Von , Leitender Redakteur

Wann wird aus einem tödlichen Unfall ein Mordfall? Genau um diese Frage ringt die deutsche Justiz bis heute immer wieder – und kaum ein Fall hat sie so zugespitzt wie das illegale Autorennen auf dem Berliner Kudamm. Im Februar 2016 verursachen zwei Raser auf der Tauentzienstraße einen tödlichen Crash, dessen Folgen die Beteiligten bis heute nicht loslassen. In der True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“ blicken zwei von ihnen auf das Verbrechen zurück.

In der Nacht des 1. Februar 2016 wird die Berliner Tauentzienstraße zu einem Schlachtfeld. So werden es Augenzeugen später vor Gericht beschreiben: Glasscherben, Blechfetzen, Nummernschilder, die abgerissene Fahrertür eines Audi. Zwei zerdepperte Wagen in der Granitbegrenzung des Mittelstreifens, um die eigene Achse gedreht. Ein dritter 70 Meter weiter weg geschleudert – fast bis vor das KaDeWe.

Ergebnis eines gewaltigen Aufpralls, der den 69-jährigen Michael Warshitsky ein halbes Jahr vor seinem 70. Geburtstag das Leben kostet. Jeder einzelne Knochen im Körper des Seniors ist gebrochen. Selbst das Felsenbein, der härteste Knochen im menschlichen Körper, das normalerweise nur nach Stürzen aus höchster Höhe Verletzungen aufweist.

Die Kudamm-Raser: Die Fakten zum Fall im Überblick

FallKudamm-Raser
Tatzeit1. Februar 2016
TatortTauentzienstraße, Berlin
StatusAufgeklärt, Täter verurteilt
BesonderheitErstmals Mordurteil für illegales Autorennen

Die Kudamm-Raser kreuzen 20 Querstraßen mit 170 Kilometer pro Stunde

Vorangegangen ist ein rücksichtsloses Autorennen zweier junger Männer, die zwei Sportwagen zu Mordwerkzeugen machen. Sie rasen den Kurfürstendamm entlang, beschleunigen auf bis zu 170 Kilometer pro Stunde, passieren Luxusgeschäfte, kreuzen 20 Querstraßen und elf teils rote Ampeln – über eine Hauptverkehrsader, durch die selbst nachts wie zum Tatzeitpunkt um 0.40 Uhr noch Verkehr fließt.

True Krime Das dunkle Berlin Kudamm Raser
© Berliner Morgenpost

Die beiden Fahrer Hamdi H. (27) und Marvin N. (24) – beide polizeibekannt, beide durch protzige Aktionen in der Tuner- und Raserszene aufgefallen – haben sich erst kurz zuvor kennengelernt und wollen herausfinden, wer der Schnellere ist. Sie wollen sich ein sogenanntes „Stechen“ zwischen H.s Audi A8 TDI (225 PS) und N.s Mercedes AMG (381 PS) liefern. Ein „Stechen“, das zur ersten Mordanklage für ein illegales Autorennen in Deutschland überhaupt führen und die beiden Poser für lange Zeit hinter Gitter bringen wird. Ein „Stechen“, das einen Unschuldigen von jetzt auf gleich aus dem Leben reißt. Und das Leben seiner Familie atomisiert.

Divider True Crime 2

Sohn des Getöteten: „Mein Vater war ein vorsichtiger Fahrer“

Den Tod seines Vaters an jenem 1. Februar hat Maximilian Warshitsky bis heute nicht überwunden. Und wird es auch nie. „Es war ein absoluter Schock“, erinnert er sich neun Jahre nach dem Ereignis. „Als ich realisierte, dass mein Vater nicht mehr wiederkommen würde, spürte ich eine Druckwelle in meinem Gesicht.“ An dem Montagmorgen, als ihn die ersten schrecklichen Bilder vom Kudamm erreicht hätten, habe sich alles unwirklich angefühlt – wie in einem schlechten Film. „Mein Vater hatte Spaß am Leben, hat sich fit gehalten“, sagt Warshitsky. Und: er sei ein bedächtiger und vorsichtiger Fahrer gewesen, sowohl auf dem Rad als auch hinter dem Steuer.

Seine beiden Söhne habe der ehemalige Arzt nach dem frühen Krebstod der Mutter alleine aufgezogen. „Nun haben mein Bruder und ich niemanden mehr“, so Warshitsky. Was ihn besonders quält: Die zufällige Grausamkeit, dass es ausgerechnet seinen Vater erwischt hat. „In dieser Nacht wollte er von seiner Lebensgefährtin zurück in seine Wohnung, er hatte ihr versprochen, sich bei ihr zu melden, wenn er ankommt“. Was nie passiert ist. Als Michael Warshitsky von der Nürnberger auf die Tauentzienstraße einbiegt, wird sein lilafarbener Jeep von Hamdi H.s Audi A8 TDI regelrecht durchbohrt und durch die Luft geschleudert.

