Es ist eine Nachricht, die das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung kaum heben dürfte. Erneut ist die Kriminalität in Berlin angestiegen. Das gaben Innensenatorin Iris Spranger (SPD) und Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel am Donnerstag bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für 2024 bekannt. Demnach registrierte das Landeskriminalamt (LKA) im vergangenen Jahr rund 539.000 Fälle. Das waren knapp 2300 mehr als noch 2023.

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„Obwohl Berlin gewachsen ist, haben wir weniger Kriminalität als noch vor zehn Jahren“, ordnete Spranger jedoch ein. Gleichwohl wolle sie die Statistik nicht „schönreden“. Die Aufklärungsquote der Polizei verblieb bei 45,5 Prozent. Bedeutet: Weniger als die Hälfte aller Straftaten werden aufgeklärt.
Demnach ermittelte die Polizei 143.534 Tatverdächtige. Knapp jeder Fünfte (18,1 Prozent) war jünger als 21 Jahre. „Das ist Grund zur Besorgnis“, so Slowik Meisel. Knapp 70 Prozent der Verdächtigen waren in Berlin gemeldet, bei dem Rest handelt es sich um „reisende Kriminelle“, Touristen oder Obdachlose. Erstmals in der Geschichte sind etwas mehr Ausländer als Deutsche unter den Tatverdächtigen, nämlich 50,9 Prozent.
Polizeistatistik: Erstmals mehr Ausländer unter den Tätern
Gründe hierfür sieht Spranger in mangelnden Aufstiegschancen und dem Gefühl von Perspektivlosigkeit unter Migranten und Geflüchteten. Zudem nehme der Anteil der migrantischen Bevölkerung sowie die Verrohung der Gesellschaft insgesamt zu und bei einem Großteil der angezeigten Straftaten handele es sich um „Milieu“-Auseinandersetzungen oder Delikte in Flüchtlingsunterkünften. 113.473 Menschen wurden 2024 in Berlin als Opfer einer Straftat registriert. Das waren 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr.
Die Zunahme der Jugendgruppengewalt weckt weitere Besorgnis. Sie ist im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent auf 2410 Fälle geklettert. 2024 ist auch ein erneuter Anstieg der Rohheitsdelikte in Berlin zu verzeichnen gewesen. 50.638 erfasste Körperverletzungen im Jahr 2024 bedeuten eine Zunahme von 2384 Fällen. Bei durchschnittlich 43.895 Fällen in den letzten zehn Jahren liegt diese Zahl damit deutlich über dem Mittelwert. Das hinge auch mit Auseinandersetzungen während der Fußball-EM in Deutschland zusammen, so Slowik Meisel.
Erneut gestiegen ist zudem die Zahl der Opfer von Gewalt in Partnerschaft und Familie. Sie hat mit 19.213 Fällen im Jahr 2024 den höchsten Wert der vergangenen zehn Jahre erreicht. Mehr als 70 Prozent der Opfer sind weiblich. So wurden im vergangenen Jahr 66 Frauen schwer und neun Frauen tödlich verletzt. Innensenatorin Spranger kündigte an, dass der Senat dem Phänomen im neuen Polizeigesetz mit Fußfesseln für verurteilte (Ex)-Partner, Fallkonferenzen und der Möglichkeit der Wohnungsbetretung von Polizeibeamten bei häuslicher Gewalt begegnen will.
Erstmals seit Jahren sind auch die Zahlen bei Mord und Totschlag gestiegen - von 77 im Jahr 2023 auf 117 im Jahr 2024. 98 Prozent der Fälle wurden aufgeklärt, bei 54 Prozent handelt es sich um versuchte Delikte. Spektakulärster Fall war die Serie von zehn Morden, die ein Palliativmediziner an alten Menschen begangen haben soll. Einen leichten Rückgang gab es mit 1,2 Prozemt bei Diebstahlsdelikten, die mit 226.393 erfassten Fällen aber nach wie vor den Löwenanteil aller Straftaten stellen (42 Prozent).
In aller Munde war zuletzt auch die Messerkriminalität. Im Jahr 2024 wurden 3412 Fälle von Messerangriffen erfasst. Der leichte Rückgang um 70 Fälle im Vergleich zum Vorjahr bedeutet jedoch immer noch den zweithöchsten Wert im Langzeitvergleich. Es konnten 2532 Tatverdächtige ermittelt werden, wobei 87,6 Prozent männlich und 58,1 Prozent nichtdeutscher Staatsangehörigkeit waren.
Vor diesem Hintergrund hatten die Senatsinnenverwaltung und die Polizei im vergangenen Jahr eine „Berliner Strategie gegen Messerkriminalität“ entwickelt, die neben der Errichtung von Messerverbotszonen auch eine Sanktionierung verurteilter Täter mit dem Entzug der Fahrerlaubnis beinhaltete. Allein im laufenden Jahr wurde bereits bei 18 Personen nach Messertaten die Fahrerlaubnis überprüft.
Interessant ist auch der Blick auf die Drogenkriminalität. Diese ging 2024 um 3056 Fälle oder 17,5 Prozent auf 14.446 Delikte zurück. Polizeipräsidentin Slowik Meisel führte die Entwicklung auf die Teillegalisierung von Cannabis zurück, registrierte jedoch trotzdem keine faktische Entlastung. „Die Teillegalisierung hat nach unserer Bewertung bislang den Schwarzmarkt rund um Cannabis nicht zurückdrängen können, er scheint eher zu florieren“, sagte sie jedoch. Das liege womöglich daran, dass bislang nur wenig legales Cannabis verfügbar sei.
294 Drogentote markieren den höchsten Stand seit Anfang des Jahrhunderts. Häufigste Ursache waren Kokain und Heroin oder Cocktails aus mehreren Rauschgiften. Ein Viertel aller Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz geht mittlerweile auf Kokain zurück.
Anstieg antisemitischer Straftaten durch den Nahostkonflikt
Einen Anstieg gab es auch bei der politisch motivierten Kriminalität. Demnach registrierten die Ermittler 8309 Fälle, 29,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Noch stärker - nämlich um 76,4 Prozent - stieg die Zahl der politisch motivierten Gewaltdelikte: 965 Fälle bedeuten eine Steigerung um 418 Fälle. Ganz wesentlich geht der Zuwachs auf antisemitische Straftaten zurück, deren Zahl sich nicht zuletzt im Zuge des Nahost-Krieges auf 1823 verdoppelte. Insgesamt zählten die Ermittler 3137 Straftaten mit Bezug zum Nahostkonflikt, 254,5 Prozent mehr als 2023. Es dürfe nicht sein, dass jüdische Mitbürger mitterweile Angst hätten, auf die Straße zu gehen, beklagte Spranger.
„Die PKS ist nach wie vor ein Tätigkeitsnachweis, der das Hellfeld in unserer Stadt zusammenfasst und natürlich nicht die ganze Kriminalität zeigt, eine Entwicklung ist dennoch erkennbar“, kommentierte Stephan Weh, Berliner Landeschef der Berliner Gewerkschaft der Polizei GdP. „Hinter all diesen Taten stecken Geschädigte und es ist Aufgabe von Politik, dass sie nicht zu einer Nummer in der Statistik verkommen, sondern die Straftaten aufgeklärt werden“. Um das zu gewährleisten, müssten Polizei und Justiz die dafür notwendigen personellen, technischen und gesetzlichen Mittel an die Hand gegeben werden. Zudem solle es der Polizei wieder möglich sein, sich ganz auf ihre Kernaufgaben zu konzentrieren, fordert Weh.





