Eine junge Frau – es ist die Autorin Thora Siemsen, Freundin Nan Goldins – ist vor einem Spiegel mit ihrem Gesicht beschäftigt. Sie ist vollständig nackt. Sie hat der Kamera den Rücken zugewendet und ihren rechten Unterschenkel auf einem Sessel abgelegt, ihr Körper leuchtet aus dem dunklen Ambiente hervor wie die Figuren auf den Gemälden Caravaggios. Die Intimität des Moments ergibt sich gerade aus der Verweigerung jeglicher Inszenierung: Nichts wirkt hier, als wäre es arrangiert worden, alles scheint fließend und natürlich, unterstrichen noch durch die leichte Unschärfe, die wie ein Schleier über dem Bild zu liegen scheint.

Donnerstag
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Die 1953 in Washington geborene Nan Goldin hat sich mit ihrer Handschrift tief ins Bildgedächtnis der Fotografiegeschichte eingeschrieben und wird deshalb am 3. März von der Akademie der Künste vollkommen zurecht mit dem Käthe-Kollwitz-Preis geehrt. Der Preis wird jährlich an eine bildende Künstlerin oder an einen bildenden Künstler vergeben und ist mit 12.000 Euro dotiert, zuletzt wurden Maria Eichhorn (2021) und Timm Ulrichs (2020) damit geehrt. Schon jetzt kann man in der Akademie der Künste am Hanseatenweg eine Ausstellung besichtigen, die anhand von 50 Schwarzweiß- und Farbfotografien, entstanden in Boston, New York, Paris, Berlin und Asien, das reiche Lebenswerk der großen Fotografin rekapitulieren.

Es ist bekannt, dass sich Nan Goldin schon zu einer Zeit um die queere Community verdient machte, als deren Stigmatisierung noch zur mehrheitsgesellschaftlichen Routine gehörte. 1964, drei Jahre nachdem ihre ältere Schwester Barbara Holly Suizid begangen hatte, verließ sie das Elternhaus, um in Boston mit Freunden zusammenzuleben. In der Transbar „The Other Side“ fand sie das Thema, das für ihr Leben leitmotivisch werden sollte: Die Lebensentwürfe von Menschen, die sich vom binären Geschlechterrollenverständnis unverstanden fühlen, ihr Alltag, ihr Nachtleben, ihre Kraft und ihre Fragilität. Goldin fand dabei zu lässigen und ergreifend authentischen Motiven, indem sie sich von den traditionellen Vorstellungen eines „guten Bildes“ mitsamt Zentralfigur, Vorder- und Hintergrundgestaltung, Ausleuchtung und Fokus emanzipierte. Stattdessen legte sie Dynamik in ihre Fotografie und fand zu einem Einsatz natürlichen Lichts, der ihren Arbeiten etwas herausragend Authentisches gibt.

Davon legt die Ausstellung ein schönes Zeugnis ab – auch mit Bildern aus Berlin. Goldin, die das Siechtum und das Sterben während der Aids-Epidemie in den 1980er-Jahren aus der Nähe miterlebt und auch dokumentiert hatte, erhielt 1991 ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austausch-Dienstes und blieb einige Jahre in der Stadt. Auch hier profitierte sie von ihrer Fähigkeit, im Alltäglichen das bislang Übersehene zu erkennen und in spannenden Kompositionen zu verewigen – etwa mit Bildern aus der Hafenbar oder dem Auguste-Viktoria-Krankenhaus.
Mit Nan Goldin ist nicht nur das Engagement für queere Menschen, sondern auch der Kampf gegen die Pharma-Unternehmensfamilie Sackler verbunden, deren Schmerzmittel Oxycontin Hunderttausende Menschen das Leben kostete. Goldin überlebte ihre Sucht nach dem Opiod und agitierte erfolgreich gegen das Mäzenatentum, mit dem die Familie kulturelles Kapital anzuhäufen versuchte. Zwei Tage nach der Preisverleihung, am 5. März wird zeigt die Akademie der Künste in einer Voraufführung den Film „All the Beauty and the Bloodshed“ von Laura Poitras, der sich diesem Thema widmet.




