Am Wochenende verwandelt sich die Berliner Innenstadt in eine riesige Sportarena: Zehntausende Läuferinnen und Läufer, Skater, Handbike-Fahrerinnen und Rollstuhlfahrer gehen beim Berlin Marathon an den Start. Das Event gehört zu den größten Marathonläufen der Welt und zieht Menschen aus allen Kontinenten an. Insgesamt sind fast 80.000 Menschen aus 160 Nationen bei der Traditionsveranstaltung dabei sein.

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Am Sonntag sind die Straßen entlang der Marathonstrecke vor allem in Tiergarten und Mitte fast durchgehend bis zum Veranstaltungsende gesperrt. Außerdem kommt es der Verkehrsinformationszentrale (VIZ) zufolge zu Sperrungen in Friedrichshain, Kreuzberg, Neukölln, Schöneberg, Steglitz, Wilmersdorf und Zehlendorf. Die Straßen werden nach dem Ende der Veranstaltung nach und nach wieder freigegeben. Die Straße des 17. Juni bleibt indes noch bis nächste Woche Mittwoch gesperrt. In unserer Redaktion wird deshalb die Frage diskutiert:

Ist es angemessen, die halbe Berliner Innenstadt für den Marathon zu sperren?

PRO von Peter Schink

Den Läufern einmal im Jahr die Straße freizuhalten, ist für viele einfach nur: eine Selbstverständlichkeit.

Peter Schink
Peter Schink, Chefredakteur

Am Sonntag bin ich beim Start des Marathons selbst im Tiergarten, um mich auf die 42 Kilometer lange Strecke zu begeben. Und möchte vorab einen Dank aussprechen: Nicht nur den vielen, die dieses Ereignis möglich machen. Auch den vielen Unbeteiligten, die das Verkehrschaos an diesem Tag über sich ergehen lassen. Am Marathontag mit dem Auto durch die Stadt zu kommen, ist quasi unmöglich. Und es gibt auch nicht viele, die das versuchen. Die Berlinerinnen und Berliner nehmen das billigend und lächelnd in Kauf. Das ist großartig, zumal gute Laune in dieser Stadt ja keine Selbstverständlichkeit ist.

Der Marathon macht aus Berlin eine durchweg freundliche Stadt. Zumindest bis zum nächsten Morgen. Er prägt die Stadt und zeigt ein Berlin, das man so nicht kennt. Wo sonst über eine autofreie Friedrichstraße verbittert diskutiert wird, als gehe es um den Untergang des Abendlandes, lassen die Menschen ihr Auto einfach mal einen Tag stehen. Oder umfahren das Stadtgebiet einfach großzügig.

Und ganz ernsthaft: Es ist ja auch besser, wenn 80.000 gute gelaunte Läufer den Verkehr stören als einstürzende Brücken, falsch geplante Autobahnabschnitte oder kaputte S-Bahn-Signalanlagen. Es ist ja auch nur für ein paar Stunden. Bis der letzte Marathon-Läufer seinen geschundenen Körper ins Ziel geschleppt hat. So hoch motivierten Leuten einmal im Jahr die Straße freizuhalten, ist für viele einfach nur: eine Selbstverständlichkeit.

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CONTRA von Pascal Biedenweg

Berlin wird zum Spielplatz für Sportbegeisterte, während der Alltag der Mehrheit stillsteht.

Pascal Biedenweg
Pascal Biedenweg, Digital Lead

Berlin ist schon im Alltag ein Verkehrslabyrinth. Wenn dann für den Marathon ganze Schneisen gesperrt werden, verwandelt sich die Stadt endgültig in ein Nadelöhr. Für alle, die nicht jubelnd am Straßenrand stehen, heißt das: Umwege, Verzögerungen, verpasste Termine. Wer Schichtdienst hat oder auf Pflege angewiesen ist, zahlt den Preis für ein Sportfest, das längst nicht alle feiern.

Dass 80.000 Läuferinnen und Läufer die Hauptrolle spielen, klingt nach Volksfest – tatsächlich aber bedeutet es, dass mehr als drei Millionen Berlinerinnen und Berliner ausgebremst werden. Der öffentliche Raum gehört für Stunden einer kleinen, privilegierten Gruppe. Die Stadt wird zum Spielplatz für Sportbegeisterte, während der Alltag der Mehrheit stillsteht.

Und das ist kein Naturgesetz. Es gäbe Alternativen: Läufe auf Ringstrecken am Stadtrand, Nachtstarts oder Mischmodelle mit kürzeren Passagen durchs Zentrum. Berlin muss sich entscheiden: Will es eine Stadt sein, die für alle funktioniert – oder jedes Jahr wieder ein Hindernisparcours für alle, die nicht mitlaufen?

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