Die Büros des Berliner Klimaschutzunternehmens Ecosia liegen in einem hellen Loft an der Gerichtstraße in Wedding. Gründer und Geschäftsführer Christian Kroll ist in Elternzeit. Auch Génica Schäfgen startet in wenigen Tagen in die Babypause. Die 32-jährige Berlinerin ist bei Ecosia verantwortlich für den deutschen Markt.

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Kroll hat die grüne Proxy-Suchmaschine, die Bäume pflanzt, 2009 in Berlin gegründet, als „eine unternehmerische Lösung für die Klimakrise“. Heute hat Ecosia über 20 Millionen Nutzer und 110 Mitarbeiter, hauptsächlich in Berlin. Ecosia zeigt, dass Klimaschutz und wirtschaftlicher Erfolg funktionieren können.

Génica Schäfgen von Ecosia
Génica Schäfgen (32) von der Berliner Suchmaschine Ecosia.© Ecosia.org | Ecosia

Die Nobelpreis-Jury hat auf den Vorschlag noch nicht geantwortet

Ecosia hat letzte Woche eine Million Euro für einen Nobelpreis für Klimaschutz bei einem Notar in Berlin hinterlegt. Im Büro in Berlin steht schon ein Sessel, auf dem der erste Preisträger Platz nehmen soll. Schäfgen: „Es gibt keinen Preis für Umwelt und Klimaschutz. Wir bitten die Nobel-Stiftung, diesen Nobelpreis jetzt zu etablieren“, so Schäfgen. „Wir verpassen das Ziel des Pariser Klimaabkommens. Daher ist es wahnsinnig wichtig, die Sichtbarkeit hochzuhalten von Menschen, die viel bewegen. Deswegen ist es uns ein großes Anliegen, dass es diese Auszeichnung gibt.“ Bislang hat die Nobelpreis-Jury noch nicht auf den Vorschlag geantwortet.

Stichwort Geld: Ecosia hat seit seiner Gründung vor 16 Jahren fast 100 Millionen Euro für den Klimaschutz eingesammelt und knapp 245 Millionen Bäume weltweit gepflanzt. Ecosia betreibt keine eigene Suchmaschine, sondern leitet Suchanfragen zum Beispiel an Google und Bing von Microsoft weiter, zeigt die Ergebnisse an und verdient an der Online-Werbung, die vor den Suchergebnissen geschaltet wird. „Klickt jemand drauf, verdienen wir Geld, wie bei anderen Suchmaschinen auch“, erklärt Schäfgen.

Ecosia will von Google und Microsoft unabhängig werden

In Zukunft will sich Ecosia von Google und Microsoft lösen. Zusammen mit der französischen Suchmaschine Quant wird ein eigener Suchalgorithmus entwickelt. In Frankreich nutzt Ecosia diesen bei jeder dritten Suchanfrage, 2026 soll Deutschland folgen. „Unser Ziel ist es, einen eigenen europäischen Index anbieten zu können, der aus Europa kommt – und nicht von zwei Unternehmen, die in einem Land sitzen, das schwierige Beziehung zu Europa hat“, so Schäfgen.

Büro Ecosia
Viel Pflanzen und Holz: Teil der Büros von Ecosia in Wedding. © Ecosia | Ecosia

Das ursprüngliche Pflanzziel, eine Milliarde gepflanzte Bäume, wurde nicht erreicht. Schäfgen betont, dass das Ziel weiterhin angepeilt werde. Als sie vor sieben Jahren bei Ecosia anfing, stand der Zähler noch bei 30 Millionen Bäumen. Der Marktanteil lag zuletzt bei 1,18 Prozent. Weit weg von Google, trotzdem ein Erfolg.

