„Wir hab‘n den Winter überlebt.“ So lautet der Refrain eines Songs der Indie-Pop-Band Jeremias. Die vier Jungs aus Hannover haben damit einen Nerv getroffen. Zugegeben: Ich bin kein großer Fan. Und auch habe ich das Lied lange nicht gehört. Doch liefert es derzeit mehr als nur eine musikalische Botschaft – es liefert eine universelle Wahrheit.

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Die Liedzeilen der Band aus meiner Heimatstadt kommen mir in den Sinn, kaum dass ich den in Sonnenlicht getauchten Gendarmenmarkt betrete. Die Menschen dort recken ihre Köpfe, um das Gesicht möglichst aufs Sonnenlicht auszurichten. Jacken werden lässig über die Schulter gelegt oder unter dem Arm eingeklemmt.
Leichte Wollpullis, Sneaker und dünne Hosen bestimmen das Bild. Alles wirkt wie ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich Berlin langsam aus dem Griff der kalten Jahreszeit befreit. Ein Winter, vor dem einen die Ur-Berliner warnen. Mein dritter Winter an der Spree. Diesmal wirklich ein echter. Mit so viel Schnee wie schon seit Jahren nicht mehr. Und in Hannover waren die Gehwege nie so lebensgefährlich glatt wie in Berlin.
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Der Frühlingswind – Realität oder Wunschdenken?
„Schau, der Wind hat sich gedreht – Hörst du auch, wie laut er weht?“, singt Jeremias weiter. Nun, ich spüre keinen Wind. Also denke ich, das muss Quatsch sein. Schon der Gedanke an das Wort „Frühling“ erscheint mir absurd. Bald werde ich doch wieder durch Berlin schlittern, während ich mich über meine Winterschuhe ärgere, die scheinbar das Profil von Flip-Flops haben – davon bin ich überzeugt.
Doch was hilft, wie so oft, wenn man keine Ahnung hat? Fragen! Hat sich der Wind wirklich gedreht, auch wenn ich ihn nicht spüre? Ist der Winter überstanden?
Der Frühling im Aufwind
Meteorologe Fabian Ruhnau verrät mir, dass wir in Berlin lange Ostwind mit winterlich kalten Luftmassen aus Nordosteuropa hatten. Jetzt würden die Winde nach Südwest bis Süd drehen. Die Luft kommt deswegen aus Südeuropa – und das bringt deutlich mildere Temperaturen.
Der Frühling scheint also tatsächlich langsam Fahrt aufzunehmen. Punkt für den Indie-Pop aus der Heimat.

Neue Leichtigkeit liegt in der Luft
„All den Schmutz und all den Dreck – die Gewohnheit, jeden Fleck – all das Alte weht er weg“, heißt es weiter im Song. Und ja: Das ist wieder ein Volltreffer für Niedersachsen. Bei meinem Spaziergang spüre ich förmlich, wie der Winter Berlin verlässt. Freude kommt in mir auf. Ich merke, wie sehr ich plötzlich Lust habe, zu Fuß unterwegs zu sein. Also schlendere ich Unter den Linden entlang und blicke bei klarer Sicht auf den Fernsehturm. Er glänzt in der Sonne – als hätte auch er die Last des Winters hinter sich gelassen.
Und obwohl das Knirschen des Splitts unter meinen Schuhen noch zu hören ist und die BSR wohl bis April benötigt, um alle Gehwege zu reinigen, ziehen jetzt wieder Fahrradfahrer an mir vorbei. Sonnenbrillen sind bei fast allen unverzichtbare Begleiter. Und niemand muss mehr vorsichtig absteigen, aus Sorge, auf dem glatten Untergrund zu stürzen.

Zwischen Sonnenstrahlen und Grün
Am Rand des Volksparks Friedrichshain entdecke ich Mütter und Väter, die ihre Kinderwagen über die gepflasterten Wege schieben. Die Babys sind zwar noch dick eingepackt in warme Decken, doch die Gesichter der Eltern strahlen Ruhe aus. Sie sind nicht mehr verhüllt oder verkrampft, um sich vor der Kälte zu schützen. Sie lächeln.
Am Ufer des Schwanenteichs, der noch zugefroren ist, haben sich Menschen versammelt. Sie ruhen auf Bänken. Spüren dort den wärmenden Sonnenstrahlen nach, während die Vögel wieder ihre Lieder anstimmen. Sportler bewegen sich über die Wege, während Hunde ausgelassen über die Wiesen tollen.
Direkt neben dem Teich liegen die Terrassen des Restaurants Schoenbrunn – zwar noch verwaist, doch scheinen auch sie nur darauf zu warten, die Menschen bald wieder willkommen zu heißen. Die Luft noch kühl, ist es zwischen den Ästen wieder grün geworden.

Berliner Gelassenheit in der Tram
An der Danziger Straße spaziere ich entlang der Fassaden. Genau wie die anderen Straßen befand sie sich wochenlang fest im Griff des Frostes. Mit jedem Schritt fühlt es sich an, als würde etwas mehr Winterdunkelheit verschwinden.
An der Paul-Heyse-Straße steige ich in die M10. Ich setze mich und schaue mich um. Auch hier ist es, als würden die Sonnenstrahlen, die durch die Fenster fallen, die Stimmung leichter machen als noch vor ein paar Wochen. Man sieht keine dicken Mäntel mehr. Nur leichte Jacken, gelegentlich einen Pullover, dazu Sonnenbrillen.
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Die Tram stoppt – aber nicht an einer Haltestelle. Sie hält kurz vor der Station Landsberger Allee/Petersburger Straße. Ein leises Rauschen folgt, der Fahrer meldet sich über die Lautsprecher: „Bleib’n se janz entspannt, jenieß’n se den schönen Tach und dit traumhafte Wetter – geht gleich weiter!“ Ich muss lachen. Schlagartig bin ich mir ganz sicher: Wir haben den Berliner Winter tatsächlich endlich überlebt.







