Draußen, an der Karl-Marx-Straße, tobt das Leben. Mädchen spielen kreischend auf dem Platz, während die Mütter mit Kopftüchern ihren Schwatz halten. Menschen eilen den Bürgersteig entlang, die Autos quälen sich hupend durch die Baustellen am Rathaus Neukölln. Zwischen den historischen Gebäuden sticht das ehemalige Quelle- und SinnLeffers-Kaufhaus mit weißer Fassade und viel Glas heraus. In den 1970ern eröffnet, folgte 2001 das Aus, die Schließung und jahrelanger Leerstand. 2019 begann die Wiederbelebung, das Kaufhaus wurde mitsamt der Parkhausflächen zu einem hell schimmernden modernen Büro- und Veranstaltungsort umgebaut. Drinnen herrscht an diesem Mittwoch, einen Tag vor der offiziellen Eröffnung, noch Leere und Stille.
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Im Erdgeschoss empfängt der „Kalle Halle Food Market“ auf 2300 Quadratmeter mit bislang zwölf 12 Essensständen, einzeln zusammengekauften Vintage-Möbeln und Tageslicht im Atrium. Bestellt wird an den Food-Ständen, gegessen wird an ellenlangen Tischen, Vierertischen oder gemütlichen Ledersofas und -Kissen, die aber auch zu kleineren Wohlfühl-Inseln zusammengestellt werden können. Bis zu 650 Menschen finden Platz.

Spiritus Rektor des Projekts ist der New Yorker Architekt Martin Barry. Der 45-Jährige hat bereits mehrere Manifesto-Food-Märkte entwickelt, drei in Prag, und auch den in den Potsdamer Platz Arkaden. „Berlin ist eine Stadt mit mindestens fünf Zentren, da sind zwei Standorte kein Problem“, erklärt er im Gespräch. Für den Standort an der Karl-Marx-Straße habe er sich entschieden, weil es „ein Ort voller Energie, mit vielen Migranten, aber auch Studenten und Kreativen“ sei.
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Erster Stand in der Reihe nach dem Eintreten ist „Panù“, dem Stand von Simone Gadeddu aus Sardinen. Zusammen mit Koch Filippo bietet er Spezialitäten aus seiner Heimat, beispielsweise kleine Schnitten mit Frischkäse und dem trockenen, aromatischen Fischrogen Bottarga. Diametral gegenüber können bei seinem Stand „Mangiare Berlin“ Pizzen im neapolitanischen Stil genossen werden, die bereits in der Arminius Markthalle in Moabit zahlreiche Fans gewonnen haben.
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Am großen halbmondförmigen Tresen der „Soot Bar“, auch im „Manifesto“ vertreten, wartet ein umfangreiches Angebot. „Mittag bis Nachmittag setzen wir auf eine breite Palette von alkoholfreien Getränken und Cocktails“, sagt Bartender Adrian aus Paris, „abends ändert sich das dann mit einem Angebot an Weinen, auch Naturwein, Cocktails und Craftbeer“. Neben südindischem Streetfood von „Samosas“ oder frittierten Rolls bei „Chettinand“ bilden sich am Stand von „Chen’s Beef Noodle Haus“ Schlangen von Fotografierenden, wenn der Nudelchef die berühmten Lanzhou-Nudeln per Hand schleudert und zieht, bis sie als spaghettidünne Teigwaren für eine der zahlreichen Suppenvariationen mit und ohne Fleisch serviert werden (13,90 und 14,90 Euro).

Das „Moim“ mit koreanischem Streetfood ist ein Ableger zweier Standorte am Kurfürstendamm und in Friedrichshain. „Wir sind hier, weil wir an das Konzept glauben und erfreulicherweise flexible Verträge erhalten, die das finanzielle Risiko minimieren“, erklärt Betreiber Gi Jung Lee. Der 37-Jährige setzt auf marinierte, frittierte Hähnchenteile, aber auch exotische Reisbällchen mit fermentierten Pilzen und scharfen Pasten werden in goldfarbenen Schüssel und Schalen serviert. Auf Bildschirmen laufen Videos von der bei Jugendlichen hoch im Kurs stehenden K-Pop-Musik aus Südkorea, etwas, was Martin Barry wichtig war, wie er erläutert.

Am Stand davor filetiert Ruslan Kim bei „Koji“ frischen Fisch wie Lachs, Exemplare der Gelbschwanzmakrele Hamachi, Doraden und Thunfisch für seine handgerollten Sushi. „Die Besonderheit ist, dass wir lauwarmen Reis verwenden“, erklärt der Koch, der bereits in den Fisch-Restaurants „Brasserie November“ und „The Catch“ seine Gäste begeisterte.

In der „Kalle Halle“ startet der 45-Jährige mit seinem ersten eigenen Projekt. Seine Handrolls und Temaki-Rollen krönt er unter anderem mit Herings-Kaviar (5 bis 9 Euro). „Schmeckt gut und so kann ich die Preise günstig gestalten“, sagt Kim, dessen Karriere in einem Sushi-Restaurant in Kiew begann.

