Warum musste Karin Rieck sterben? Diese Frage ist bis heute, 34 Jahre nach ihrem Tod, unbeantwortet. Denn der Mörder der Barbesitzerin konnte nie gefunden werden. Doch die Ermittlungen laufen weiter. In unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“ zeigen wir, warum die Polizei bis heute Hoffnung hat, den Fall doch noch zu lösen.
Berlin-Lichterfelde, 27. Oktober 1992: Als der Lebensgefährte von Karin Rieck abends ihre Wohnung in der Berner Straße betritt, macht er eine grausame Entdeckung. Die 50-jährige Wirtin liegt tot am Boden ihres Schlafzimmers, ermordet mit einem gezielten Kopfschuss. Keine Einbruchsspuren, kein Kampf, keine Waffe. Es scheint, als habe Rieck ihren Mörder selbst hineingelassen. Bis heute konnte nicht ermittelt werden, wer die Betreiberin der beliebten Szenebar „Karin’s Atelier“ in Halensee umgebracht hat – und warum. Doch wegen eines einzelnen, unbedachten Fehlers des Killers haben die Ermittler immer noch Hoffnungen, den mehr als dreißig Jahre alten Mordfall lösen zu können.
Der Mord an Karin Rieck: Die Fakten zum Fall im Überblick
| Fall | Mord an der 50-jährigen Karin Rieck |
| Tatzeit | Dienstag, 27. Oktober 1992 |
| Tatort | Wohnung in der Berner Straße, Berlin-Lichterfelde |
| Status | Cold Case, Ermittlungen laufen weiter |
| Besonderheit | Tatwaffe zuvor bei Einbrüchen benutzt |
True Crime Berlin: Ein tödlicher Schuss im eigenen Zuhause
Es ist kurz vor 19 Uhr und schon dunkel am 27. Oktober 1992, als Günther S. in die Berner Straße in Berlin-Lichterfelde einbiegt. Vor einem Jahr ist er bei Karin eingezogen. Am Tag zuvor, bevor er zu einem Geschäftskongress nach Hamburg fuhr, hatte sie ihm gesagt, er solle die gemeinsame Wohnung verlassen. Sie ist von den ständigen Streitereien genervt. Günther sieht, dass noch Licht brennt, und hofft, dass Karin noch nicht zur Arbeit in ihrer Bar am Ku´damm gefahren ist. Später wird er sich wie in Zeitlupe an diese Momente erinnern: das Öffnen der Haustür, den Gang ins Schlafzimmer und den Anblick des leblosen, in einer Blutlache liegenden Körpers seiner Lebensgefährtin.
Im Morddezernat in Berlin stapeln sich die Unterlagen von Hunderten ungelösten Mordfällen der letzten Jahrzehnte, sogenannte Cold Cases, die nie einen Abschluss gefunden haben, weil ein Täter nie ermittelt werden konnte. Da Mord – anders als andere Straftaten – nicht verjährt, darf sich kein Mörder sicher sein, nicht doch noch geschnappt zu werden. Sei es durch neue Ermittlungsansätze, neue kriminalistische Technik oder durch einen unerwarteten Zeugenhinweis nach Jahren, der die Ermittler doch noch auf die Spur des Verbrechers führt. Die Akte Karin Rieck ist einer der hartnäckigsten Cold Cases Berlins. Seit mehr als 30 Jahren versuchen die Strafverfolger vergeblich, den Mordfall zu lösen.
Mysteriöser Mord an Barbesitzerin stellt Ermittler vor Rätsel
Die Ermittler schreiten an jenem Oktoberabend durch die Wohnung der Barbesitzerin, sammeln Hinweise. Die Leiche von Karin Rieck liegt im Schlafzimmer auf dem Fußboden hinter der Tür zwischen Bett und Schrank. Das Opfer ist angezogen, trägt ein helles T-Shirt und eine dunkle Hose. Am Rücken und Kopf hat sich eine große Blutlache gebildet, sie liegt auf dem Rücken, der Schuss, der sie tötete, ist von vorn gekommen. Sie hat ihren Mörder angesehen, aber es gibt keine Abwehrspuren. Keine Anzeichen eines Kampfes. Die Rechtsmediziner grenzen den Todeszeitpunkt von Karin Rieck auf die Mittagszeit des 27. Oktober 1992 ein, zwischen 11 und 14 Uhr.
