Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche war am Montagnachmittag komplett abgeriegelt. Eine offenere Veranstaltung zum Gedenken an das Hamas-Massaker in Israel vor genau einem Jahr war zwar gewünscht. Angesichts der prekären Sicherheitslage überwogen aber die Sicherheitsbedenken. Immerhin waren unter den Besuchern des Gottesdienstes und des Schweigemarsches zum Jüdischen Gemeindehauses an der Fasanenstraße nicht nur Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU), sondern auch zahlreiche andere Spitzenpolitiker, die Repräsentanten der Jüdischen Gemeinschaft in Deutschland sowie hochrangige Vertreter mehrerer anderer Staaten. Dennoch blieben viele Stühle in der Gedächtniskirche leer.
„Kein giftiges Ja, aber“
Um 16.55 Uhr erklangen die Glocken. Berlins evangelischer Bischof Christian Stäblein setzte den Ton für die Feier. „Ein starkes Israel steht für uns ganz vorne“, sagte der Bischof. Er werde an diesem Tag keine Ansprache halten, „in die sich ein giftiges Ja, aber“ und eine Aufrechnung einschleiche. „Das wäre heute billig.“
Rabbiner Andreas Nachama erinnerte in seiner Predigt daran, dass es auch in Berlin nach dem Massaker mit 1200 Toten und 250 entführten Geiseln „Jubelfeiern und lautes Schweigen“ gegeben habe. Aber er stelle sich dennoch einen Frieden vor im Nahen Osten mit Grenzen, „die so unbedeutend sind wie die zwischen Deutschland und Luxemburg“.
Imam Kadir Sanci war beim interkonfessionellen Gottesdienst dabei. „Ich beklage jene, die Gewalt beginnen und den Frieden verweigern“, betete der Muslim: „Errette die Unschuldigen, Israelis, Palästinenser, Libanesen.“
Steinmeier: Noch genauso fassungslos, „wie ich es damals war“
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bekannte in seiner Rede, heute noch so fassungslos zu sein über das, was Hamas-Terroristen getan haben, „wie ich es damals war“. Für Deutschland gebe es eine Verpflichtung, für Israel als „Heimstadt der Juden“ einzustehen. Denn Israel lebe in einer Nachbarschaft, in der die Auslöschung des Staates Israel keine Phrase sei. Auch die Menschen in Gaza müssten seit einem Jahr unermessliches Leid ertragen. „Aber die Toten in Gaza hätte es ohne den Überfall am 7. Oktober nicht gegeben.“

Gegen 17.40 setzte sich der Zug der Gottesdienstbesucher hinter dem Bundespräsidenten in Bewegung. Mit anderen trug das Staatsoberhaupt ein Banner auf dem Stand „Gemeinsam gegen Antisemitismus - Bündnis für ein tolerantes, weltoffenes Berlin.“ Über den gesperrten Kurfürstendamm zog die Demonstration schweigend zur Fasanenstraße. Hinter einem Polizeikordon hatten normale Bürger die Gelegenheit, sich anzuschließen. Diese Chance nutzten aber nur wenige Menschen. Vor dem Gemeindehaus mussten sie nochmals einen Sicherheitscheck passieren. So blieb das zentrale Gedenken in der City West eine eher geschlossene Veranstaltung.
Gedenkgottesdienst nicht in Berlins größter Synagoge
Am Morgen hatte der Tag mit einem Gedenkgottesdienst in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Chabad in der Münsterschen Straße in Wilmersdorf und nicht in Berlins größter Synagoge an der Oranienburger Straße in Mitte begonnen. Rabbiner Yehuda Teichtal wandte sich mit einer optimistischen Botschaft an „Juden, Christen und Muslime, die gemeinsam für eine tolerante Gesellschaft“ stünden. „Jeder Stein, der auf uns geworfen wird, wird zum Grundstein für eine neue jüdische Gemeinde werden“, so Teichtal: „Wir werden in Berlin ein Leuchtturm sein für ein gemeinsames Zusammenleben in der Zukunft.“ Das sei „kein Kampf nur gegen Juden, sondern gegen alle Menschen, die die Demokratie respektieren“. Er forderte alle auf, gerade an diesem Tag eine gute Tat zu tun.

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Wegner sagte, der 7. Oktober stehe für eine „Art der Unmenschlichkeit, die es seit Jahrzehnten nicht gegeben“ habe. Israel habe nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, sich zu verteidigen.
Wegner (CDU): „Werden jüdisches Leben weiter beschützen“
„Meine Gedanken sind auch bei den Menschen im Gaza-Streifen“, sagte Wegner. Die Verantwortung für das Leid trügen aber „einzig und allein die Terroristen der Hamas“. Er sei stolz darauf, „dass wir in Berlin eine starke jüdische Gemeinschaft haben, die weiter wächst“, sagte Wegner: „Wir werden jüdisches Leben weiter beschützen. Wer Hass und Hetze und Antisemitismus auf unseren Straßen skandiert, gehört nicht zu unserem vielfältigen Berlin.“
Alon Gat, der in seinem Kibbuz das Massaker vor einem Jahr überlebte, aber seine Mutter und Schwester verlor, sagte, es seien viele Gelegenheiten verpasst worden, Leben zu retten. „Der Terror steht auf der Schwelle nach Deutschland. Wir dürfen ihn nicht reinlassen“, sagte Gat.
Israels Botschafter: „Sie wollen uns vernichten“
Am Mittag hatten sich Senatoren, Abgeordnete und Mitarbeiter auf Initiative der Parlamentspräsidentin Cornelia Seibeld vor dem Abgeordnetenhaus getroffen. „Man darf gegen die israelische Regierungspolitik demonstrieren. Aber Gewalt darf nie ein Mittel der Auseinandersetzung sein“, sagte Seibeld.

Israels Botschafter Ron Prosor sagte, durch den Terrorangriff sei klar geworden, „mit wem wir es zu tun haben“, so der Botschafter: „Sie wollen uns vernichten.“ Israel werde zwar das Recht auf Verteidigung eingeräumt. Wenn Israel sich aber verteidige, gebe es Kritik.
Prosor kritisierte auch, dass Deutschland sich bei diversen Israel-kritischen Stellungnahmen der UNO enthalten habe. „Enthaltung ist keine Haltung“, sagte Prosor. Man versuche, Israel durch internationale Gremien auf die Knie zu zwingen. „Wir werden diesen Krieg gewinnen, weil wir überhaupt keine Wahl haben.“ Anschließend zogen Prosor und Seibeld vor dem Abgeordnetenhaus Israels Fahne auf. Sie weht aber nur auf Halbmast.
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