Es gibt in Berlin unzählige gute Ideen, um die Stadt besser zu machen. Das ist die Botschaft der Neustart-Konferenz der Berliner Morgenpost, des Tagesspiegel und von radioeins im alten Gasometer auf dem Schöneberger Euref-Campus. „Wir müssen gemeinsam zeigen, dass Veränderung möglich ist“, sagte Euref-Vorständin Karin Teichmann zur Begrüßung der rund 300 Gäste. Der Nachmittag sei gelungen, wenn es gelinge, für die acht präsentierten Vorschläge „Hindernisse aus dem Weg zu räumen“, sagte die Gastgeberin.

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Tagesspiegel-Herausgeber Lorenz Maroldt stellte fest, jahrelang sei es „leicht gewesen zu sagen, wofür Berlin steht“. Mittlerweile kämpften die Menschen jedoch mit ihrem Alltag. Morgenpost-Chefredakteur Peter Schink sieht das ähnlich: „Die Stadt steckt auch ein bisschen fest“, sagte er. Es habe sich in Berlin ein Gegeneinander entwickelt.
Einzelpersonen, Unternehmen und Initiativen haben 70 Konzepte eingereicht
Um das zu ändern, waren 70 Einzelpersonen, Projekte, Vereine und Unternehmen dem Aufruf gefolgt, ihre Ideen für ein besseres Berlin einzureichen. Thematisch reichte die Palette von Wohnen, Stadtentwicklung, Verkehr über Kultur bis hin zu gesellschaftlichen Projekten für mehr Zusammenhalt. Fachjuroren aus der Expo Berlin 2035, die viele Initiativen einbeziehen will, aus der Investitionsbank Berlin, der Industrie- und Handelskammer sowie den beteiligten Redaktionen hatten die spannendsten Vorschläge vorsortiert. Sie mussten nachhaltig sein, relevante Themen angehen und eine realistische Perspektive der Umsetzung bieten.

Acht Vorhaben wurden am Freitag auf der Bühne des Euref-Konferenzzentrums präsentiert, davon drei von der Schluss-Jury ausgewählte Projekte auch im Detail. Weitere Projekte stellten sich in einem Nebenraum den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor. Es wird aber kein erster Preis gekürt, es geht um die Breite der Ideen für die Stadt.
Tiny Houses in leeren Bürogebäuden könnten jungen Leuten eine Bleibe bieten
Für die Wohnungskrise stellte Alexander Sascha Wolf eine Option vor allem für junge Leute vor. Mit seinem Verein Transiträume bringt er Immobilienbesitzer zusammen mit Menschen, die Räume zum Wohnen oder als Ateliers suchen. In leerstehende Fabriketagen oder Büros möchte er Tiny Houses stellen. Dazu kämen gemeinsam genutzte Bäder, Küchen und Aufenthaltsflächen. Solche Modelle seien als „serviced Apartments“ auch in Gewerbeflächen genehmigungsfähig. Die Mieter müssten aber nach einem halben Jahr wieder ausziehen.
Wolf skizzierte die Möglichkeiten: In Berlin ließen sich mindestens 300.000 Quadratmeter leere Büroflächen für das „Transitwohnen“ umnutzen. „5000 bis 10.000 junge Menschen könnten nächstes Jahr eine günstige Wohnung haben“, sagte Wolf. Die Mieten würden bis zu 500 Euro betragen. Das führte zu einer kritischen Nachfrage des Jurors Engelbert Lütke Daldrup. „500 Euro für zehn Quadratmeter ist verdammt teuer“, sagte der ehemalige Bau-Staatssekretär und Flughafenchef. „Der Preis ist nicht cool.“ Wolf erwiderte, dass es billiger sein könnte, wenn landeseigene Flächen genutzt werden könnten.
Unternehmen sollen sich an Baugenossenschaft für ihre Mitarbeiter beteiligen
Auch Peter Diedrich sucht nach Wegen aus der Wohnungskrise. Mit seiner Genossenschaft Job & Wohnen geht er gleich noch den Fachkräftemangel an. Denn Unternehmen können oft freie Stellen nicht besetzen, weil sie für ihre Bewerber keine Bleibe finden. Diedrich stellt nun eine „Renaissance des Werkswohnungsbaus“ in Aussicht, die aber auch für kleine Unternehmen möglich wird.
Die „Neustart-Konferenz“
Wie geht es weiter mit der Hauptstadt? Darüber haben sich Erfinder, Talente und Visionäre der Stadt Gedanken gemacht. Um die Macher mit den Entscheidern der Stadt zusammenzubringen, haben sich der Tagesspiegel, die „Berliner Morgenpost“, der EUREF-Campus und Radioeins vom RBB in der einmaligen Kooperation „Neustart Berlin“ zusammengetan.
Eine Jury aus Fachredakteurinnen und -redakteuren der beteiligten Medien sowie dem EUREF-Campus hat aus 70 eingereichten Konzepten zu den Themen Stadtentwicklung und -gestaltung, Verkehr, Umwelt, Kultur und gesellschaftlicher Zusammenhalt die aus ihrer Sicht vielversprechendsten ausgewählt.
Neun dieser Vorschläge wurden am vergangenen Freitag im Schöneberger Gasometer auf dem EUREF-Campus präsentiert, sieben weitere sind dort in einer Ausstellung zu sehen. Auf Youtube können Sie die Konferenz „Neustart Berlin“ anschauen.
Die Genossenschaft sei die richtige Rechtsform, weil „Wohnen als Handelsware ja irgendwie nicht funktioniert“. Arbeitgeber könnten sich an der Genossenschaft beteiligen und erhalten dafür Belegungsrechte für die Wohnungen. Ein erstes Projekt mit 180 Wohnungen ist an der Spandauer Havelschanze im Bau. Jurorin Angeliki Krisilion, Vorständin der Investitionsbank IBB, die das Projekt mitfinanziert, stellte ein weiteres Wachstum des Modells nicht nur in Berlin in Aussicht.
Mit dem Straßenbau widmet sich Jonas Varga mit seiner Firma Ecopals GmbH ebenfalls einem bedeutenden Thema der Stadt. Mit seinem Verfahren ersetzt er den Asphalt-Klebstoff Bitumen, der aus Rückständen aus Erdölraffinerien besteht, durch recycelten Plastikmüll aus dem Gelben Sack. Das funktioniere, schaffe einen regionalen Wirtschaftskreislauf und sei auch noch billiger als herkömmliche Methoden. Jurorin Manja Schreiner war begeistert. Sie warb dafür, Behörden könnten mutiger solche Innovationen in ihre Ausschreibungen einbeziehen. In ihrer Zeit als Verkehrssenatorin hatte die Hauptgeschäftsführerin der IHK dazu beigetragen, dass das Ecopals-Verfahren erstmals in Berlin angewandt wurde. Es ist die bis dahin berüchtigt holperige Torgauer Straße zum Euref-Campus. Die Arbeit an den Konzepten soll weitergehen. IHK-Chefin Schreiner soll als Umsetzungspatin dafür sorgen, dass aus guten Ideen Zukunft wird.





