Er ist einer der wohl gewalttätigsten Serienmörder in der Geschichte Berlins: Gerd Wenzinger, auch bekannt als „Havel-Ripper“. Wie viele Menschen er umgebracht hat, ist bis heute unklar. Fest steht: Er ging völlig skrupellos vor und quälte seine Opfer extrem grausam. Warum er am Ende ausgerechnet in Brasilien geschnappt wurde, lesen Sie in der neusten Folge unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“.
1994 glitzert auf dem Oder-Havel-Kanal das Wasser im Licht der tief stehenden Sonne. Ein Sportbootfahrer bahnt sich mit seinem Motorboot den Weg – bis er den Motor stoppt. Etwas Helles schwimmt im Wasser, treibt gegen sein Boot: ein Körperteil. Minuten später rücken Feuerwehr und Wasserschutzpolizei an, die Dutzende Leichenteile aus dem Kanal ziehen – mehr als 40 Teile eines weiblichen Körpers. Die junge Frau war betäubt, ermordet und zerstückelt worden. Ihr Mörder, das wird sich Jahre später auf herausstellen, ist Arzt in Berlin – ein Mann, den die Berliner Presse bald „Havel-Ripper“ nennt.
Hinweis: Teils verstörende Inhalte
Dieser Artikel behandelt einen realen Kriminalfall. Die Schilderungen enthalten teils verstörende Details zu den Taten und Ermittlungen, die emotional belastend wirken können.
Der „Havel-Ripper“: Die Fakten zum Fall im Überblick
| Fall | Serienmörder Gerd Wenzinger |
| Tat-Zeitpunkt | 1980er und 90er Jahre |
| Status | teilweise aufgeklärt, möglicherweise nicht alle Opfer bekannt |
| Opfer | mehrere Frauen getötet |
| Besonderheit | Taten auf zwei Kontinenten, Täter beging Selbstmord |
True Crime Berlin: Die blutige Spur des „Havel-Rippers“
Juni 1994: Ein Wagen hält in der Nacht auf einer Autobahnbrücke über dem Oder-Havel-Kanal in der Nähe von Hohen Neuendorf (Brandenburg). Ein Mann steigt aus, geht zu seinem Kofferraum, holt etwas heraus, schüttelt Kleinteile aus einem Bettbezug ins Wasser unter sich. Dann verschwindet er mit seinem Auto im Dunkeln. Für die Ermittler bleibt er jahrelang ein Phantom. Erst später wird klar, was er da von der Brücke aus ins Wasser geworfen hat.
Der 25. Juni 1994 ist der erste heiße Tag des Jahres. Das Hoch „York“ bringe die Menschen zum Schwitzen, meldete die Nachrichtenagentur dpa. Auf dem Oder-Havel-Kanal nördlich von Berlin tummeln sich Ausflügler, die sich im Wasser abkühlen wollen. Gegen 16 Uhr macht ein Sportbootfahrer nahe Borgsdorf einen entsetzlichen Fund: Eine weibliche Brust treibt im Wasser, wird von den kleinen Wellen gegen sein Boot gedrückt.

Im Oder-Havel-Kanal wurden diverse Leichenteile von Opfern des „Havel-Rippers“ gefunden.
Wenig später drängen sich Polizei und Rettungskräfte am Ufer. Die erste Überlegung: Vielleicht ein Sportboot- oder Badeunfall? Als am nächsten Tag immer mehr Leichenteile aus dem Wasser gefischt werden – am Ende sind es 42 – und Taucher am Grund einen in einen Bettbezug gewickelten Kopf finden, ist klar: Es geht um ein Tötungsdelikt. Aber wer ist das Mordopfer? Wer hat die Frau auf dem Gewissen, ihre Leiche fachmännisch in zahlreiche Stücke zerlegt und die Teile im Kanal entsorgt?
Das Vorgehen des „Havel-Rippers“: Befunde deuten auf sadistischen Täter hin
Für die Gerichtsmediziner steht fest, dass die Leiche mit einer Kettensäge zerteilt wurde. Die Berliner Presse findet derweil – angelehnt an das berühmte Londoner Vorbild – einen Spitznamen für den Mörder: „Havel-Ripper“. Bei der Leichenschau wird festgestellt, dass die Schnitte der Säge so gesetzt wurden, dass sie Verletzungen überdeckten, die der Frau vor ihrem Tod zugefügt worden waren. Die Vermutung: Der Täter wollte Folterspuren kaschieren. Außerdem werden Einstiche von Nadeln am Körper gefunden – insbesondere im Bereich der Brüste.