Beamte machen sich daran, die Zeugenaussagen der Nachbarn einzuholen. Aber niemand hat etwas gehört, niemandem ist etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Hat der Täter einen Schalldämpfer benutzt? Die Spurensuche in der Wohnung bleibt enttäuschend ergebnisarm. Keine Finger- oder Schuhabdrücke, kein Gewebematerial, das später für einen DNA-Abgleich hätte genutzt werden können. Der Täter veränderte in der Wohnung wenig: kein Sessel war umgekippt, kein Schubfach oder Schrank aufgerissen oder durchwühlt. Insgesamt macht die Szenerie auf die Ermittler den Eindruck, dass sie es mit einem Profi zu tun haben – ein Auftragsmord?
Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“
Mord an Karin Rieck: Polizei schließt professionellen Täter nicht aus
Später stellt sich heraus: Aus der Wohnung wurde Bargeld mitgenommen, einige Tausend D-Mark, die sich im Wechselgeld-Portemonnaie der Wirtin und in Bargeldverstecken in der Wohnung befanden. Handelte es sich um einen einfachen Raubmord? Die Ermittler der Berliner Mordkommission sind skeptisch. Dagegen sprechen das sehr methodische Vorgehen des Täters sowie das Fehlen von Einbruchs- und Durchsuchungsspuren. Nichts geschah im Affekt. Für die Kriminalbeamten deutet das eher auf einen geplanten Mord hin – und darauf, dass sich Täter und Opfer womöglich kannten.
Das persönliche und das berufliche Umfeld der Ermordeten werden durchleuchtet. Der Lebensgefährte hat ein wasserdichtes Alibi, er befand sich zur Tatzeit in Hamburg, hatte Zeugen. Es gab noch weitere Männer im Leben der Gastwirtin – doch die Ermittlungen im näheren Umfeld führten zu keinem Ergebnis. Seit Mitte der 1980er-Jahre führte Karin Rieck sehr erfolgreich eine kleine Bar in der Katharinenstraße in Halensee am oberen Ende des Ku‘damms: „Karin‘s Atelier“.

Die Geschäfte liefen gut. In der Szenebar kamen unterschiedlichste Leute zusammen: Menschen aus der Politik, der Wirtschaft und dem Showbusiness, die gute Stimmung und gleichzeitig Verschwiegenheit schätzten. Als Gastwirtin schuf Rieck eine vertrauensvolle Atmosphäre. Es wurde geflirtet, getanzt und getrunken. Mit Stammkunden feierte die lebenslustige Wirtin in den Morgenstunden auch schon einmal mit. Außerdem gab es in der Bar Anbahnungen sexueller Dienstleistungen, ähnlich dem „Café Pssst!“ in Wilmersdorf.
Warum musste die Wirtin sterben?
Die Ermittler konzentrierten sich auf die letzten Stunden vor dem Mord. Am Tag vor ihrem Tod hatte Karin Rieck mit ihrer 24-jährigen Tochter, die kurz zuvor aus der Wohnung ihrer Mutter ausgezogen war, einen Einkaufsbummel gemacht, hatte mit ihr noch einen Kaffee getrunken und die Tochter gebeten, bei ihr zu bleiben und einen Film zu schauen. Diese lehnte ab, in ihrer neuen Wohnung gab es noch einiges zu erledigen. Kurz darauf riefen Freunde von Karin an, ob diese Lust hätte, noch gemeinsam in eine Bar zu gehen.
An dem Abend im Lindengarten in Berlin – so werden die Freunde später bei der Polizei aussagen – hat sich Karin nicht auffällig verhalten. Sie berichtete vom Streit mit ihrem eifersüchtigen Lebenspartner, von einem früheren Freund, der wiederaufgetaucht sei und den sie immer noch gernhabe, und von einem Kaufangebot für ihre Bar. Bis zu einer halben Million D-Mark standen im Raum. Doch bislang hatte sie jedes Angebot ausgeschlagen. Auch von einer Schutzgelderpressung war zuvor die Rede gewesen. Doch die robuste Geschäftsfrau hatte auch diese „Angebote“ resolut abgelehnt. Gegen 23.45 Uhr brachte sie ein Freund zum Auto. Er ist der letzte Zeuge, der Karin Rieck lebend sieht.

Das dunkle Berlin: True Crime aus der Hauptstadt
In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.
Kopfschuss vor 33 Jahren – Motiv unbekannt
Fest steht, dass sie danach zu ihrer Wohnung gefahren sein muss, wo sie in den Mittagsstunden des nächsten Tages umgebracht wurde. Doch warum brannte später das Licht in ihrer Wohnung und warum hatte der Täter ihren Hausschlüssel entwendet? Ging es um Schutzgeld? Oder hatte Karin Rieck etwas gesehen oder gehört, was sie nicht hätte mitbekommen sollen? Wurde sie als unliebsame Zeugin aus dem Weg geräumt? Alle Spuren, denen die Ermittler in jahrelanger Polizeiarbeit nachgingen, verliefen im Sand. Unmittelbar Tatverdächtige konnten nicht überführt werden und bis heute ist das Motiv für den Mord unklar.
