Es soll der vierte Aufmarsch im Herzen von Berlin sein und der dritte in der linken Hochburg Friedrichshain: Am 1. Juni soll erneut eine Demonstration unter dem Titel „Gegen links Extremismus und politisch motivierte Gewalt“ (sic!) durch den Ostberliner Bezirk ziehen, so hat es der ehemalige AfD-Politiker Ferhat Sentürk in den sozialen Medien angekündigt. Untermalt mit der Melodie des nationalsozialistischen Liedes „SS marschiert in Feindesland“ rief Sentürk am Sonntag zur Demonstration um 14 Uhr am Bahnhof Ostkreuz auf. Ein rechtsextremer Protest wie bei den drei Malen zuvor? Der frühere Antirassist verneint und die rechte Szene schießt gegen ihn.

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Das Ostkreuz wurde bereits zwei Mal zum Schauplatz eines rechtsextremen Aufmarsches – eine dritter Protestzug im Februar, von Sentürk organisiert, wurde nach Mitte verschoben. Bei der ersten Demonstration im Dezember 2024 durch Friedrichshain stellten sich bis zu 3000 Menschen den Rechten entgegen, sodass die Veranstaltung vorzeitig abgebrochen werden musste. Ursprünglich geplant war eine Route durch die Rigaer Straße. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen linken Gegendemonstrantinnen und -demonstranten und der Polizei. Bei der zweiten Kundgebung im März in Friedrichshain kamen die Rechtsextremen lediglich rund 300 Meter voran, bis die Demonstration ebenfalls vorzeitig abgebrochen wurde. Laut Polizei gab es etwa 90 Festnahmen – zahlreiche auf der rechten Seite wegen Verstoß gegen das Vermummungsverbot und dem Zeigen verbotener Symbole.

Ferhat Sentürk: Zuerst Antirassist, dann AfD, nun angebliche Abkehr vom Rechtextremismus
Der hinter den rechten Aufmärschen stehende Ferhat Sentürk ist ein früheres AfD-Mitglied aus Aachen. Der Mann mit türkischen Wurzeln sollte aus der Partei, die jüngst in einem Gutachten des Bundesamts für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem bezeichnet wurde, ausgeschlossen werden, kam diesem Schritt jedoch mit seinem Austritt zuvor. Die Begründung für den geplanten Ausschluss: Er soll laut Kreisverband gegen die „Grundsätze der AfD“ verstoßen haben. Zudem habe „seine zunehmende Radikalisierung“ beigetragen, wie es auf Anfrage der Berliner Morgenpost von der AfD Aachen heißt. Noch im Oktober 2024 wurde Sentürk zusammen mit dem AfD-Politiker Matthias Helferich, der sich als „freundliches Gesicht des Nationalsozialismus“ bezeichnet hat, im Berliner Abgeordnetenhaus von AfD-Mann Thorsten Weiß empfangen.
Sentürk ist aber nicht nur in der AfD umstritten. Auf seinem Instagram-Account teilte er vor rund einem Monat einen Beitrag, in dem er sagte: „Es geht nicht um Rassen. Es geht um Klassen. Nicht Schwarz gegen Weiß sondern Arm gegen Reich. Nicht Herkunft gegen Herkunft sondern unten gegen oben.“ (sic!) Nun also der erneute Aufruf zur Demonstration am Ostkreuz, inklusive SS-Lied und Inkaufnahme der öffentlichen Unterstützung durch die rechtsextremistische „Deutschen Jugend Voran“ – sie teilte seinen Aufruf, was auf Sentürks-Account wiederum geteilt wurde.
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Der Morgenpost erklärt Sentürk, gegen den aufgrund eines „Sieg-Heil“-Ausrufes ermittelt wird, er sei für das SS-Lied und den Repost nicht verantwortlich gewesen. Von der Person, die dahinter stünde, habe er sich mittlerweile getrennt. Wie glaubhaft ist sein Sinneswandel? „Ich habe mir angeschaut, was dort falsch gegangen ist“, sagt er mit Blick auf die rechtsextreme Sprüche und Zeichen, die bei den Demonstrationen zuvor zu beobachten waren. White-Power-Symbolik, „Deutschland den Deutschen“-Rufe, Schwarze-Sonnen-Tattoos: Wer die Demonstrationen in Friedrichshain begleitet hat, kann keinen Zweifel haben, wer da auf die Straße gegangen ist. Seinen „Sieg-Heil“-Ausrutscher begründet Sentürk mit übermäßigem Alkoholkonsum.
Rechte Szene distanziert sich von Sentürk: „Für mich kein traditioneller Deutscher“
Der Aachener war früher in antirassistischen Projekten aktiv, sei aufgrund seiner Wut über die Corona-bedingten Beschränkungsmaßnahmen zur AfD gekommen, die er heute öffentlich als Gefahr für die Demokratie bezeichnet. Nun seine Abkehr von der rechtsextremen Szene insgesamt. Der Schlingerkurs Sentürks, der sich in den sozialen Medien gerne als Influencer darstellt – auf Instagram verzeichnet er knapp 1600 Follower –, hat zur Folge, dass sich die rechte Szene von ihm abwendet. Das rechte „Aktionsbündnis Berlin“, das die erste Demonstration in Friedrichshain mit organisiert hat, hat sich von ihm distanziert. „Er hat die rechten Szene komplett in den Arsch getreten, steht nicht zu deutschen Werten“, verkündet ein Mitglied des rechten Aktionsbündnisses auf Instagram. „Er ist für mich kein traditioneller Deutscher.“
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Zudem wird ein Bruch zwischen dem Aktionsbündnis mit den rechtsradikalen Jugendlichen von der DJV sichtbar, die die Proteste in Friedrichshain zuvor begleitet haben und nun auch ihre Unterstützung für Sentürks Aufruf gezeigt haben. In den Worten des Aktionsbündnisses Berlin: „Trendrechte“, die übermäßig Alkohol konsumierten und „sich wie 13 Jährigen Kinder verhalten“ (sic!). Man werde bald mit einem „besseren Projekt um die Ecke kommen, besonders für christliche Nationalisten“.
Der Berliner Polizei ist die von Sentürk angekündigte Demonstration am 1. Juni noch nicht bekannt. Gegenüber der Morgenpost sagte er aber, dass er 300 bis 500 Menschen anmelden will. In der Nähe des Ostkreuzes ist an diesem Tag ein Protest mit der Überschrift „Lichterkette gegen Hass und Hetze. Für eine demokratische, tolerante, bunte Gesellschaft! Gegen Extremismus, Ausgrenzung und Rassismus. Nie wieder ist jetzt!“ mit 40 Teilnehmenden angemeldet. Dieser findet allerdings jeden ersten Sonntag im Monat statt – jedenfalls bis zum 6. Juli 2025 – und dürfte keine Reaktion auf die erneute Ankündigung Sentürks sein.