Der toxikologische Befund zeigt, dass der jungen Frau ein Cocktail von drei Medikamenten verabreicht wurde, darunter Sedative und Narkotika, die sonst nur in der Anästhesie eingesetzt und die nicht so einfach beschafft werden können. Ein Täter aus dem medizinischen Bereich? Bei den Medikamenten handelte es sich um eines, das schmerzunempfindlich macht, eines, das die Bewegungsfähigkeit einschränkt, und eines, das das Opfer bei Bewusstsein hielt. Der Bericht deutete auf einen sadistischen Täter hin, dem es wichtig war, dass sein Opfer die Folterungen miterlebte.
Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“
Mord des „Havel-Rippers“: Zuschauerin erkennt im Mordopfer ihre Tochter
Die Kriminalbeamten bemühen sich, die Identität der Toten zu ermitteln. Es handelt sich um eine junge Frau, Anfang 20. Eine auffällige Schönheitsoperation an den Ohren erweist sich als erster vielversprechender Ermittlungsansatz. Beim Bundeskriminalamt werden die Fingerabdrücke der Toten abgeglichen, Vermisstenanzeigen in Berlin, Deutschland und schließlich ganz Europa durchforstet. Alle Spuren führen ins Nichts – erst als der Fall vier Monate nach dem Leichenfund in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ thematisiert und ein leicht retuschiertes Foto des Kopfes der Toten ausgestrahlt wird, gelingt der Durchbruch.
Eine Zuschauerin meldet sich. Sie hat die Tote als Dana F. erkannt. Die Anruferin ist die Mutter der Ermordeten. Beide hatten jedoch seit einiger Zeit keinen engen Kontakt mehr. Anfang Juni habe sie die Tochter das letzte Mal lebend gesehen. Ein nochmaliger Abgleich der Fingerabdrücke bringt Gewissheit. Die Daten stimmen mit den registrierten Spuren von Dana F. überein. Bei der ersten Überprüfung, waren Veränderungen durch lange Liegezeiten im Wasser nicht berücksichtigt worden.

Das dunkle Berlin: True Crime aus der Hauptstadt
In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.
Weitere Taten des „Havel-Rippers“? Zerstückelte Leiche an der A1 entdeckt
Die 23-jährige F. war drogenabhängig und hatte als Prostituierte ihren Unterhalt auf dem Straßenstrich am Berliner Kurfürstendamm bestritten. Ein gefährliches Pflaster – vor allem Mitte der 1990er-Jahre, als in Berlin eine nicht abreißen wollende Serie von Morden an jungen Frauen den Rotlichtkiez in Angst versetzte. Die Mordopfer zwischen 1993 und 1995: Jadwiga P. (29), Agnieszka K. (23), Edith R.
Im November 1994, nur wenige Monate nachdem die Leiche von Dana F. entdeckt wurde, werden zerstückelte und in blauen Müllsäcken in mehreren Abfallbehältern beseitigte Leichenteile auf Autobahnrastplätzen zwischen Hamburg und Lübeck entdeckt. Darunter ist auch ein abgetrennter Kopf. Er wird als Erstes gefunden. Fünf Kilometer weiter liegen Herz, Leber und Niere. Die Tote ist die 19-jährige Sabrina G., die ebenfalls auf dem Straßenstrich am Ku’damm ihr Geld verdiente.

Dana F. verdiente ihr Geld unter anderem als Prostituierte – so wie auch andere Opfer des „Havel-Rippers“.
