Begleitet von lautstarken propalästinensischen Protesten wurde am Freitagabend in der Neuen Nationalgalerie eine Ausstellung der Fotografin Nan Goldin eröffnet. In ihrer Rede kritisierte Goldin das Vorgehen Israels im Gaza-Krieg als angeblichen Genozid und verurteilte mehrmals Deutschlands vermeintliche Haltung in dem Krieg .„Ich habe beschlossen, diese Ausstellung als Plattform zu nutzen, um meiner moralischen Empörung über den Völkermord in Gaza und im Libanon Ausdruck zu verleihen“, hatte Goldin zuvor auf der Bühne gesagt.

„Deutschland ist die Heimat der größten palästinensischen Diaspora Europas. Dennoch werden Proteste mit Polizeihunden bekämpft.“

Ihre knapp vierzehnminütige Rede hatte sie mit einer vierminütigen Schweigepause begonnen, um an die Todesopfer in den palästinensischen Gebieten, im Libanon und auch in Israel zu erinnern, wie sie sagte. „Haben Sie Angst, das zu hören, Deutschland? Dies ist ein Krieg gegen Kinder.“

„Was ich in Gaza sehe, erinnert mich an Pogrome“

Goldin, die aus einer jüdischen Familie stammt, sagte auch: „Meine Großeltern entkamen den Pogromen in Russland. Ich bin mit dem Wissen über den Nazi-Holocaust aufgewachsen. Was ich in Gaza sehe, erinnert mich an die Pogrome, denen meine Großeltern entkommen sind.“

Außerdem sagte sie: „Die gesamte Infrastruktur Palästinas ist zerstört worden. Die Krankenhäuser, die Schulen, die Universitäten, die Bibliotheken. Es ist auch ein kultureller Völkermord. Warum kannst du das nicht sehen, Deutschland?“ Die 71-jährige US-Amerikanerin zählt zu den renommiertesten Künstlerinnen der zeitgenössischen Fotografie.

Goldins Rede wurde von lautstarkem Applaus von Teilen des Publikums begleitet. Nach ihrer Rede hielten Dutzende propalästinensische Aktivisten in und vor der Nationalgalerie Flaggen und Banner hoch und forderten in Sprechchören unter anderem die „Freiheit Palästinas“.

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Nationalgalerie-Direktor von propalästinensischen Demonstranten niedergeschrien

Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie, versuchte eine Gegenrede zu halten, wurde dabei aber niedergeschrien. Als sich die Lage beruhigt hatte, las er die Rede noch einmal vor. „Wie ich bereits in meiner Einleitung erwähnt habe, stimme ich mit Ihrer Meinung nicht überein“, sagte er. „Dennoch stehe ich für Ihr Recht ein, sich frei zu äußern.“

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„Unsere Arbeit stützt sich auf grundlegende Werte, die nicht zu negieren sind“, fuhr Biesenbach fort. „Das Existenzrecht Israels steht für uns außer Frage. Der Angriff der Hamas auf den jüdischen Staat am 7. Oktober 2023 war ein grausamer Terrorakt, der durch nichts zu rechtfertigen ist.“

Er ergänzte: „Gleichzeitig fühlen wir mit der Zivilbevölkerung im Gazastreifen und im Libanon mit, deren Leid nicht übersehen werden darf.“

„Goldins Äußerungen durch ihre Einseitigkeit verharmlosend“

Biesenbach teilte im Anschluss an die Eröffnung noch mit: „Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Nan Goldin. This Will Not End Well“ in der Neuen Nationalgalerie ist es heute Abend nach einer Rede der Künstlerin zu einer Protestaktion gekommen, in der Parolen gerufen wurden, die nicht dem Code of Conduct des Hauses entsprechen.

Die Neue Nationalgalerie distanziert sich klar von den Aussagen der Protestierenden und stellt klar, dass sie für Meinungsfreiheit und einen respektvollen Dialog und Umgang miteinander steht.“

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Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der die Nationalgalerie gehört, verurteilte die Äußerungen von Goldin scharf und zeigte sich entsetzt, dass Biesenbach während seiner Gegenrede niedergebrüllt wurde: „Das ist nicht unser Verständnis von Meinungsfreiheit“, sagte er. „Ich empfinde die von Nan Goldin im Zuge der heutigen Eröffnung ihrer Retrospektive gemachten Äußerungen als unerträglich und durch ihre Einseitigkeit gefährlich verharmlosend.“

Claudia Roth verurteilt propalästinensische Störer

Kritik kam auch von Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne): „Ich bin entsetzt, wie der Direktor der Neuen Nationalgalerie niedergebrüllt wurde“, sagte Roth. „So ein Verhalten ist absolut inakzeptabel und es ist ein Angriff auf das Museum und die kulturelle Arbeit, den ich auf das Schärfste verurteile.“ 

Auch sie lehne „die unerträglich einseitigen Ansichten der politischen Aktivistin auch zu Israel ab“, betonte die Grünen-Politikerin. Die Ausstellungsmacher seien mit der schwierigen Situation verantwortlich umgegangen. 

Goldins große Retrospektive mit dem Titel „This Will Not End Well“ ist ab 23. November bis 6. April 2025 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen. Die Ausstellung zeigt Goldins Lebenswerk mit Diashows und Filmen, unterlegt mit Musikstücken und Tonspuren. Parallel zur Ausstellung organisiert die Neue Nationalgalerie ein Symposium, das sich mit verschiedenen künstlerischen Perspektiven auf den Nahost-Konflikt auseinandersetzt und am 24. November in der nahegelegenen Staatsbibliothek stattfindet.

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jst/dpa