Das Logo zur True Crime Serie "Das dunkle Berlin"

Das dunkle Berlin: True Crime aus der Hauptstadt

In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.

Staatsanwaltschaft: Kudamm-Raser mit bedingtem Tötungsvorsatz

Fast zur gleichen Zeit wie Maximilian Warshitsky hört auch Christian Fröhlich das erste Mal von dem schicksalshaften Crash. Da kann der heute 49-jährige Oberstaatsanwalt allerdings noch nicht ahnen, dass er selbst mit dem Fall Rechtsgeschichte schreiben wird. „Einen solchen Prozess wie den der Kudamm-Raser führt man nur ein- oder zweimal in seiner Karriere“, sagt Fröhlich. „Es war ein sehr eindrückliches Erlebnis, ich bin in jedem Fall anders aus dem Verfahren herausgekommen als ich hineingegangen bin.“ Die ganze Tragweite sei ihm nicht bewusst gewesen, als er die Akte damals auf seinen Schreibtisch bekam, so Fröhlich.

Ich kann mich an keinen ähnlichen Fall erinnern, an dem mir der bedingte Tötungsvorsatz so ins Gesicht gesprungen ist.

Oberstaatsanwalt Christian Fröhlich über die Kudamm-Raser

2016 galten illegale Autorennen noch als Ordnungswidrigkeit. Bis dahin lautete der gängige Schuldspruch, wenn ein Unbeteiligter zu Tode kam, fahrlässige Tötung. Die Angeklagten kamen dementsprechend überwiegend mit Geld-, manchmal mit Bewährungsstrafen davon. Doch diesmal ist etwas anders. „Ich kann mich an keinen ähnlichen Fall erinnern, an dem mir der bedingte Tötungsvorsatz so ins Gesicht gesprungen ist“, sagt der Oberstaatsanwalt.

Maximilian Warshitsky ist an jedem Prozesstag im Landgericht

Nachdem sich Fröhlich die beteiligten, komplett demolierten Tatfahrzeuge angesehen und die gewaltigen Kollisionskräfte des innerstädtischen Rennens begriffen habe, sei er sich sicher gewesen: zwei Mordmerkmale sind erfüllt. Die PS-starken Wagen wurden durch die Fahrweise zu „gemeingefährlichen Mitteln“, das Ziel der beiden Männer, das Rennen zu gewinnen, gilt als „niedriger Beweggrund“. Für den Sieg hätten die Kudamm-Raser den Tod eines Menschen bewusst in Kauf genommen. Das Landgericht lässt die Anklage zu.

True Krime Das dunkle Berlin Kudamm Raser
Maximilian Warshitsky hat durch die Kudamm-Raser seinen Vater verloren.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

„Natürlich wusste ich, dass ich damit juristisches Neuland betrete, sagt Fröhlich. „Aber mein Anspruch als Staatsanwalt ist es, hinter jeder Anklage hundertprozentig zu stehen.“ Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. Das öffentliche und mediale Interesse ist riesig, als der Prozess am 6. September 2016 vor der 35. Strafkammer des Berliner Landgerichts in Moabit beginnt. Seit März sitzen Hamdi H. (27) und Marvin N. (24), die mittlerweile unter dem Namen „Kudamm-Raser“ bekannt sind, in Untersuchungshaft. Nach Ermittlungen erst wegen fahrlässiger Tötung, später wegen Totschlags.

Maximilian Warshitsky ist an jedem einzelnen Prozesstag mit dabei. Aus Prinzip, wie er sagt, nicht weil er hoffte, dadurch besser mit dem Schicksalsschlag umgehen zu können. Teilweise habe er während des Verfahrens mit seiner extremen Wut auf die Täter kämpfen müssen, gibt er zu: „Marvin N. wirkte kalt und gleichgültig. Hamdi H. hat ab und zu in meine Richtung geguckt, aber dann immer wieder den Blick gesenkt.“ Ihre Entschuldigungen nimmt Warshitsky ihnen bis heute nicht ab.

Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“

Kudamm-Raser: Aufschrei im Gerichtsaal bei historischer Urteilsverkündung

Die Verteidiger der beiden jungen Männer bestreiten indes den Mordvorsatz. Sie fordern Bewährungsstrafen und plädieren auf Gefährdung des Straßenverkehrs, bei Hamdi H. außerdem auf fahrlässige Tötung. Die 35. Schwurgerichtskammer folgt dieser Argumentation nicht.