Berliner Arzt festgenommen – doch es ist nicht der „Ripper“
Hat der Havel-Ripper erneut zugeschlagen? Zwei Jahre lang tappen die Ermittler im Dunkeln, dann – so scheint es zunächst – begeht der Unbekannte 1996 einen Fehler. Am 26. März 1996 geht bei der Polizei ein Anruf aus dem Urban-Krankenhaus in Berlin ein. Dort wurde am Vortag eine Frau, die 29-jährige Prostituierte Ramona C., mit lebensbedrohlichen Verletzungen eingeliefert. Ihr Peiniger: der damals 36-jährige Arzt Dr. Stefan Sch., den Kollegen im Benjamin-Franklin-Krankenhaus wegen seines Habitus „Aristokrat“ nannten. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung werden Polaroid-Fotos gefunden. Sie zeigen die Leiche der 18-jährigen Zsanett S., die seit März 1996 vermisst worden war.
Während des Prozesses im Juli 1997 gesteht Stefan Sch., dass die 18-Jährige in seiner Wohnung, aber ohne sein Zutun, zu Tode gekommen sei. Danach habe er auf die Tote uriniert, sie in diversen Posen fotografiert, die Leiche zersägt und die Einzelteile im Berliner Stadtgebiet entsorgt. Gegen das Unfallszenario sprechen jedoch diverse Gutachten und Indizien. Der Arzt wird daher wegen Mordes und Mordversuches an Ramona C. und drei weiteren Frauen zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt.

Doch zu diesem Zeitpunkt wussten die Ermittler längst: Um den „Havel-Ripper“ handelt es sich bei dem Mediziner nicht. Es muss noch einen zweiten Arzt geben, der in Berlin den Kurfürstendamm zu seinem „Jagdrevier“ gemacht hat.
Horror-Video führt Ermittler auf die Spur von Dr. Wenzinger
Im Mai 1996 wird der Mordkommission in Berlin ein Videoband mit schockierendem Inhalt zugespielt. Es zeigt das Anwesen eines Allgemeinmediziners in Berlin-Karow. Es zeigt einen Arzt, der eine handlungsunfähige Frau mit Nadeln traktiert, die Brust durchsticht, ihr mit einer zunächst noch ausgeschalteten Kettensäge Verletzungen am Hals und Rumpf zufügt und die Folter anschließend mit laufender Säge bis zum Tode des Opfers fortsetzt.
Für einen kurzen Moment ist das Datum der Aufnahme eingeblendet: der 23. Juni 1994 – zwei Tage, bevor die ersten Leichenteile von Dana F. im Oder-Havel-Kanal treibend gefunden werden. Das Video dokumentiert weiter: Der Arzt missbrauchte die Leiche, schnitt ihr die Brüste ab, „hantierte damit in triumphal-degradierender Weise“, wie der Ermittlungspsychologe Lutz Belitz später in seinem Buch „Täterprofile bei Gewaltverbrechen“ schreibt.
Doch es wird noch extremer: Der Mörder zerteilte die Tote und versuchte sich am Geschlechtsverkehr mit der inzwischen beinamputierten Leiche, die die Ermittler in Berlin im Video als Dana Franzke identifizieren. Den Arzt können schließlich Stuttgarter Kripobeamte benennen. Es ist der Allgemeinmediziner Dr. Gerd Wenzinger. Sein Aufenthaltsort: ein Gefängnis in Brasilien.

Des „Havel-Rippers“ wollte den weiblichen Körper „transformieren“
Wer war der Mann, den die Polizei zwei Jahre lang vergeblich gesucht hatte, der eine Leiche auf seinem 800 Quadratmeter großen Anwesen in Berlin-Karow zerstückelte und den seine Nachbarn später als netten und höflichen Mann beschrieben? Ein kultivierter Mann, der viel reiste und viele Frauenbekanntschaften und Liaisons pflegte. Gerd Wenzinger kam im Februar 1943 in St. Blasien in Baden zur Welt. Nach der Volksschule schickten ihn seine Eltern aufs Jesuitenkolleg. Die Erziehung dort war streng. Viele Jahre später gestand der Arzt mehreren seiner Partnerinnen, dass er schon als Junge mit acht Jahren, Gewaltfantasien gegen Frauen stimulierend gefunden habe. Er wollte den weiblichen Körper transformieren – vor allem mit Nadeln.
Nach dem Abitur studierte Wenzinger Mathematik und Physik, wechselte dann zur Medizin. Anfang der 1970er-Jahre war er am Krankenhaus in Günzburg (Bayern) beschäftigt, lernte eine junge Ärztin kennen, heiratete sie, machte Nacktfotos von ihr. Es sollten nicht die einzigen bleiben.
