Franziska Giffeys Weg führt zu den Bauarbeitern. So beschreibt es ein Sozialdemokrat, der ihr nahesteht und sich an eine gemeinsame Grundsteinlegung erinnert. Ein Sandberg, gelbe Bauhelme, Spatenstich: ein Pflichttermin. Man posiert für Pressefotos, stößt mit Bauherren mit einem Glas Sekt an und fährt in der Limousine zum nächsten Termin. Nicht so Giffey: „Sie geht in einer solchen Situation immer zu den Bauarbeitern“, sagt ihr Parteikollege.

Die 47 Jahre alte Wirtschaftssenatorin dreht sich auf ihren Absatzschuhen um und geht – im schicken Kostüm, mit Hochsteckfrisur – zu den Männern in Arbeitskleidung. Trotz der äußerlichen Differenzen beginnt dann, was Giffey am besten kann: ein Gespräch auf Augenhöhe. So oder so ähnlich erzählen es viele Berliner Sozialdemokraten. Auch solche, die ihr politisch nicht nahestehen – und von denen gibt es viele.
Die Berliner SPD und Franziska Giffey haben sich entfremdet
Denn der Kurs der Berliner Sozialdemokratie führt schon lange nicht mehr über Giffeys Weg zu den Bauarbeitern. Zumindest sieht ihr Parteifreund das so, der diese Anekdote erzählt. Mit Giffey und der SPD sei es so, wie mit Bodo Ramelow und der Linken, sagt er. Der ehemalige Thüringer Ministerpräsident hatte im Juni über sein Verhältnis zur eigenen Partei gesagt, er wisse nicht, ob er die Linke verlasse oder die Linke ihn. Wer hier wen verlässt, dürfte auch für Franziska Giffey am Ende aber egal sein. Fest steht jedenfalls: Die Berliner SPD und ihre einstige Hoffnungsträgerin haben sich entfremdet.

Deutlich wurde das, mal wieder, als Giffey Ende Juli öffentlichkeitswirksam einen Mitgliederentscheid über die Spitzenkandidatur für die Berlin-Wahl 2026 forderte. Ihrer Partei, in der man anders verabredet ist, trat sie damit vor die Brust. Aus der SPD ist zu hören, dass nach mehreren Absagen endlich ein Kandidat gefunden worden ist. Im September soll er oder sie vorgestellt werden, einen Mitgliederentscheid soll es nicht geben. Dass Giffey es diesmal nicht wird, brachten die Parteichefs ihr in einem vertraulichen Gespräch bei – kurz darauf steht ihre Forderung nach einem Mitgliederentscheid in den Zeitungen. Die Senatorin probt auf offener Bühne den Aufstand. Die Visiere, so wirkt es, sind offen.
„Der Himmel stand ihr offen“ – der Beginn einer großen Karriere
Dabei hätte doch alles ganz anders kommen können. Lange Zeit stand Giffeys Karriere unter einem guten Stern. Im Windschatten ihres Förderers Heinz Buschkowsky stieg die Bezirksstadträtin schnell zur Neuköllner Bürgermeisterin auf. Schon drei Jahre später zog sie ins Bundesfamilienministerium. Wahrscheinlich hätte es sogar noch höher hinausgehen können, sie wurde unter anderem als SPD-Bundesvorsitzende gehandelt. „Der Himmel stand ihr damals offen“, erinnert sich ein langjähriger Wegbegleiter.
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Giffey bringt alles mit für eine große politische Karriere: Sie ist ein Medienprofi, bewegt sich auf offiziellen Terminen genauso sicher wie beim Nachbarschaftstreff und hat als gebürtige Brandenburgerin und Tochter eines Kfz-Meisters eine Geschichte zu erzählen, die verfängt.
Plagiat und Krisen – auf den Aufstieg folgen schwierige Jahre
Ihr Aufstieg aber kam 2021 ins Stocken, als sie über ihre Doktorarbeit stolperte. Weil sie plagiiert hatte, wurde ihr der Titel entzogen. Sie trat als Familienministerin zurück, konnte sich fürs Erste aber fangen und wurde noch im selben Jahr Regierende Bürgermeisterin in Berlin. Das Pech aber verfolgte sie weiter. Als Giffey ins Rote Rathaus einzog, konnte sie nicht wissen, dass ihre Amtszeit von Krisen überschattet sein würde: Corona, Krieg in der Ukraine, Wahlwiederholung.

