Fußball gehört zu meinem Leben. Ich mag die Spannung vor dem Anpfiff, die Gespräche davor. Die Hoffnung, die einen in 90 Minuten packt. Ich mag die Geschichten, die dieses Spiel erzählt. Und wenn jetzt Weltmeisterschaft ist, sitze ich wie Millionen andere vor dem Fernseher, noch lieber aber mit Freunden in einem Biergarten.

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Immer wieder aber wird meine gute Stimmung getrübt: Vor jedem Spiel, nach jedem Spiel, manchmal sogar währenddessen wird geworben. Für Wetten. Für Quoten. Für die vermeintlich kluge Vorhersage. Wer gewinnt? Wer schießt das erste Tor? Als wäre Fußball nicht mehr interessant genug und müsste durch den Nervenkitzel des Geldes aufgerüstet werden.

Und ich spüre eine Traurigkeit, die wahrscheinlich nur Menschen verstehen, die einmal abhängig waren. Denn ich weiß, was hinter diesen bunten Bildern steckt. Ich war Automatenspieler. Ab meinem 16. Lebensjahr. Fast 20 Jahre lang.

Spielsucht zerstört Beziehungen, Freundschaften und Existenz

Meine Not als Spieler war riesig. Geld fehlte ständig. Für die Miete. Für einen Kinobesuch. Für ein gutes Essen. Für einen Urlaub. Für all die kleinen Selbstverständlichkeiten, aus denen ein gemeinsames Leben besteht. Wer hat schon Lust auf einen Spieler? Auf jemanden, der verspricht und nicht hält. Der immer wieder sagt: Ab morgen wird alles anders.

Meine Partnerschaften zerbrachen daran, Freundschaften litten darunter, meine Arbeitsplätze gerieten in Gefahr, es drohte sogar die Obdachlosigkeit. Ständige Angst bestimmte mein Leben.

Am größten aber war die Angst um meine kleine Tochter. Sie war noch sehr jung, als ich begriff, wie tief ich in der Sucht steckte. Ich wollte ihr Vater sein, Vorbild, wollte sie begleiten; ihr helfen, ihren Weg ins Leben zu finden. Ich hatte Angst, sie zu verlieren. Nicht juristisch, sondern menschlich. Davor, dass ihre Mutter sagen könnte: Von diesem Mann halte ich mein Kind besser fern.

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Es ging darum, etwas zurückzugewinnen, das ich unterwegs verloren hatte

Aus der Sucht herauszufinden, war schwer. Eine Selbsthilfegruppe half mir. Freunde halfen mir, meine Familie auch. Und eine langjährige Therapie. In dieser ging es auch darum, mit Depressionen leben zu lernen, sie zu verstehen. Und mit ihnen umzugehen, wenn sie wieder an die Tür klopfen.

Vor allem aber ging es darum, etwas zurückzugewinnen, das ich unterwegs verloren hatte: Lebensfreude. Lebenslust. Die Fähigkeit, morgens aufzuwachen und sich auf den Tag zu freuen. Früher habe ich oft geglaubt, mein Glas sei leer. Heute denke ich: Das stimmt gar nicht. Oftmals ist das Glas halb voll, manchmal fließt es sogar über. Nicht jeden Tag. Das Leben ist schließlich kein Ponyhof. Es gibt Sorgen, Krankheiten, Abschiede und Rückschläge.

Aber es gibt eben auch Freundschaften. Liebe. Gott. Hoffnung. Gelungene Tage. Gemeinsames Lachen. Die Gewissheit, schwierige Zeiten überstanden zu haben. Und wenn ich auf meine Tochter schaue, dann empfinde ich vor allem Glück. Sie ist längst erwachsen und meistert ihr Leben und seine Herausforderungen auf eine Weise, die mich beeindruckt. Oft sind ihre Taschen voller, als meine es in ihrem Alter waren – voller Ideen, Pläne, Mut und Zuversicht.

Die Anbieter verdienen daran, dass Menschen dauerhaft spielen

Fünf Euro auf die Anzahl der Ecken, 500 Euro darauf, dass die Niederlande Weltmeister werden … Ich werde hellhörig, wenn heute Glücksspiele so selbstverständlich daherkommen. So freundlich. So normal. Denn bei all diesen Angeboten geht es nicht um die Liebe zum Sport. Es geht nicht um Gemeinschaft. Nicht um mein Wohl. Es geht um mein Geld. Die Anbieter verdienen nicht daran, dass Menschen gelegentlich gewinnen. Sie verdienen daran, dass Menschen dauerhaft spielen!

Und während ich die WM schaue und mich über schöne Tore freue, denke ich auch an die Menschen, die gerade abrutschen. Die vielleicht glauben, sie hätten alles im Griff. Die noch nicht wissen, wohin dieser Weg führen kann. Manchmal sitze ich heute vor einem Fußballspiel, sehe die Werbung der Wettanbieter und denke an den Mann zurück, der ich einmal war. An seine damalige Einsamkeit. Dann denke ich erneut an meine Tochter. Und daran, dass ihre Zukunft nicht an einem Spielautomaten verloren gegangen ist. Das ist kein Gewinn. Das ist sehr viel mehr.

Kolumne Nachtgestalten: Lesen Sie hier mehr Artikel von Dieter Puhl