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Jahre später wird in den Ermittlungsakten eine Liste von Dias zu finden sein. Wenzinger schoss sie vermutlich in der Klinik Günzburg. Darauf zu sehen: Leichen und Intensivpatientinnen. Einzelne Dias tragen Vermerke wie „Manipulation am weiblichen Geschlechtsteil mit Kanülen“ oder „Manipulation an Vagina mit Instrumenten“. Ende der 1970er-Jahre ging die Ehe Wenzingers in die Brüche. Etwa zur gleichen Zeit übernahm er eine Praxis als Allgemeinmediziner in Stuttgart-Feuerbach.
Praxis des Sexualstraftäters in Stuttgart wurde zum Tatort
Wenzinger führte jahrelang eine der größten Praxen in Baden-Württemberg. Zeitweise wurden mehr als 3500 Patienten und Patientinnen in seinen Karteikarten geführt. Die Menschen vertrauten dem Arzt mit der goldenen Uhr und dem charmanten Lächeln. Wenzinger konnte Menschen vereinnahmen, manipulieren. Er hatte unzählige Verhältnisse, oft mehrere zur gleichen Zeit. Meist suchte er sich junge Patientinnen oder Arzthelferinnen aus. Meist verschwanden diese nach kurzer Zeit wieder aus seinem Leben, nachdem sie schwerste physische und psychische Verletzungen erlitten hatten.
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1979 lud er eine Patientin, sie war Mitte 20, in die Oper ein, fuhr mit ihr nach Italien. Sie zog in sein Haus ein. Nach zwei Wochen legte er ihr Handschellen an, begann, Filme zu drehen, bei denen er Gewichte an den Brüsten der jungen Frau befestigte. Er klemmte ihren Busen in eine Duschkabinentür ein, schlug auf diese ein. Mit der Kamera filmte er die Gewaltexzesse. Ende der 1980er-Jahre überredete er zudem eine 16-jährige Patientin, mit ihm auf einen Ärztekongress nach Paris zu fahren. Abends sei er in sie eingedrungen – gegen ihren Willen.
386 heimliche Filmaufnahmen – Folterkammer des „Havel-Rippers“ unterm Dach
Trotz der Vergewaltigung in Paris verließ die 16-Jährige den Arzt zunächst nicht. Bald habe er ihr den Schlüssel für sein Haus gegeben. Dort fand sie eines Tages seine Kollektion an Videos – Hunderte, fein säuberlich beschriftet mit Namen und Jahreszahlen. Sie zeigten Misshandlungen an weiblichen Körpern: Brüste, die mit Glasplatten gequetscht, Vulven, die mit Nadeln traktiert wurden. Sie zeigten auch Patientinnen in Wenzingers Praxis: den Oberkörper entblößt, manchmal auch den Unterkörper – heimliche Aufnahmen. Die 16-Jährige suchte daraufhin Kontakt zu zwei weiteren Ex-Affären von Wenzinger, die unter ihm gelitten hatten. Gemeinsam erstatteten sie Anzeige.
Die Polizei beschlagnahmte daraufhin fast 400 Videokassetten in Wenzingers Haus. In Stuttgart kam es zur Anklage, die nicht nur die heimlichen Videoaufnahmen umfasste, sondern auch Körperverletzung, versuchte Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch von Kindern. In den Akten finden sich Dutzende Aussagen von Frauen: Da ist eine junge Arzthelferin, der er Bindfäden an ihre Brustwarzen band, Gegenstände daran hängte und das Ganze ohne ihr Einverständnis filmte. Da sind Prostituierte, die er für Misshandlungen bezahlte. Da ist eine junge Patientin, die er stundenlang im Genitalbereich mit Instrumenten traktierte. Da ist auch ein 13-jähriges Mädchen, mit dem er Sex hatte.