Nur ein kapitaler Fehler, den der ansonsten so planvoll vorgehende Täter beging, macht die Beamten nach wie vor hoffnungsvoll, den Fall auch nach Jahrzehnten der Ermittlungen noch knacken zu können. In der Wohnung von Karin konnte damals ein Projektil gesichert werden, das zur Tatwaffe gehört. Es stammte von einer Walther P38 – einer alten Wehrmachtspistole mit Vorgeschichte. Zwar konnte die Mordwaffe nicht gefunden werden, doch auf dem Projektil hinterließ die Waffe nach dem Abfeuern Spuren, die so eindeutig wie Fingerabdrücke sind. Der Schusswaffenerkennungsdienst der Polizei konnte die Waffe später zuordnen. Und es gab Treffer in der Polizeidatenbank.
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Projektil gibt Hinweise auf vorbelastete Tatwaffe
Die Waffe, mit der Karin Rieck 1992 erschossen wurde, war bereits zuvor bei zwei Schaufensterdiebstählen eingesetzt worden. Unbekannte hatten mit ihr die Ladenfronten von zwei Geschäften durchschossen und waren danach unerkannt entkommen: erst am 8. September 1991 in einem Juweliergeschäft am Kurfürstendamm 22 in Charlottenburg, dann am 3. März 1992 in einem Antiquitätengeschäft in der Passauer Straße 35 in Schöneberg – sieben Monate vor dem Mord an Karin Rieck.
Der Einbrecher wird laut Zeugen beschrieben als junger Mann, etwa 1,70 Meter groß, mit kurz geschorenen blonden Haaren, Raucher mit auffällig hinkendem Gang. In der Passauer Straße verletzte sich der Täter außerdem an einer zersplitterten Glasscheibe. Blut wurde gesichert, ein DNA-Vollprofil erstellt und in der Polizeidatenbank gespeichert. Doch bis heute konnte der genetische Fingerabdruck niemandem zugewiesen werden.

Mord an Karin Rieck: Polizei hofft auf Hilfe von Kleinkriminellen
Da die Kriminalbeamten davon ausgingen, dass es sich bei Einbrecher und Mörder nicht um dieselbe Person handelte, sondern, dass die Tatwaffe weitergegeben, vielleicht auch über Zwischenhändler verkauft worden sein könnte, hoffte das Landeskriminalamt auf die Mithilfe der damaligen Diebe, deren Taten längst verjährt waren. Die halbautomatische Walther P38 mit einem Kaliber von 9 Millimetern wurde bis Kriegsende fast anderthalb Millionen Mal hergestellt. Auch in der Nachkriegszeit war sie noch weitverbreitet.
2017 wurde von der Berliner Polizei eine neue, groß angelegte Öffentlichkeitsfahndung in dem damals 25 Jahre alten Mordfall initiiert, die sich insbesondere auf Hinweise zur Tatwaffe und zur Verbindung mit der älteren Einbruchsserie konzentrierte. 2018 wurden die neuen Fahndungsansätze auch in einer Folge der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ vorgestellt. Und wirklich: Einige Wochen später fischte ein Schrottangler einen vielversprechenden Fund aus dem Spandauer Schifffahrtskanal am Flughafen Tegel.
Die Ermittler waren elektrisiert. Es handelte sich um eine Wehrmachtswaffe – eine Walther P38, deren Magazin man leergeschossen hatte und deren Seriennummer – sie befindet sich sonst an vier wesentlichen Teilen der Waffe – aufwendig entfernt worden war. Die Vermutung lag nahe, dass sich der Täter nach dem erneuten Öffentlichkeitsaufruf und dem gestiegenen Fahndungsdruck der ihm zu gefährlich gewordenen Waffe entledigt haben könnte. Doch die kriminaltechnische Untersuchung der Pistole sorgte bei den Ermittlern im Fall Karin Rieck für Ernüchterung. Es handelte sich eindeutig nicht um die Mordwaffe – die Hoffnung auf ein neues Beweismittel, eine neue „heiße“ Spur in dem jahrzehntealten Fall hatte sich zerschlagen.
Sie können Hinweise zum Mord an Karin Rieck geben? Sie erreichen die 5. Mordkommission des Landeskriminalamtes Berlin telefonisch unter (030) 4664 911 555. Aussagen können auch in allen Polizeidienststellen oder über die Online-Wache der Polizei Berlin gemacht werden. Für Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens führen, ist eine Belohnung von 5000 Euro ausgesetzt.