2023 holte sie mit der SPD das bislang schlechteste Ergebnis in Berlin. Obwohl sie theoretisch hätte weiterregieren können, gab Giffey ihr Amt ab, weil sie nicht mehr mit Grünen und Linken koalieren wollte und die Niederlage gegen Kai Wegners CDU zu deutlich war. Im neuen Senat wurde sie Wirtschaftssenatorin, als Landesvorsitzende der SPD trat sie zurück.
„Das macht was mit einem“, sagt ein Vertrauter über diese schwierigen Jahre. Giffey habe das Gefühl, dass sie in dieser kurzen Zeit voller Krisen nicht richtig beweisen konnte, zu was sie als Regierende Bürgermeisterin fähig gewesen wäre. Sie meine, dass sie ohne eigenes Verschulden aus dem Amt gekommen sei. Wie gerne sie dieses Amt noch immer bekleiden würde, ist nicht schwer zu erkennen: Bei ihren Auslandsreisen als Wirtschaftssenatorin, aber auch bei Terminen in Berlin spricht sie häufig „als Bürgermeisterin“ zu ihren Zuhörern. Dass sie nur die Stellvertreterin des „Regierenden“ Bürgermeisters Wegner ist, lässt sie dabei unerwähnt.
Giffey steht zu ihren Überzeugungen – selbst wenn es ihr schadet
Wenn man um diese Vorgeschichte weiß, beginnt verständlich zu werden, warum Giffey ihre eigene Partei brüskiert und öffentlich einen Mitgliederentscheid gefordert hat. Es braucht aber noch mehr, um diesen Bruch zu verstehen. Dieser zweite Teil der Erklärung beginnt so: Wenn Giffey gewollt hätte, dass ihr Manöver wirklich funktioniert, hätte sie es vorbereiten müssen. Sie hätte die eigenen Leute organisieren müssen, es hätte eine Kampagne gebraucht. Das Problem ist nur: Diejenigen, die so etwas können – die Parteifunktionäre und aktiven Mitglieder – fremdeln mit Giffey. Entweder also war ihr Coup eine schlecht vorbereitete Kurzschlussreaktion oder aber, noch schlimmer, es war niemand da, der sich organisieren ließ.
Das Ergebnis bleibt in beiden Fällen dasselbe: Ihre Forderung verpuffte weitestgehend. Dass es so kommt, dürfte Giffey gewusst oder zumindest geahnt haben. Dass sie trotzdem an die Öffentlichkeit ging, sagt viel über ihren Charakter: Wenn Franziska Giffey von etwas überzeugt ist, dann steht sie dazu.

Beobachten konnte man das schon 2021. Als Spitzenkandidatin musste Giffey damals mit einem Wahlprogramm antreten, in dem sich ihre Partei auf die Seite des Volksentscheids für eine Enteignung großer Wohnkonzerne stellte. Sie fand das falsch und sagte das öffentlich. Dass sich eine Kandidatin im Wahlkampf von der eigenen Parteilinie distanziert, kommt selten vor – Giffey machte es trotzdem.
Die Berliner SPD: Linkskurs statt Pragmatismus
Auch 2026 soll die Vergesellschaftung ein zentrales Wahlkampfthema der SPD werden. Die Partei will sich damit vom Koalitionspartner CDU abheben und der Linken nicht das Feld überlassen. Giffey aber bleibt bei ihrer Skepsis. Die große Sehnsucht nach einer Harmonie zwischen Kandidat und Partei, die viele Sozialdemokraten in den eigenen Reihen verspüren, wäre mit ihr also nicht zu haben. Reibereien wären programmiert.
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Denn die Berliner SPD ist schon länger deutlich linker ausgerichtet als die Bundes-SPD. Mit der pragmatischen Sozialdemokratie, für die Giffey steht, mit der Partei ihres einstigen Förderers Buschkowsky, hat die offizielle Parteilinie oft wenig gemeinsam. Für eine SPD, die in der Mitte der Bevölkerung steht und der CDU im bürgerlichen Lager Stimmen streitig machen will, wäre Giffey wohl die ideale Kandidatin. Doch in Berlin richten die Funktionäre die Partei auf andere Wählerschichten aus. Progressive Milieus aus der Innenstadt geben den Ton an. Ehemalige Parteigrößen, wie Michael Müller, Giffeys Vorgänger im Roten Rathaus, unterschreiben deshalb als „Weckruf“ bezeichnete offene Briefe und fordern eine Rückbesinnung auf die einstige Stammwählerschaft der SPD. Auf die „hart arbeitende Mitte“ – oder eben: auf die Bauarbeiter.
Eine Partei, zwei Welten: die Funktionäre und die „schweigende Mehrheit“
Parteimitglieder, die zurück zu dieser sicher auch romantisierten Vergangenheit wollen, zählen sich, wenn sie nicht gerade offene Briefe schreiben, zu einer „schweigenden Mehrheit“. Denn die Basis der SPD, die Mitglieder, die Giffey am liebsten über die Spitzenkandidatur abstimmen lassen würde, ist konservativer als die Funktionärsebene. Deutlich wurde das etwa bei der Wahl der Landesvorsitzenden im vergangenen Jahr. Mit Martin Hikel und Nicola Böcker-Giannini gewann ein Duo aus dem pragmatischen Flügel. Raed Saleh, der als Fraktionschef den Kurs der Funktionäre verkörpert, musste eine herbe Niederlage einstecken.

