Wirklich weh tut der Arbeitskampf in den Operationssälen. Wenn kein sterilisiertes OP-Besteck mehr ankommt, die teuren Einweg-Geräte zur Neige gehen und die Räume nicht mehr ordentlich gereinigt werden, muss Berlins Universitätsklinikum Charité auf lukrative Eingriffe verzichten.

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„Dann verlieren sie echtes Geld“, sagt Robin Weber. Er kümmert sich für die Service-Tochter CFM um die Medizintechnik im Haus. Jetzt engagiert er sich im laufenden Arbeitskampf in der Tarifkommission der Gewerkschaft Verdi für die 3500 Beschäftigten. Sie wollen in den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVÖD) übernommen werden, der im Mutterhaus gilt.

Streik an der Charité: Universitätsklinik verschiebt planbare Operationen

Um den OP-Betrieb wirksam zu stören, müssten die Kolleginnen und Kollegen länger als nur zwei Tage am Stück die Arbeit niederlegen. Als sie das neulich getan haben, musste die Charité allein am Campus Mitte fünf von 15 Operationssälen stilllegen. „Die Charité wird planbare, nicht dringende Eingriffe verschieben müssen“, bestätigt ein Sprecher am Dienstag: „Zeitkritische Tumoroperationen, Transplantationen, Operationen von Kindern, die Versorgung von Patientinnen und Patienten nach Schlaganfall, Herzinfarkt, anderen Notfällen sowie alle lebenserhaltende Maßnahmen werden wir selbstverständlich durchführen“, wird jedoch versichert.

Webers Kolleginnen und Kollegen scheinen entschlossen, vor der sechsten Verhandlungsrunde am Freitag den Druck zu erhöhen. „Heute ist kein Arbeitstag, heute ist Streiktag“, skandieren die knapp 80 Menschen, die sich am Dienstagvormittag auf dem Campus Mitte rund um den Streikposten versammelt haben.

Streik der Charité-Service-Kräfte: Können Stadt nicht lahmlegen wie bei der BVG

Wie so oft bei Arbeitskämpfen in Krankenhäusern ist der Streik nicht so leicht bemerken. Eine umfassende Notdienst-Vereinbarung sorgt dafür, dass der Betrieb weiterläuft. „Wir können die Stadt nicht lahmlegen wie die Kollegen von der BVG“, vergleicht ein Haustechniker die Verhältnisse zwischen den indirekten Beschäftigten des Landes. Immerhin aus ihrer Sicht: Die Krankentransporte fahren nicht, es hakt bei der Logistik, Beschäftigte und Patienten werden nicht mehr mit frisch zubereiteten Speisen, sondern mit eingeschweißtem Essen eines Caterers versorgt.

Die Streikenden auf dem Charité-Campus sind sauer auf die Politik. Die Wiedereingliederung der Service-Töchter der landeseigenen Krankenhauskonzerne hatte jede Berliner Koalition seit 2016 versprochen. Aber während bei Vivantes die einst aus Kostengründen ausgegliederten Beschäftigten wieder fast so viel verdienen wie die feste Belegschaft, klafft an der Charité weiter eine Lücke. „Die Stammkräfte haben 3000 Euro Inflationsausgleich bekommen. Wir 115,40 Euro“, nennt eine Frau aus der hauseigenen Fahrradwerkstatt ein Beispiel.

Streik an der Charité: Verdi hat Arbeitskampf schon für den gesamten Mai geplant

Viele wollen den Streik auch aufs Wochenende ausweiten. Darüber soll die Belegschaft am Mittwoch bei einer Versammlung in der Kapernaumkirche an der Weddinger Seestraße nahe dem Charité-Campus Virchow entscheiden. Die Gewerkschaft, so ist zu hören, hat den Arbeitskampf bereits für den gesamten Mai geplant.

Bisher hat die CFM kein Angebot vorgelegt. Laut Charité-Sprecher liegt das daran, dass Verdi sich am TVÖD orientieren wolle, das Management hingegen am bisherigen Tarifvertrag der CFM, der etwa für das Schichtsystem mehr Flexibilität biete: „In dieser Struktur werden wir am Freitag die Verhandlungen auch mit konkreten Inhalten fortsetzen und gehen davon aus, dass dies auch im Sinne unserer Mitarbeitenden ist“, hieß es aus der Charité.

Für Geringverdiener reicht das Streikgeld von Verdi nicht zum Leben

Am Streikposten sehen sie das anders. Für viele in der Belegschaft, die zum Teil nur den Berliner Vergabemindestlohn von 13,69 Euro pro Stunde bekommen, sei der Streik „eine Existenzfrage“. Manche könnten es sich aber nicht leisten, nicht zu arbeiten. Für Geringverdiener sei das Streikgeld von Verdi in Höhe von 75 Prozent des Lohns zu wenig, um Miete und Essen bezahlen zu können.

„Die Politiker verweisen in unserem Fall immer auf die schwierige Haushaltslage“, sagt eine Frau: „Meine Haushaltslage ist auch angespannt.“ Dass eine Arbeitsgruppe des Senats die Folgekosten einer Angleichung an den TVÖD mit mehr als 40 Millionen Euro pro Jahr beziffern, ist für die Streikenden eher ein Argument für ihren Arbeitskampf: „Da sieht man, was die schon an uns gespart haben“, sagt ein Mann.

Streik: Manche Service-Kräfte würden im TVÖD 600 Euro mehr im Monat haben

Tatsächlich würden einige Beschäftigte im TVÖD 600 Euro mehr im Monat verdienen, so Tarifkommissionsmitglied Weber. Andere Berufsgruppen seien näher dran am Niveau des Mutterhauses, deswegen sei auch eine prozentuale Erhöhung aller Löhne nicht unbedingt der richtige Weg, eher eine differenzierte schrittweise Angleichung.

Aber nicht so wie beim letzten Tarifabschluss vor vier Jahren. Da wurde ein jährliches Plus von zwei Prozent verabredet. Das wurde erst von der Inflation weggefressen und dann durch die nachgeholten Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst neutralisiert. Deswegen sei der Abstand heute eher größer als damals. Dass die Charité die geschätzt 25 Millionen Euro Mehrkosten durch die jüngste TVÖD-Erhöhung einfach so schlucke, für sie aber nichts übrig habe, sorgt für weiteren Frust in der CFM-Belegschaft.

Wenn sich nichts Wesentliches ändert, wollen viele die CFM verlassen

Manche am Streikposten sehen den Arbeitskampf als letzte Chance für die Charité-Tochter. Ohne mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen würden ganze Gruppen von Beschäftigten die CFM verlassen. Gerade Haustechniker und Sicherheitsleute könnten woanders deutlich mehr verdienen.