Mehr als 2,6 Millionen Kinder in Deutschland erleben Suchtprobleme ihrer Eltern. Vom 18. – 24. Februar findet eine bundesweite Aktionswoche unter dem Motto „Wir sind Millionen“ statt. Initiativen, Anlaufstellen und Selbsthilfegruppen stellen ihre Angebote vor. In Berlin gehört dazu die gemeinnützige Stützrad GmbH. Eines seiner Angebote ist die Familiengruppe Mara. Sie begleitet Eltern, die seelisch belastet sind, vor der Geburt und besonders im ersten Lebensjahr des Kindes bis zu viermal pro Woche für sechs Stunden und in Krisen darüber hinaus. „Unsere Familien sind sehr unterschiedlich“, sagt die Sozialpädagogin Magali Heyberger, „sie kommen nicht ausschließlich wegen einer Sucht oder psychischen Erkrankung zu uns. Aber das ist oft ein Thema, auch wenn es zu Beginn der Hilfe noch nicht offen thematisiert wird.“ Hauptsächlich geht es darum, den Eltern zu helfen, in ihre Elternrolle hineinzufinden. Dabei geht es um Fragen wie: Was braucht mein Kind, um sicher aufzuwachsen? Wie kann ich ihm Geborgenheit geben, die ich in meiner eigenen Kindheit vielleicht vermisst habe? Welche Routinen brauchen wir und wo gibt es Unterstützung für mich, wenn nach der Geburt alles anders ist, als ich es mir vorgestellt habe?

Es geht beim Angebot von Mara darum, Lücken im Hilfesystem zu schließen – die Bedürfnisse des Kindes im Blick zu behalten und die Eltern zu unterstützen für ihr Kind da zu sein und sich gleichzeitig ausreichend um sich und ihre Gesundheit zu kümmern. Oft kann so vermieden werden, dass die Familie in eine Eltern-Kind-Einrichtung ziehen oder ein Kind aus der Familie gegeben werden muss. Die Hilfe wird von den Regionalen Diensten der Jugendämter vermittelt.

Die richtige Hilfe finden

Die richtige Hilfe zu finden, ist für Familien oft schwierig. Da ist die Unsicherheit: Was passiert, wenn ich mich bei einer Behörde wie dem Jugendamt melde? Wo kann ich finanzielle Hilfen oder rechtliche Betreuung beantragen? Oft wollen Großeltern, (Ex)-Partner oder Freunde helfen, wissen aber nicht wie – sie machen sich Sorgen, sind selbst überfordert, überschreiten Grenzen. Stützrad gGmbH berät und begleitet auch Angehörige.

„Viele nehmen uns als Angebot für das erste Lebensjahr eines Kindes wahr, aber wir sind in unseren Hilfen flexibel und orientieren uns am Bedarf des Familiensystems“, sagt Magali Heyberger. „Wenn eine gute Beziehung aufgebaut wurde, können wir Familien noch im zweiten Lebensjahr des Kindes über wichtige Entwicklungsschritte hinweg begleiten – bis etwa ein passender Kitaplatz gefunden ist.“

Durch die Frühen Hilfen konnte die Vernetzung der Hilfen in den ersten Lebensjahren von Kindern aus belasteten Familien enorm verbessert werden. Auch in der Stützrad gGmbH, dem Träger von Mara, gibt es zum Beispiel Familienhebammen, die familiäre und gesundheitliche Krisen früh erkennen und Hilfe vermitteln können.

Magali Heyberger erzählt von einer Mutter, die mit ihrem Wunschkind schwanger wurde. Weil ihre Beziehung kompliziert war, hatte das Paar entschieden, getrennte Wohnungen zu behalten. Noch in der Schwangerschaft fühlte sich die Mutter unsicher, hatte viele Ängste und nach der Geburt kehrte eine Essstörung und Depression zurück. In ihrem Freundeskreis wurde viel gekifft, wenn das Kind bei seinem Vater war, konsumierte sie auch. Er wiederum war beruflich selbständig – und versorgte den Säugling nun mehrere Tage und Nächte am Stück allein, womit er nicht gerechnet hatte. Wie die Mutter war er oft unsicher darin, die Bedürfnisse des Babys zu erkennen. Es gab heftigen Streit, auch über seinen Alkoholkonsum und darüber, dass er in „kindfreien“ Zeiten nicht erreichbar war.

Bereits die Gynäkologin hatte eine Familienhebamme vermittelt, die schlug nun Unterstützung des Jugendamts vor und so kam die Familie zu Mara. Während der Vater mit dem Baby zu den Gruppenterminen kam, konnte die Mutter zur Therapie gehen. Er wurde sicher darin, das Kind allein gut zu versorgen. Beide lernten, in ihrer Elternrolle zu wachsen, Routinen zu entwickeln und die Tochter erlebte liebevolle Eltern, die sich gegenseitig nun vertrauten.

Viel Wechsel und Unterbesetzung: Herausforderungen im Hilfesystem

Wie viele Akteure im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe nimmt auch Stützrad gGmbH eine Unterbesetzung und viele Wechsel in den Jugendämtern wahr. Ein Phänomen, das sich während der Pandemie verstärkt hat – und im schlimmsten Fall bewirken könne, dass kleine und besondere Angebote wie z.B. das der intensiven Familiengruppe verschwinden, „weil die neuen Mitarbeiter in den entsprechenden Stellen unsere Angebote nicht kennen“, so Heyberger. Hinzu komme, dass die Verantwortlichkeiten zwischen Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, Sozialpsychiatrischem Dienst, der Suchthilfe und/oder der Psychiatrie gut gemanagt werden müssen, denn „jeder ist für etwas anderes zuständig“