Es ist eine gut vier Meter hohe Düne aus Kartoffeln, gegen die der Besucher kurz hinter der Eingangstür der riesigen Halle mit dem Wellblechdach blickt. Die Knollen wurden von mobilen Fließbändern zu einem oben erstaunlich glatten Tafelberg aufgeschüttet. Der typisch wohlige Kellerduft liegt in der Luft. Erdig, ein klein bisschen feucht. Dafür, dass es nicht muffig wird, sorgen Lüftungsschlitze und große Ventilatoren im Unterboden.

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Die Halle in Frohburg, südlich von Leipzig, gehört der Osterland Agrar GmbH. Sie hatte 4000 Tonnen Kartoffeln an einen Händler verkauft, der sie zwar bezahlt, dann aber nicht abgeholt hat. Die Marktpreise hatten sich geändert, das Geschäft schien, den Transport eingerechnet, auf einmal unattraktiv für den Käufer.
Kartoffel-Überschuss stellt Frohburger Betrieb vor Platzproblem
Er hat bezahlt, aber nicht abgeholt. Und somit hatten die Frohburger ein Problem: Kartoffeln sind lange haltbar, aber nicht ewig. Und der Betrieb braucht den Platz.

Im Regelfall bringen Bauern Überschussproduktion in die Biogasanlage, wo Lebensmittel zu Energie werden. Doch diesmal war es einfach grotesk zu viel, fand Geschäftsführer Hans-Joachim von Massow.
Pro Jahr erntet die Osterland Agrar 10.000 Tonnen Kartoffeln. Nun sollte sie 40 Prozent der Ernte verfeuern? Zusammen mit der Suchmaschine Ecosia und der Berliner Morgenpost haben die Frohburger stattdessen ein großes Kartoffelverschenken organisiert.
Am Mittwoch, beim Besuch der Morgenpost vor Ort, wurden die ersten beiden Lastwagen von zwei flinken Gabelstaplern beladen und machten sich auf den Weg nach Berlin, wo ab Freitag die Kartoffeln der Sorte Agria an diversen Stellen kostenlos abgeholt werden können.
Vom Unternehmensberater zum Bauern: Hans-Joachim von Massow wechselte die Branche
Hans-Joachim von Massow hat BWL studiert, ist als Unternehmensberater herumgejettet, hat später eine eigene Firma gegründet und ist dann in die Landwirtschaft eingestiegen. Beim Besuch der Morgenpost trägt er Gummistiefel statt Lederschuhe. Vom BWLer zum Bauern äußerlich. Und irgendwie auch innerlich.
Zwar hält er noch immer die Zahlen im Blick, aber diese enorme Kartoffelmenge hat ihn erschüttert. „Wir können nicht einfach fast die Hälfte von dem, was wir vom Acker geholt haben, wegwerfen“, sagt von Massow, „das können wir den Menschen nicht erklären, und das können wir auch unseren Mitarbeitern nicht antun.“
Das können wir den Menschen nicht erklären, und das können wir auch unseren Mitarbeitern nicht antun.
Hans-Joachim von Massow, Geschäftsführer der Osterland Agrar GmbH
Der Betrieb produziert mit viel Liebe, zum Großteil in Bioqualität, die Kartoffeln jedoch bisher nicht. Von Massow kann viel davon erzählen, wie der Kartoffelpreis während Corona im Keller war, „weil niemand mehr Pommes gegessen hat – Pommes sind ein Auswärtsessen, und die Gastronomie war ja geschlossen.“
Erster Kartoffel-Lkw versorgt 20 Berliner Haltepunkte und die Tafel
Der erste Lkw mit Kartoffeln fährt ab Donnerstag früh durch Berlin und beliefert die ersten 20 Haltepunkte, wo die Knollen abgeholt werden können. Der andere fährt schnurstracks zur Berliner Tafel, die eine ganze Lkw-Ladung abnimmt.
Der Fahrer wechselt nach der Ankunft in Frohberg seine Cockpit-Schuhe gegen die Straßenschuhe. Als er auf die 20 Haltepunkte in Berlin angesprochen wird, seufzt er. Mit Anhänger wird das eine elende Rangiererei. Aber es wird am Ende funktionieren.

Das Erste, was wir dachten, als wir in der Redaktion vom irren Plan unseres Chefredakteurs Peter Schink hörten: Klingt ja irgendwie nach Berlin-Blockade. Die Zeiten heute sind andere, und doch haben Inflation, Weltkrisen und Lebensmittelrettungsbewegungen wie das Containern das Bewusstsein für Lebensmittel wachsen lassen. Heute kommen Kartoffeln aus dem Supermarkt. Glaubt man irgendwie.
Aber natürlich kommen sie, wie seit Jahrhunderten, vom Feld. Ältere Berliner kennen sie noch aus der Zeit, als man in Geschäften des Berliner Kartoffelkönigs Krohn die Knollen lose mit der Mistgabel vom Holzboden in eine mechanische Waage geschippt bekam. 1998 musste Krohn Insolvenz anmelden. Heute kommen Kartoffeln frisch gewaschen aus dem Supermarkt. Die Osterland-Gratiskartoffeln kommen ungewaschen.
Vom Alltag am Fließband: Kartoffeln sortieren mit Routine
Es habe auch Kritik von anderen Bauern gegeben, „die das nicht so gut finden, dass wir die Kartoffeln abgeben“, gibt von Massow zu. „Aber ich sehe das als Maßnahme, die langfristig auch gut ist für die Kartoffel und für die Landwirtschaft insgesamt. Ich hoffe, dass die Deutschen ihre Kartoffel wiederentdecken, vielleicht mal neue Rezepte ausprobieren.“
Ines kennt die Kartoffel wohl so gut wie kaum jemand anders. Sie steht seit 23 Jahren am Förderband und sortiert aschenputtelmäßig die guten und die schlechten Knollen. Und wie bewältigt man die Arbeit? „Sie meinen, wie weich man in der Birne wird?“, fragt sie und lacht. „Das ist wie jede Fließbandarbeit. Man gewöhnt sich.“ Abwechslung ist zum Beispiel, wenn sie eine Kartoffel in Herzform findet. Später kommt sie noch einmal vorbei, sie hat im Gespräch etwas vergessen. „Das Kreuz tut einem schon manchmal weh.“

Es sind Leute wie Ines, die den Laden seit Jahrzehnten am Laufen halten, oder junge Menschen wie Dshamila und Lukas, die sich hoch qualifiziert für die Landwirtschaft einsetzen.
Denn Landwirtschaft ist, trotz aller Maschinen und Technik, auch immer Handarbeit. Und wenn Sie, liebe Leser, sich Ihre Kartoffeln abholen, denken Sie vielleicht auch einen Moment an die Leute, die sie für Sie gepflanzt, gepflegt, geerntet, sortiert, verpackt und gefahren haben: Lukas, Dshamila, Felix, Johann, Ines. Und alle anderen.





