Dort, wo in der Nacht die Kugeln in die Fensterscheibe einschlugen, kleben am Donnerstagmorgen Plakate. „Unsere Filialen“ steht drauf. Nur bei genauerem Hinsehen sind die Risse im Glas erkennbar. Ansonsten scheint Normalbetrieb in der Fahrschule Sevim an der Nonnendammallee im Spandauer Ortsteil Siemensstadt zu herrschen.
Seit 9 Uhr ist, wie gewohnt, geöffnet. „So, geht gleich los“, sagt ein großer, kräftiger Mann, während er die letzten Züge von seiner Zigarette nimmt und dann in den Aschenbecher drückt. „Nein, wir haben heute das andere Auto“, schiebt er hinterher und verschwindet mit der jungen Fahrschülerin um die Ecke. „Wir wollen heute einfach unsere Arbeit machen“, sagt ein anderer Fahrlehrer, der ebenfalls rauchend vor dem Geschäft steht. Mit der Presse reden will keiner. „Chef anrufen!“, heißt es.
Erneut haben bislang noch unbekannte Täter in der Nacht zum Donnerstag Schüsse auf eine Fahrschule abgegeben. Es ist bereits der dritte Angriff auf eine Filiale dieser Fahrschule innerhalb weniger Wochen. Im aktuellen Fall traf es die Filiale in Spandau. Verletzt wurde bei dem nächtlichen Angriff niemand.
Polizei entdeckte Schusslöcher gegen 2.15 Uhr nachts
Wie die Berliner Polizei am Donnerstagvormittag mitteilte, hatten Unbekannte mehrere Schüsse abgegeben. Einsatzkräfte der Polizei wurden gegen 2.15 Uhr an der Nonnendammallee auf die Beschädigung an der Schaufensterscheibe der Fahrschule aufmerksam und stellten mehrere Einschusslöcher fest. Die Täter flüchteten unerkannt. „Inwieweit Zusammenhänge mit ähnlichen Taten aus der Vergangenheit bestehen, ermittelt derzeit ein Fachkommissariat des Landeskriminalamts Berlin. Die Ermittlungen dauern an“, heißt es in einer Mitteilung der Polizei. Wie die Polizei auf Nachfrage sagte, werden die Ermittlungen von einem Fachkommissariat für die Bekämpfung Organisierter Kriminalität des Landeskriminalamts Berlin, die im Austausch mit der besonderen Aufbau- und Ablauforganisation (BAO) Ferrum stehen, geführt.
Und tatsächlich waren auch am Donnerstagvormittag mehrere Polizeikräfte rund um den Tatort im Einsatz, klapperten umliegende Geschäfte ab, befragten Menschen, machten Notizen. Ob das von Erfolg gekrönt war, bleibt wohl abzuwarten. Denn keiner der Läden – ein Bestattungsunternehmen, eine Versicherungsagentur, ein Restaurant sowie ein Postshop – hatten während der Tat geöffnet.
Unbekannte haben Fahrschulen eines Unternehmens im Visier
Die Fahrschule, im Handelsregister als Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) eingetragen, unterhält sieben Filialen in Reinickendorf, Wedding, Tegel und Spandau. Der jüngste Angriff ereignete sich erst vor zwei Tagen. In der Nacht zum vergangenen Dienstag hatten Unbekannte auf ein Geschäft des Unternehmens an der Scharnweberstraße in Reinickendorf geschossen. Im Oktober hatten Unbekannte ebenfalls ein Geschäft der Fahrschulkette an der Scharnweberstraße im Visier. Die Fahrschule betreibt dort zwei Filialen.

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Schutzgeldforderungen liegen nahe
„Es vergeht genau genommen keine Nacht mehr, wo es nicht zu Schüssen auf den Straßen der Hauptstadt kommt. Deshalb hat die Polizei Berlin Expertise und Personal in der BAO Park und der BAO Ferrum gebündelt, um die Szene unter Dampf zu halten und Protagonisten aus dem Verkehr zu ziehen“, sagt der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Benjamin Jendro, der Berliner Morgenpost. „Wenn es innerhalb eines Monats zu drei derartigen Angriffen auf eine Fahrschulkette kommt, liegt ein Zusammenhang nah. Die Kollegen ermitteln ergebnisoffen in alle Richtungen. Von einem unzufriedenen Kunden über einen gekündigten Fahrlehrer bis zu einem in seiner Ehre verletzten Gewalttäter ist vieles denkbar.“
Da die Schüsse wiederholt in der Nacht gefallen sind, liege es selbstverständlich auch nahe, dass es hier darum geht, Schutzgeldforderungen ein wenig Nachdruck zu verleihen, so Jendro. „Es ist eines der wichtigsten Betätigungsfelder der organisierten Kriminalität, und wir wissen, dass die Protagonisten da auch gern zu Schusswaffen greifen.“
Bei ähnlichem Fall: Schutzgeldforderungen von bis zu 500.000 Euro
Hakan Tas wurde in der Türkei geboren und saß zwischen 2011 und 2021 für die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus, wo er sich vor allem mit Innen- und Sicherheitspolitik beschäftigte. Auch er geht davon aus, dass der Versuch, Schutzgeld zu erpressen, hinter den wiederholten Schüssen auf türkischstämmige Gewerbetreibende in Berlin steckt. „Leider haben die Betroffen selbst das Gefühl, dass sich die Polizei nicht ausreichend um sie kümmert“, sagt Tas. Sicherheitsgespräche oder ausreichender Schutz würden bislang vermisst werden.

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Bereits im März wurde in einer Nacht auf zwei Filialen der türkischen Supermarktkette Eurogida in Spandau und Wilmersdorf geschossen. Die Ermittlungsbehörden vermuten dahinter eine Bande, die sich – in Anklang an die Bösewichte in den „Lucky Luke“-Comics – die Daltons nennt und die ihre Ursprünge ebenfalls in der Türkei haben soll. Der mutmaßliche Kopf der Bande, ein Mann namens Baris B., wurde 2024 in Italien festgenommen. Die Bande soll nach Medienberichten in mehreren europäischen Ländern aktiv sein und vor allem durch Einschüchterungen und Schutzgelderpressungen auffallen.
Personenpotenzial von 2000: Dalton-Bande schickt Kriminelle nach Europa
Zwischen 250.000 und 500.000 Euro soll die Bande von ihren Berliner Opfern gefordert haben. „Gezahlt wurde bisher nicht“, sagt Tas. Wenn die Polizei allerdings nicht bald sichtbare Ergebnisse vorweisen kann, könnte sich das ändern.
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Die Schützen selbst seien dabei oft nur ein kleines Licht, so der Ex-Abgeordnete weiter. Bis zu 2000 Personen könnten überwiegend aus der Türkei illegal nach Europa kommen, um im Auftrag der Bande Straftaten zu begehen. „Diese Menschen sind leichte Beute für solche Strukturen“, sagt Tas. Er kenne einen Fall, bei dem ein junger Mann Drogen und eine Waffe bekommen habe, die versprochenen 1000 Euro für die Tat allerdings nicht erhalten habe.