Doch auch mit den neuen Chefs änderte sich wenig. Im Parteivorstand sind Hikel und Böcker-Giannini umgeben von Vertretern des Links-Kurses. Schnell arrangierten sie sich mit ihnen, um den eigentlich schwelenden Konflikt kleinzuhalten. Statt der erhofften Wende gibt es also Kompromisse. Zu groß ist der Wunsch nach Einheit in der oft zerstrittenen Partei. Die Pragmatiker aber sind enttäuscht und die mutmaßliche Mehrheit schweigt wieder – nur Giffey nicht. Sie haut auf den Tisch und will die Mitglieder entscheiden lassen. Mal wieder steht sie zu ihrer Überzeugung, selbst wenn es ihrer Parteikarriere schaden könnte.
„Frage nicht, woher jemand kommt, sondern wohin er will“
Ein bisschen wirkt es aber auch wie ein Hilferuf, Giffey ist politisch angeschlagen und fliegt aktuell oft unter dem Radar. Sie, die es wie kaum eine andere in Berlin versteht, öffentlich zu kommunizieren, steht auf einmal nicht mehr im Rampenlicht. Darunter leidet sie. Als die Senatorin zu Beginn des Jahres Medienvertreter zu einem Pressegespräch einlud, um über die Pläne ihrer Verwaltung für das laufende Jahr zu berichten, ließ sie bunte Schaubilder verteilen, auf denen sie zusammengefasst hatte, was sie 2025 so vorhat. An die Journalisten gerichtet sagte sie dann sinngemäß: „Sie müssen dann aber auch mal darüber berichten, was wir hier so machen.“
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Grafiken, Zeitstrahle, Schaubilder – an Giffey sei auch eine Lehrerin verloren gegangen, sagt ein Vertrauter. Nach dem Abitur studierte sie zunächst Englisch und Französisch auf Lehramt, bevor sie ihren Abschluss als Verwaltungswirtin machte. Belehrend ist Giffey aber nicht, dafür fordernd. Eine ihrer Grundüberzeugungen sei „Frage nicht, woher jemand kommt, sondern wohin er will“, erzählt der Vertraute.
Die Berliner SPD will nicht Franziska Giffeys Weg gehen
Giffey wisse gut um die gläsernen Decken in unserer Gesellschaft, darum, dass es einige von Haus aus schwerer haben als andere. Sie sei aber der Überzeugung, dass man das nicht an Geschlecht oder Hautfarbe festmachen könne. Während viele in der SPD sich allein darauf konzentrieren würden, nur die Rahmenbedingungen zu verbessern, sei für Giffey klar: Ohne eigenen Ansporn wird es nichts. Sozialstaat plus Leistungsbereitschaft: Da ist sie wieder, die pragmatische SPD. Andere werfen Giffey vor, nicht sensibel genug für migrationsbedingte Herausforderungen zu sein.
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Ob letztlich allein Giffeys pragmatischer Weg zu den Bauarbeitern führt oder aber die „hart arbeitende Mitte“ auch von einer Vergesellschaftungspolitik profitieren kann, deren Ziel es ist, den Mietmarkt stärker zu regulieren, ist nicht ausgemacht. Entschieden ist aber, welchen Weg die Berliner SPD einschlagen will. Es ist nicht der Weg von Franziska Giffey.