Als der Vorsitzende Richter Ralf Ehestädt um kurz nach elf Uhr vormittags am 27. Februar 2017 die Entscheidung verkündet, geht ein Aufschrei durch den Saal 700 des Moabiter Kriminalgerichts. Zustimmung und Unverständnis kommen gleichermaßen aus dem Zuschauerraum, als Hamdi H. und Marvin N. wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt werden.

Die beiden Raser, denen außerdem der Führerschein auf Lebenszeit entzogen werden soll, hätten zwar niemanden umbringen wollen, heißt es in der Urteilsbegründung Sie hätten aber den Tod eines Menschen durch ihr Verhalten für möglich gehalten und sich mit dieser Eventualität abgefunden. Sie handelten nach Auffassung der Kammer mit einem „bedingten Vorsatz“.

Divider True Crime 2

Ein Ritt durch alle Instanzen

Damit ist es allerdings noch nicht vorbei im Raser-Drama vom Kudamm. Sowohl Hamdi H. als auch Marvin N. gehen vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Berufung und haben Erfolg. Der BGH hebt das Urteil wegen Mängeln in der Begründung auf – nicht aber, weil die Tötung eines Unbeteiligten bei einem illegalen Autorennen kein Mord im Einzelfall sein kann. Der Prozess muss dennoch neu aufgerollt werden. „Das bedeutete: alles wieder auf Null“, sagt Fröhlich. „Da muss man hartnäckig bleiben.“

True Crime Das dunkle Berlin Kudamm Raser
Eine Ausstellung zeigt das völlig zerstörte Fahrzeug des Opfers der Kudamm-Raser.© IMAGO | stefan zeitz

Und die Hartnäckigkeit zahlt sich aus, zumindest in Teilen. In der Neuverhandlung vor dem Landgericht werden beide Fahrer am 26. März 2019 erneut des Mordes schuldig gesprochen. Da das Opfer auch arg- und wehrlos gewesen sei, attestiert Richter Matthias Schertz den beiden Männern zusätzlich Heimtücke. Sie hätten nicht darauf vertrauen können, dass alles gut gehen werde, so die Argumentation. Anschließend geht der Fall wieder vor den BGH. Der bestätigt aber nur für Hamdi H. die Verurteilung wegen Mordes – als Fahrer des Wagens, der letztlich mit dem Jeep von Michael Warshitsky kollidierte.

Im Fall von Marvin N. sieht der BGH eine Mittäterschaft hingegen als nicht belegt an und verweist den Fall erneut zurück nach Berlin. Das Landgericht verurteilt N. darauf im dritten Rechtsgang lediglich wegen versuchten Mordes zu 13 Jahren Freiheitsstrafe. „Meiner Ansicht nach sind beide Fahrer gleich Schuld am Tod meines Vaters“, beharrt Maximilian Warshitsky noch heute. Das Urteil aber ist rechtskräftig.

Lesen Sie auch

Kudamm-Raser-Prozess lässt Beteiligte bis heute nicht los

Obgleich damit in Berlin Rechtsgeschichte geschrieben wurde, gehören illegale Autorennen in Deutschland nicht der Vergangenheit an. Alle paar Monate liest man noch von „Stechen“, auch mit tödlichem Ausgang. „Die Hoffnung war schon, dass der Präzedenzfall, nach einer Teilnahme wegen Mordes im Gefängnis zu sitzen, abschreckend wirkt“, erinnert sich Fröhlich. „Aber immerhin hat das Urteil es Kollegen bundesweit erleichtert, ähnliche Anklagen zu erheben.“

True Crime Das dunkle Berlin Kudamm Raser
Straßensperrung nach dem Crash: Noch heute denke er am Kudamm immer an das Trümmerfeld, sagt Oberstaatsanwalt Christian Fröhlich.© picture alliance | Britta Pedersen

Geprägt hat der Prozess den 49-Jährigen auch auf andere Weise. „Noch heute denke ich an das Trümmerfeld, wenn ich am Kurfürstendamm vorbeikomme“, sagt Fröhlich. „Noch heute drehe ich mich um, wenn auf Berlins Straßen die Motoren aufheulen.“ Was leider viel zu häufig der Fall ist.

Auch Maximilian Warshitsky kann nicht verstehen, was in den Köpfen von Menschen vorgeht, die derart rücksichtlos durch den innerstädtischen Verkehr brettern. Denn eines werde ihm immer wieder bewusst, wenn er über den brutalen Tod seines Vaters nachdenkt: „Es war purer Zufall. Es hätte jeden treffen können.“