An ihrem „Earth Tokyo“-Stand offerieren Hiroyuki Kurosu und Partner Tekehiro Suzuki sehr gute Ramen-Suppen, als Miso mit Ei, Rindfleisch und Gemüse, oder vegan mit frittiertem Tofu, Preise um 16 Euro, deren Brühe viel Tiefgründigkeit und Dichte mitbringt und allgemein für Begeisterung sorgt. Kleinigkeiten wie frittiertes Hähnchen und Oktopus-gefüllte Teigbällchen kosten um 8 Euro, Reisschüsseln im Stil japanischer Don-Gerichte mit Fleisch oder Tofu gehören ebenfalls zum Angebot, bei den Desserts kann unter Mochi-Eis mit Matcha, Mango oder Schokolade gewählt werden, (5 Euro).
Dass frittierte Hähnchenteile hoch in der Gunst der Foodies stehen, zeigt sich daran, dass sie nicht nur bei dem koreanischen Stand auf der Karte stehen. Auch die Betreiber von „Bird in the Kitchen“, bislang in der Rosenthaler Straße mit ihren in Buttermilch marinierten Hähnchenstücken erfolgreich, bieten die beliebten frittierten Geflügelteile als Burger an, die kross im Mund krachen, bevor das Fleisch schmelzend zart auf den Gaumen trifft. Ebenso stehen beim Burgerstand „Great Barrier“ von Daniel Forbes aus Brisbane die innen butterweichen außen knusprigen frittierten goldgelben Happen auf der Karte. Für deutsche Zungen könnten die sehr sauren Gurken, die er verwendet, etwas gewöhnungsbedürftig sein, hierzulande werden sie allgemein süßer bevorzugt.

Zu den Highlights des Angebots im „Kalle Halle Food Market“ zählt „Prawn P()rn“, übersetzt etwa Garnelen Porno. Aus einem wirtschaftlichen Grund ersetzt Chefkoch Janek Eisner das „o“ durch eine Klammer. „Sonst fliegen wir bei Google und Instagram von den Seiten“, erklärt der 41-Jährige. Bislang hat er Gäste bei Events und Pop-ups mit kreativen Gerichten mit Fisch und Meeresfrüchten beeindruckt.
In einer weißen Emailleschüssel serviert er mit seinem Team neben in Berlin schwer zu beziehenden Schwertmuscheln eine köstliche Prawnroll. Das ist ein Brioche gefüllt mit Wildfang-Garnelenhack und hausgemachter Mayonnaise, mit Zitronenzeste, Jalapeño oder Chili (ab 14, Lunch 12 Euro). Allein dafür lohnt der Besuch. Nicht zu vergessen die exzellenten, fleischigen Amulettes-Austern der Züchter-Familie Boutrais aus der Bretagne. Die will Eisner, der gerne ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Casanova ate 50 oysters a day“ (“Casanov as 50 Austern am Tag“) trägt, zukünftig zu Happy-Hour-Preisen von 2 Euro das Stück verkaufen. „Wir importieren direkt, ohne Zwischenhändler“, so der Grund für die günstige Kalkulation.

„Dieser Ort erschien mir richtig, um einen festen Standort zu starten“, berichtet Eisner. Allerdings wünscht er sich zum Start mehr Werbung im Umfeld „und coole Aktionen“.

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„Kalle Halle Food Market“-Betreiber Barry will noch zwei bis vier weitere Gastronomen aufnehmen. „Wir würden gerne türkische oder arabische Betreiber finden, aber nicht Döner, Schawarma oder Grillhähnchen, davon gibt es auf den Straßen hier Dutzende“, so Barry. Er habe mehr als 100 verschiedene Lokalitäten mit seinem Team besucht, bis sich die jetzigen Stände herauskristallisiert hätten. „Es melden sich auch viele Gastronomen bei uns, aber es muss halt passen.“ Wichtig ist ihm, dass die Vertragsbedingungen „flexibel gestaltet sind. Wir wollen niemand in den Ruin treiben“, so Barry, „sondern ein funktionierendes Konzept für die Unternehmen, Gäste und auch das Umfeld bieten“. 1500 bis 1800 Besuchern pro Tag seien für den wirtschaftlichen Erfolg in Neukölln nötig.

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Dass es nicht einfach ist, zeigt sich am Standort des „Manifesto“ in „The Playce“, den ehemaligen „Potsdamer Platz Arkaden“. Die Besucherzahlen seien zwar mit bis zu 2000 pro Tag „ordentlich“, aber es gäbe große Schwankungen, und die Standortkosten seien hoch. Darauf werde reagiert. Spätestens Mitte Oktober werde es Neuerungen bei „Manifesto“ geben. Details verrät er nicht. Für den Neuköllner Standort sieht er „großes Potenzial“. Am ersten Wochenende allerdings gab es zwar einige Neugierige, aber wenige Konsumenten.

Karl-Marx-Straße 101, Mo.-Sbd. 12-22 Uhr, www.kallehalle.com






