Ob die Bohrer auf die erhoffte Wasserader stoßen, ist unklar. Insofern ist das, was derzeit im Innenraum der Trabrennbahn Mariendorf geschieht, auch ein großes Experiment. Die inzwischen landeseigene Fernwärme-Gesellschaft BEW (Berliner Energie und Wärme) sucht auf dem weiten Grün nach warmem Wasser, um dort oberflächennahe Erdwärme zu gewinnen. „Wenn wir Glück haben, reichen zwei Löcher“, sagte Christoph Wendt, Geschäftsführer der BEW Solutions.

Montag bis Samstag
Morgenpost der Chefredaktion
Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Die Tochterfirma kümmert sich um Wärmelösungen für die weiten Bereiche Berlins, die nicht an das Fernwärmesystem angeschlossen werden können, welches das Land 2023 vom schwedischen Vattenfall zurückgekauft hatte. Mariendorf liegt rund zwei Kilometer entfernt vom Fernwärmenetz.
Erdwärme: Noch ist nicht klar, ob die Bohrungen den erhofften Ertrag bringen
Sollten die 45 Meter tief reichenden Bohrungen nicht den gewünschten Erfolg bringen, müssen die Ingenieure die Strategie ändern. Dann werde die Rasenfläche in der Trabrennbahn durchlöchert „wie ein Schweizer Käse“. Dann müssen weniger tief reichende Erdwärme-Sonden die benötigte Heizleistung liefern, auch wenn das viel teurer wäre als die nun in den Pilotbohrungen angestrebte Lösung. Diese kosten einen niedrigen sechsstelligen Eurobetrag.
Denn das Ziel ist klar: Die BEW will in dem Tempelhofer Ortsteil in wenigen Jahren 4000 Wohnungen Kohlendioxid-frei mit Wärme versorgen. Das Projekt des Landes-Unternehmens ist ein Beispiel für dafür, wie die Wärmewende angegangen wird außerhalb der Innenstadt und der reinen Einfamilienhausgebiete, wo die private Wärmepumpe das Mittel der Wahl sein soll.
Das Wärmenetz in Mariendorf soll auch Wärme aus dem Abwasserkanal nutzen
Wie in solchen Transformationsprojekten üblich soll ein Mix verschiedener Energiequellen die benötigten 17 Megawatt liefern, so der Chef der BEW Solutions. Neben der Erdwärme von der Trabrennbahn will man Abwärme aus einem Abwasserkanal der Wasserbetriebe unter der nahen Körtingstraße ziehen. Auch Abwärme aus Industrieanlagen und einem Rechenzentrum wollen die BEW-Experten nutzen. Vorhandene Gaskessel in den umliegenden Wohnsiedlungen sollen erhalten und bei Bedarf genutzt werden, um Verbrauchsspitzen abzudecken.

Weil die erneuerbaren Quellen nicht die für das Wärmenetz nötigen 80 Grad erreichen, wird die Temperatur über eine Wärmepumpe angehoben. „Wenn alle Quellen so funktionieren wie erhofft können wir zu 100 Prozent klimaneutral versorgen“, sagte Weidt. Das würde gegenüber dem aktuellen Stand 9000 Tonnen des klimaschädlichen CO2 pro Jahr vermeiden.
Berlin: Finanzierung der Probebohrungen hakt
Noch sind die geologischen Verhältnisse im Berliner Untergrund zwar nicht weit genug erforscht, um die Potenziale der Wärme aus der Erde wirklich abschätzen zu können. Der Berliner Senat hatte vor, Probebohrungen für tiefe Geothermie mit sechs Millionen Euro vorzufinanzieren, um privaten Energieunternehmen angesichts der Millionenkosten für die bis zu 2000 Meter tiefen Löcher die Risiken abzunehmen. Nun aber hakt es mit der Finanzierung.
Als Standorte sind das Heizkraftwerk Buch ganz im Norden der Stadt, das Gelände des Flughafens Tegel und das Heizkraftwerk Neukölln vorgesehen. Private Unternehmen bohren in Adlershof und in Oberschöneweide nach tiefer Geothermie. Letztlich könnte die Wärme aus dem Untergrund nach Schätzungen von Geologen ein Viertel der in Berlin benötigten Heizenergie liefern.
Auch die Gasag setzt auf Erdwärme in Berlin
Die dort womöglich gewonnen Erdwärme aus größerer Tiefe soll in die vorhandenen Fernwärmesysteme fließen beziehungsweise in Tegel den geplanten Technologiepark beheizen. Für die oberflächennahe Geothermie sind aber nach Einschätzung von Experten viele Gebiete der Stadt geeignet. „Das würde auch in einem großen Hinterhof funktionieren, in einem Park oder auf einem Platz“, so BEW Solutions-Chef Weidt. Wenn die Löcher gebohrt sind, sieht man an der Oberfläche nichts mehr. Die BEW will Erdwärme auch für ein Wohngebiet in Blankenburg im Bezirk Pankow nutzen, wenn die geologischen Bedingungen das hergeben. „Wir haben mehrere solcher Projekte“, so der Geschäftsführer.
Der BEW-Wettbewerber Gasag setzt ebenfalls auf oberflächennahe Erdwärme. Der einstige Gasversorger setzt inzwischen voll auf erneuerbare Energien und will die Lieferung von fossilem Erdgas 2040 einstellen. In Pankow baut das Unternehmen einen neuen Wohnkomplex teilweise über den Erdwärmesonden. Jüngst machte die Gasag die Idee öffentlich, das Terminalgebäude des ehemaligen Flughafens Tempelhof, dessen Gebäude- und Heiztechnik dringend erneuert werden muss, mit Erdwärme zu heizen. Das riesige Tempelhofer Feld böte dafür gute Bedingungen.
Wärmenetz im Quartier: Je mehr Anlieger mitmachen, umso wirtschaftlicher wird es
Um Quartiers-Wärmenetze für Gegenden wie Mariendorf zu errichten, ist die Koordination der einzelnen Immobilieneigentümer ein großes Thema. Denn je mehr Anlieger mitmachen, desto eher wird solch ein Projekt wirtschaftlich. Aber um diese Akteure zusammenzubringen, braucht es einen langen Atem. Die BEW Solutions plant ihr Netz um die Trabrennbahn seit 2018. Noch ist nichts unterschrieben, aber mit 17 meist größeren Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften steht man im Kontakt, das Interesse sei da, heißt es, einige hätten das schon schriftlich und offiziell bestätigt.
Mit dabei ist auch die Trabrennbahn selbst. Geschäftsführer Jürgen Saalfrank sieht das Geschäft mit der BEW auch als einen Beitrag zur Zukunftssicherung, auch wenn in der laufenden Pilotphase noch nicht klar sei, wieviel Geld der Energieversorger für die Nutzung des Innenraums zahlen wird, sagte Saalfrank. Das Rohr mit dem warmen Wasser dürfe natürlich nicht über das Geläuf führen, sondern drunter durch. „Wir wollen auch in Zukunft eine Trabrennbahn sein.“





