus Europas, eine auffällige katholische Kirche im ansonsten so protestantischen Berlin und eine Bibliothek, die aufgrund ihrer Bauweise von den Berlinern damals wie heute auch als „Kommode“ bezeichnet wird.

Traurige Berühmtheit erlangte der Bebelplatz, als die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 20.000 Bücher öffentlich verbrennen ließen. Eine Glasplatte gibt heute den Blick auf einen weißen Raum frei, der in seiner Größe jene 20.000 Bücher fassen könnte, die damals den Flammen zum Opfer fielen.

Weiter geht es über den Berliner Prachtboulevard Unter den Linden in Richtung Alexanderplatz. Am Weg liegt das Prinzessinnenpalais. Die Denkmäler davor erinnern auf der einen Seite an den preußischen Reformer und Befreiungskämpfer Gerhard von Scharnhorst und auf der anderen an Friedrich Wilhelm Bülow von Dennewitz. Letzterer war nicht nur ein bedeutender Militär, sondern auch den schönen Künsten zugewandt: Er komponierte nämlich Kirchenmusik.

Wir gehen nun am Zeughaus vorbei. Einst war es das Berliner Waffenarsenal, später die preußisch-deutsche Ruhmeshalle. Zu DDR-Zeiten beherbergte das Gebäude das Museum für Deutsche Geschichte, und nach der Wende zog hier das Deutsche Historische Museum ein. Mittlerweile wurde es durch einen hochmodernen Anbau an der Rückseite erweitert.

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Blick auf den Lustgarten und den Berliner Dom.

Auf der anderen Kanalseite liegt der Lustgarten. Ursprünglich als Küchengarten für das angrenzende Berliner Schloss angelegt, wurde er im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgestaltet. Heute zählt er neben dem Berliner Dom und dem als Humboldt Forum wiederaufgebauten Stadtschloss zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt. Auch die überdimensionale Granitschale hat längst ihren Weg in die Reisebücher aus aller Welt gefunden.

Unser Weg führt uns weiter an der St. Marienkirche vorbei. Der rote Backsteinbau fällt sofort ins Auge, nicht zuletzt wegen seiner Lage am Fuße des Berliner Fernsehturms. Am 13. September 1964 schrieb das Gotteshaus Weltgeschichte: Der US-Bürgerrechtler Martin Luther King reiste trotz der Berliner Mauer spontan nach Ost-Berlin ein. Ohne offizielle Genehmigung der DDR-Behörden hielt er in der völlig überfüllten Marienkirche vor rund 1500 Menschen eine bewegende Predigt über Versöhnung und Freiheit.

Das Kupferrelief „Der Mensch überwindet Zeit und Raum“ des Künstlers Walter Womacka an der Fassade des Hauses des Reisens.
Das Kupferrelief „Der Mensch überwindet Zeit und Raum“ des Künstlers Walter Womacka an der Fassade des Hauses des Reisens.

An der Kreuzung Alexanderstraße/Otto-Braun-Straße kommen wir am ehemaligen Haus des Reisens und am Kupferrelief „Der Mensch überwindet Zeit und Raum“ des Künstlers Walter Womacka vorbei. Im Zentrum dieses beeindruckenden Kunstwerks stehen zwei Menschen, ein Kosmonaut, ein Kompass und ein Planet, der auf den Weltraum verweist. Rechts und links werden sie von Landschaftsmotiven wie Wasser, Vögeln und Bäumen eingerahmt. Die Figuren sind dem linken Bildrand zugewandt und blicken der Sonne entgegen. Der Kosmonaut scheint ihnen mit seiner linken Hand, die ebenfalls in Richtung Sonne weist, den Weg zu zeigen. Walter Womacka leitete viele Jahre die Kunsthochschule Weißensee und entwarf zudem den Brunnen der Völkerfreundschaft auf dem Alexanderplatz.

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Kurz vor der Kreuzung Am Friedrichshain wechseln wir die Straßenseite, werfen einen kurzen Blick auf die St. Bartholomäuskirche und wandern dann in den Volkspark Friedrichshain hinein. Der Märchenbrunnen ist eine der prachtvollsten und geschichtsträchtigsten Brunnenanlagen der Stadt. Er sollte den Familien im damals dicht besiedelten und von Fabriken geprägten Arbeiterbezirk Friedrichshain einen idyllischen Erholungsort im Grünen schenken.

Berühmt ist der Brunnen vor allem für seine detailreichen Skulpturen aus Muschelkalk, die der Bildhauer Ignatius Taschner gestaltete. Sie erwecken die traditionellen Geschichten der Brüder Grimm zum Leben: Wer an den Beckenrändern entlangspaziert, entdeckt Figuren wie Hänsel und Gretel, Schneewittchen und die sieben Zwerge, Rotkäppchen, Aschenputtel und den gestiefelten Kater.

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Aufstieg zum Gipfel vom Großen Bunkerberg, im Volksmund auch „Mont Klamott“ genannt.© Jörg Krauthöfer/Funke Foto Services | Jörg Krauthöfer/FUNKE Foto Services

Hinter dem Brunnenensemble verlieren sich die Wege im Park. Einer von ihnen führt hinauf auf die höchste Erhebung des Bezirks. 78 Meter ragt der Große Bunkerberg in den Friedrichshainer Himmel. Seinen Namen erhielt der Hügel, ebenso wie sein kleiner Bruder ein paar Meter weiter, weil sich im Inneren die Überreste zweier Flaktürme befinden. Eine Sprengung durch die Rote Armee nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs misslang. Deshalb schüttete man rund 2,1 Millionen Kubikmeter Schutt darüber. Seitdem werden beide Hügel im Volksmund „Mont Klamott“ genannt. Im Jahr 1983 setzte die Band Silly mit Frontfrau Tamara Danz und ihrer unvergessenen Stimme dem Berg auf dem Album „Mont Klamott“ mit der gleichnamigen Single ein musikalisches Denkmal.

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Früher Ort der Erholung für Patienten und Patientinnen, heute auch ein Rückzugsort für Pflanzen und Insekten: Der Duftgarten lebt durch die Pflege des Nabu weiter.© Jörg Krauthöfer/Funke Foto Services | Jörg Krauthöfer/FUNKE Foto Services

Nach dem Abstieg geht es am Großen Teich und am Duftgarten vorbei weiter zum Parkausgang an der Danziger Straße. Dieser folgen wir nach rechts bis zu den Überresten der wohl beliebtesten Sport- und Freizeiteinrichtung der DDR, dem Sport- und Erholungszentrum, kurz SEZ, an der Landsberger Allee. Erich Honecker soll am Tag der Eröffnung persönlich den Startschuss für das Wellenbad gegeben haben. Heute wird über die Zukunft des Komplexes gestritten. Vom einstigen Glanz und von den zahlreichen Besuchern ist nicht mehr viel geblieben. Hier, am SEZ, endet unsere Wandertour durch die Berliner Innenstadt und den Volkspark Friedrichshain.

SEZ-Abriss
Blick ins Innere des einstigen Prestigeobjektes der DDR – das Berliner Sport- und Erholungszentrums (SEZ). Bild: © picture alliance / SZ Photo | Rolf Zöllner