Es ist kein alltäglicher Anblick im Saal der Akademie der Künste am Hanseatenweg, wo am Freitagabend der Käthe-Kollwitz-Preis 2022 an die amerikanische Fotokünstlerin Nan Goldin verliehen wurde. „Der Andrang ist so groß, dass wir beide Parkette öffnen mussten“, sagt Akademiepräsidentin Jeannine Meerapfel gleich zu Beginn auf der Bühne, die sich nicht wie üblich frontal, sondern nun in der Mitte des Saals befindet. Das Publikum sitzt davor und dahinter, oder links und rechts, eine Frage der Perspektive. Wie bei Nan Goldins Fotoarbeiten selbst, die seit den 1960er-Jahren vor allem Personen aus Randgruppen festhält. Sie porträtiert Freundinnen und Freunde, die zu ihrer „erweiterten Familie“ wurden, oft in intimen Alltagsmomenten, beim Schminken, beim Sex oder Drogenkonsum. Sie war dabei nie Außenstehende, die voyeuristisch aus der Distanz fotografiert, sondern stets Teil der Szene, wie auch an diesem Abend immer wieder betont wird.
Klaus Biesenbach: „Kunst, in der wir uns auch immer selbst sehen“
Vom Anblick des sich gegenübersitzenden Publikums überrascht zeigt sich auch der Leiter der Neuen Nationalgalerie Klaus Biesenbach, der die Laudatio auf die 69-jährige Künstlerin hält. „Als ich den Saal betrat, dachte ich erst, es wäre ein Spiegel.“ und vergleicht den Eindruck mit Goldins Kunst, „in der wir uns auch immer selbst sehen“. Er nennt sie eine „Berliner Weltbürgerin“ und erinnert an ihre Zeit als DAAD-Stipendiatin Anfang der 1990er-Jahre und wie sie 1992 gemeinsam die erste Ausstellung im brandenburgischen Herzfelde organisierten. Bei ihrer Dankesrede ist sie sichtlich bewegt. „Berlin ist mein Zuhause, eines der wenigen, die ich in meinem Leben gefunden habe. Hier habe ich einige meiner schönsten Tage verbracht. Und Nächte.“ Hier sei sie erstmals als Künstlerin wahrgenommen worden, lange vor ihrem großen Durchbruch in ihrer Heimat.
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Aus Anlass des Preises gibt es eine Ausstellung im Obergeschoss, die bis 16. April verlängert ist. Zu sehen sind Fotoarbeiten aus fünf Jahrzehnten, auf Diashows und Filme musste verzichtet werden wegen der umfassenden Retrospektive, die derzeit durch Europa tourt und im Oktober nächsten Jahres in die Neue Nationalgalerie kommt. Nan Goldin nennt die aktuelle Schau dennoch eine der schönsten ihres Lebens, gerade weil sie so fokussiert ist.
Nan Goldin: Verbindungslinien zum Werk von Käthe Kollwitz
In den Reden wird immer wieder das Verbindende zwischen Kollwitz und Goldin thematisiert, die sich bei allen Unterschieden beide politisch engagiert haben. Bei Goldin lassen sich Werk, Leben und Aktivismus ohnehin nicht trennen. Früh setzte sie sich für die „Unsichtbaren“ ein, wie Meerapfel es nennt, Transpersonen, Drogenabhängige, Aids-Kranke. In der Opioidkrise der 2000er-Jahre wurde sie selbst stark abhängig von Schmerzmitteln, mit denen die amerikanische Pharmakonzern Sackler skrupellos Milliarden verdiente. Der Dokumentarfilm „All the Beauty and the Bloodshed“ von Laura Poitras begleitet Goldin und ihre Mitstreiterinnen der von ihr gegründeten Nonprofitorganisation P.A.I.N. bei ihren Aktionen in amerikanischen Museen gegen die Familie und deren Einfluss als Mäzenen. Sie bereits viel erreicht und für Meerapfel ist klar: „Wir brauchen Sie, mehr denn je.“ An diesem Sonntag um 18 Uhr gibt es die Gelegenheit, den mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichneten Film, der auch für den Oscar am 12. März nominiert ist, bereits in der Akademie zu sehen, bevor er im Mai regulär ins Kino kommt (Informationen hier). Restkarten gibt es an der Abendkasse.
Am Ende gibt es noch Gelegenheit für Fragen aus dem Publikum. Ein junger Mann bittet um Rat als angehender Künstler. Goldin antwortet ernüchtert, der Einstieg heute sei sehr schwer sei, früher hätte man seine Arbeiten einfach einer Galerie zeigen können, um ausgestellt zu werden. Heute gehe es in der Kunstbranche nur noch ums Geld. „Viel Glück“ wünscht sie mit rauchig-sardonischem Lachen.