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Doch Wenzinger kam glimpflich davon. Die meisten Vorwürfe waren verjährt oder die betroffenen Frauen stellten keinen Strafantrag. Er musste 1990 wegen der heimlichen Aufnahmen während der Behandlung von Patientinnen 6000 D-Mark Geldstrafe zahlen – außerdem verlor er die Approbation. 1991 verließ Wenzinger Stuttgart, kaufte sich in Berlin-Karow ein Grundstück mit einem kleinen Fachwerkhaus und einem kleinen Holzhaus. Geld hatte der Arzt nach dem Verkauf seiner Praxis und seines Hauses in Stuttgart genug. Zudem erhielt er Zahlungen aus einer Berufsunfähigkeitsversicherung. Wenzinger musste nie mehr arbeiten. Dem Käufer sagte er, er wolle nach Norden gehen, Filme drehen. Er hatte Zeit – und so gut wie keine Bindungen mehr.
In Berlin führte der Mediziner Beziehungen mit jungen Frauen – noch häufiger bezahlte er aber Prostituierte am Kurfürstendamm, mit ihm zu seinem Grundstück am Schönerlinder Weg in Berlin-Karow zu fahren. Eine Frau berichtete später, dass sie dort einen achtstündigen Blackout gehabt habe. Als sie aufwachte, sei sie von Scheinwerfern geblendet worden, habe Kameras erkannt. Zu Hause spürte sie Schmerzen: im Bauch, im Genitalbereich, an den Brüsten.

Mehrere seiner späteren Opfer fand Gerd Wenzinger auf dem Straßenstrich am Kurfürstendamm.
Im Juni 1994 kaufte Wenzinger bei einem Apotheker, den er aus Stuttgarter Zeiten kannte, Narkosemittel. Er fuhr zum Kurfürstendamm, sah dort eine junge Frau, die schon einmal bei ihm war: die 23-jährige Dana F. Er nahm sie mit zu sich nach Hause. Es war der 23. Juni 1994. Was sich in seiner Baracke in Karow abspielte, stellte Wenzinger später im Gefängnis anders dar, als es die gerichtsmedizinischen Untersuchungen nahelegen.
Nach der Beseitigung der Leiche der 23-Jährigen lebte Wenzinger noch jahrelang in Berlin. Doch auch dort liefen bereits Ermittlungsverfahren gegen den nicht mehr praktizierenden Mediziner. Im Oktober 1993 wurde ein Verfahren gegen ihn wegen Vergewaltigung und Nötigung eingestellt. Als die Presse und die Ermittler in Deutschland noch eifrig rätselten, wer der „Havel-Ripper“ ist, verließ Wenzinger Ende 1994 in Seelenruhe das Land. Er hatte bereits früher in Brasilien Urlaub gemacht. Nun legte er sich ein Haus in einer gutbürgerlichen Gegend von Salvador zu, einer großen Küstenstadt im Nordosten des Landes. Im Rotlichtmilieu der Stadt war der große Deutsche bald ebenso bekannt wie unter den Frauen gefürchtet.

Mord des „Havel-Rippers“: Frauenschreie drangen aus seinem Haus
Doch in Brasilien macht der „Havel-Ripper“ Fehler. Im Februar 1996 verständigen mehrere Passanten in Salvador die Polizei. Sie melden einen hellhäutigen Mann, der in seinem Wagen eine bewusstlose Frau abtransportiert habe. Schon vorher war der Arzt den Behörden aufgefallen. Nachbarn hatten gemeldet, dass aus seinem Haus immer wieder Schreie zu hören seien. Offenbar hatte er wie zuvor in Stuttgart und Berlin Frauen verletzt und gequält. Die Ermittler durchsuchen Wenzingers Haus. Sie finden Narkotika, Foltergeräte, Negative mit sadistischen Darstellungen und 91 Videobänder. Auf 19 davon vergeht sich Wenzinger an bewusstlosen Frauen: Er vergrößert mit Wasser die Brüste der betäubten Frauen, punktiert ihre Geschlechtsteile mit Nadeln.
Im März 1996 wird Dr. Gerd Wenzinger in Brasilien festgenommen. Die Vorwürfe umfassen etliche Sexualdelikte, auch vier Morde werden von den brasilianischen Behörden geprüft. In Untersuchungshaft meldet sich Wenzinger bei einem österreichischen Bekannten mit einer einzigen Bitte. Es gebe da ein Videoband, weggesperrt in einem Schließfach. Es müsse unbedingt zerstört werden. Das grauenerregende Material, mit dem Wenzingers Angehörige in Berlin zunächst erpresst worden sein sollen, landet schließlich bei der Kripo in Berlin. Es handelt sich um das Tape, das Wenzinger mit dem Tod von Dana F. in Verbindung bringt.