Der Marktanteil von Ecosia lag zuletzt bei 1,18 Prozent

Zwar mache Ecosia online auch Werbung bei Google, aber man schaue bei jeder Ausgabe, ob sie profitabel sei. Die Frage lautet: „Bekommen wir dadurch die User, die dann die Bäume pflanzen“, so Schäfgen. Ecosia legt seine Zahlen offen, veröffentlicht Kosten für Personal und Werbung, Umsatz und Gewinn auf der Website. 3,88 Millionen Euro Umsatz waren es im Oktober, 550.000 Euro wurden für Gehälter ausgegeben. 1,62 Millionen Euro gingen an Klimaschutz-Projekte weltweit.

Großen Wert legt das Klimaunternehmen auf Datenschutz. „Selbst wenn wir den Google-Algorithmus benutzen, wissen wir nicht, wer der Nutzer oder die Nutzerin ist. Wir haben keine Ahnung, was sie sucht, wer sie ist, wo sie ist“, betont Schäfgen. Das Nutzerverhalten wird nicht verfolgt, Daten nicht zu einem Profil zusammengefügt. Auch die kürzlich gestartete KI-Suche kennt den Nutzer nicht. „Es gibt da draußen sehr viele Menschen, die es als Vorteil empfinden, datenschutzfreundliche Alternativen zu haben“, erklärt sie. Ecosia-Nutzer kennen und schätzen auch den „Impact Counter“, ein kleines Blatt-Symbol auf der Seite, daneben zeigt eine Zahl, wie viele gepflanzte Bäume ihre Suche ermöglicht hat. Die neue Künstliche-Intelligenz-Suche ist optional und kann abgestellt werden. Die Reaktionen der Nutzer darauf fielen gemischt aus, stromhungrige KI und Klimaschutz passen für viele nicht gut zusammen.

Doch Ecosia baut seit neun Jahren auch Solarparks. Zum Beispiel in Bayern mit der Firma Naturstrom, aber auch in Brandenburg, Sachsen und im Ausland. Auch ein erstes Windprojekt ist in Planung. Heute produziert Ecosia nach eigenen Angaben mehr als doppelt so viel sauberen Strom, als es verbraucht.

Büro Ecosia
Baum-Freunde: Ecosia hat bald 245 Millionen Bäume weltweit gepflanzt. © Ecosia | Ecosia

Die KI liefert Antworten auf komplexe Fragen in ganzen Sätzen, ohne erhobenen Zeigefinger. Die Frage nach einem neuen Porsche wird sachlich beantwortet, ein Elektromodell empfohlen. Dafür nutzt Ecosia ein europäisches KI-Modell, die European Search Perspective (EUSP), und Gemini von Google, die sich vom Nutzer abschalten lassen. Auch einen KI-Chatbot gibt es, von OpenAI, laut Ecosia ist er besonders energieeffizient. Der Bot soll in Zukunft wie ein KI-Klimaberater funktionieren. Nicht neutral, aber transparent. Er soll „hilfreiche Hinweise liefern, ohne zu nerven.“

Schäfgen gründete den Berliner Baumentscheid mit, Ecosia gab 100.000 Euro zum Start

Schäfgen hat in Berlin den erfolgreichen Baumentscheid gegründet, zusammen mit Umweltaktivist Heinrich Strößenreuther. Ecosia hat mit einer Anschubfinanzierung von 100.000 Euro den Start der Initiative ermöglicht. „Wir sehen die Entwicklung extrem positiv, Berlin hat eine Strahlkraft. Und ein Klimaanpassungsgesetz auf kommunaler bis Stadtebene gibt es ja bisher noch nicht.“

„Die Politik hat sich das angeguckt und erst mal gedacht: Wir schreiben ein eigenes. Und dann haben sie es gelesen und gemerkt, das ist echt gut, und sie haben es übernommen. Das ist eine Symbolkraft, die mir persönlich sehr wichtig ist“, erklärt Schäfgen. „Wir wissen, dass wir in Berlin etwas geschaffen haben, was in den nächsten 20 Jahren das Stadtbild verändert und das Erleben für die Menschen, die hier älter werden.“