Kommt sie raus oder kommt sie nicht raus? Das ist die entscheidende Frage an diesem Tag im Zoo Berlin. Neun Grad, trüb und wolkig, das ist kein Wetter für eine alte Gorilla-Dame. Ein bisschen Sonne hätte sie sich schon für ihren Geburtstag gewünscht. Doch dann erscheint sie ganz überraschend, Punkt zehn Uhr, mit dem Glockenläuten der Gedächtniskirche klettert sie ihren Felsen hinab. Gemächlich, ehrwürdig, geübt.

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Sagenhafte 69 Jahre ist Fatou am Montag geworden, das sind weit mehr als 100 Menschenjahre. Und dennoch lässt sie sich nicht lange bitten. Zielstrebig hat sie ihren bunten Geschenkkorb auf der Außenanlage im Zoo im Blick. Der verspricht Genuss und Abwechslung für eine ganz besonders alte Dame: Laut Guinness-Buch der Rekorde ist sie der älteste Gorilla der Welt.

Obst wurde vom Speiseplan der alten Dame gestrichen

Mit Karotten, Datteltomaten, bunter Bete und Salat wird sie zu ihrem Ehrentag beglückt. Noch lieber wären ihr Weintrauben, Bananen und Äpfel gewesen. Aber die wurden vom Speiseplan gestrichen. „Die Futterpläne wurden überarbeitet und umgestellt“, sagt Kuratorin Jennifer Hahn. Obst führe aufgrund des Zuckergehaltes zu Übergewicht und Darmproblemen und sei nicht gut, vor allem nicht für einen so alten Affen. Den Zustand von Fatou kann sie in einem Satz zusammenfassen: „Man merkt ihr das Alter an.“

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Auf Nachfrage zählt Jennifer Hahn die Gebrechen auf, die auch jeden alten Menschen treffen können. Ihre Augen sind leicht getrübt, aber sie erkennt noch die Umgebung. Arme und Beine kann sie nicht mehr ganz durchstrecken. Die Arthrose macht ihr zu schaffen; aufstehen, hinsetzen, laufen – alles dauert länger. Zähne hat sie auch keine mehr. Aber sie reagiert auf Geräusche, hört also noch ganz gut. Alle vier Wochen wird sie durchgecheckt. „Sie hat gute und schlechte Tage, immer schwankend“, sagt die Kuratorin. Besser werde nichts. Es sei möglich, dass die Gorilla-Seniorin die 70 Jahre erreiche. „Es ist aber auch möglich, dass sie morgen nicht mehr aufwacht.“

69. Geburtstag der Gorilla-Dame Fatou im Berliner Zoo
Fatou sucht sich aus ihrem Körbchen ganz gezielt ihre Lieblingsleckereien raus.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Zum Ritual gehört am Morgen und am Abend eine Tasse Tee

Während sich Fatou Tomaten und Salatblätter vor den Augen der Besucher aus dem Korb angelt, erzählt Tierpfleger Christian Aust von ihrem Tagesablauf im Zoo. Zum Ritual der betagten Gorilla-Dame gehört am Morgen und am Abend eine Tasse Tee. „Früchtetee trinkt sie am liebsten“, erzählt der Tierpfleger. Fatou ist früh wach, oft schon um 7 Uhr, und freut sich auf ihr Frühstück. Vorher bekommt sie schon mal einen kleinen Snack, um ihr die Wartezeit zu verkürzen. Mehrere kleine Mahlzeiten verteilen sich dann über den Tag.

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Bei schönem Wetter geht sie raus, „ruht sich aus, läuft über die Anlage, flirtet mit den Besuchern oder döst in der Sonne“, so Aust. Sie hat ihr Revier für sich allein, kann die Gorilla-Gruppe mit Silberrücken Sango, sowie den Weibchen Djambala, Bibi, Mpenzi und Tilla aber im Nachbargehege sehen und hören.

Wenn alle anderen Affen reingeholt werden, dann bleibt sie gern noch draußen und genießt die Abendsonne.

Christian Aust, , Tierpfleger und verantwortlich für den Primatenbereich

In der Natur hätte sie sich schon lange nicht mehr in der Gruppe durchsetzen können. 35 bis 45 Jahre werden Gorillas in ihrem natürlichen Lebensraum. Mit der medizinischen Behandlung und einem ausgewogenen Futterplan hat es Fatou nun auf ein biblisches Affenalter in ihrem Solo-Seniorengehege gebracht. Noch weiß sie das Leben zu schätzen. „Wenn alle anderen Affen reingeholt werden, dann bleibt sie gern noch draußen und genießt die Abendsonne“, erzählt Christian Aust.

Fatou feiert Geburtstag – Besucher reisen von weit her an

Seit die Gorilla-Dame die 60 überschritten hat, wird auch immer wieder ihre Herkunftsgeschichte erzählt – jedes Jahr mit ein paar mehr ausschmückenden Details. Sie wurde in etwa so überliefert: Geboren wurde Fatou in Westafrika in freier Wildbahn. Ein französischer Matrose hatte das zwei Jahre alte Tier 1959 von dort mit nach Marseille gebracht. Als er in einer Bar seine Rechnung nicht bezahlen konnte, gab er den Gorilla in Zahlung. Mit dem Affen auf dem Arm soll die Wirtin in Berlin gelandet sein und das Tier im Zoo abgegeben haben.

Natürlich wollten auch Fatou-Fans den besonderen Geburtstag nicht verpassen. Torsten Schöne war für diesen einen Tag extra aus Bitterfeld angereist. Er sei schon zum 60. von Fatou dagewesen und auch im vergangenen Jahr, erzählt der 63-Jährige. Da habe er sich vorgenommen, dieses Jahr wiederzukommen. Das Datum kann er sich leicht merken, weil er ein paar Tage später selbst Geburtstag hat. „Die Reise habe ich mir selbst geschenkt“, sagt Schöne. Er freut sich, die alte Dame so agil wiederzusehen: „Man sieht keinen großen Unterschied zum vergangenen Jahr“, sagt er.

Für ihr Alter sei sie wirklich fit, ergänzt Tierpfleger Christian Aust. Die Rutsche, die man ihr gebaut hat, damit sie nicht mehr den Felsen runterklettern muss, ignoriert Fatou. Sowas braucht sie nicht, sie kann schließlich noch klettern.