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Haftbefehl in Berlin – Behörden wollen Auslieferung erreichen
In Berlin beginnen die Ermittlungen. Nach der Spurensicherung im Anwesen Wenzingers am Schönerlinder Weg haben die Ermittler keinen Zweifel mehr – er ist der Havel-Ripper: „Wir sind bei der Durchsuchung des Grundstückes und der Gebäude auf eindeutige Beweise für den Mord an Dana F. gestoßen“, berichtete damals der Leiter der 1. Mordkommission, Karl Flohr, der Presse. Die Staatsanwaltschaft beantragt die Auslieferung des Beschuldigten nach Deutschland. Das will Wenzinger in seinem brasilianischen Gefängnis unter allen Umständen verhindern.
Bereitwillig hatte er in den ersten Wochen seiner Haft Interviews gegeben. Auch ProSieben durfte ein Fernsehinterview mit ihm führen. Der Tenor: Ja, er habe sexuelle Fantasien ausgelebt, geschadet habe er niemandem. Laut seiner Version verabreichte sich die 23-jährige Dana F. eine tödliche Drogenspritze, als er gerade Essen holen war. Die Verstümmelung der Leiche, den Geschlechtsverkehr mit dieser und das Zersägen der Toten in kleine Stücke – alles filmisch dokumentiert – bestreitet er nicht. Ihren Tod will der Mediziner nicht verschuldet haben. Die Videoaufnahmen, der toxikologische Bericht, und weitere Beweise widerlegen die Drogenversion eindeutig. Doch bis zuletzt zeigt der Mediziner keine Spur von Einsicht, geschweige denn Reue.
Selbstmord des „Havel-Rippers“ verhindert Prozess in Deutschland
Die brasilianischen Strafverfolger stellen das Verfahren gegen Wenzinger zugunsten der deutschen Behörden ein. Als sich die Auslieferung des Gefangenen anbahnt, droht dieser mit Selbstmord. Am 24. Juni 1997 will sich Wenzinger im brasilianischen Gefängnis in Salvador mit Medikamenten das Leben nehmen. Der Versuch scheitert. Dem Gefangenen kann rechtzeitig der Magen ausgepumpt werden. Nach dem missglückten Suizidversuch ändert Wenzinger seine Strategie, um doch noch der Auslieferung entgehen zu können. Er will heiraten: eine brasilianische Frau, die zu seinen mutmaßlichen Opfern zählt, ihn vor den Behörden aber entlastet hat.

Doch seine Bemühungen sind vergebens. Sechs Monate lang wird die Eheschließung immer wieder verzögert. Am 12. Juni 1997 stimmt der Oberste Gerichtshof Brasiliens dem deutschen Auslieferungsantrag zu. Wenzinger wird der Beschluss zugestellt. Vier Tage nach der Entscheidung der obersten Richter wird der 54-Jährige im Gefängnis tot aufgefunden – mit einem Bettlaken an den Fenstergittern seiner Zelle erhängt. In einem Abschiedsbrief an seine Schwester beschuldigt Wenzinger Gott und die Welt der Ungerechtigkeit und er leugnet noch einmal die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen. Sein Entschluss, sich das Leben zu nehmen, sei nicht durch seine Schuld beeinflusst. Der Grund liege einfach in ihm: „Ich habe an nichts mehr richtig Freude.“
Mit seinem Tod entzog sich Wenzinger einem Prozess in Deutschland, der potenziell offene Fragen hätte klären können – insbesondere, ob der Beschuldigte noch Licht ins Dunkel um weitere ungeklärte Mordfälle an Berliner Prostituierten hätte bringen können. Eine Nachbarin in Berlin-Karow gab an, dass sie Wenzinger Arm in Arm mit den später ermordeten Frauen Jadwiga P. und Sabina G. gesehen habe. Allerdings: Die Kriminalpolizei in Berlin wies 1997 auf Pressenachfrage darauf hin, dass es keine Anhaltspunkte für weitere Tötungsdelikte des Beschuldigten gäbe.










