Beim Kiezgespräch in Berlin-Moabit wollte Baustadtrat Ephraim Gothe eigentlich über Pläne des Bezirks Mitte sprechen. Doch zahlreiche Wortmeldungen bei dem Termin Anfang März rückten ein anderes Thema in den Mittelpunkt des Abends: Probleme mit dem Bauträger in der Sickingenstraße 41 in Moabit, in dem alle 23 Wohneinheiten verkauft worden sind. Die Übergabe der bezahlten Eigentumswohnungen war im Juni 2023 geplant. Zwei der Käufer, die namentlich nicht genannt werden wollen, bezeugen, dass seit Januar 2023 nicht gebaut wurde. Die bezahlten Wohnungen seien im „Rohbau mit Fenster“ steckengeblieben.

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Auch Florian Kraft und seine Lebensgefährtin Agathe Badia hatten Anfang 2022 eine Wohnung in der Sickingenstraße 41 gekauft. Sie bezahlten den Löwenanteil des Kaufpreises: 500.000 Euro von 693.000 Euro zzgl. Nebenkosten. Der Bauträger hb 15. Wohnimmobilien GmbH informierte die Erwerber, dass sich die Übergabe auf Ende 2023 verschiebt. Nachdem der Übergabetermin geplatzt war, schlossen sich die beiden Software-Entwickler im Juli 2023 mit anderen Käufern zusammen, die zusammen einen Anwalt nahmen.
Verzögerte Übergabe: Das sind die Probleme
Das Problem, wenn eine gekaufte Wohnung nicht rechtzeitig fertig wird, sind die Folgekosten. Florian Kraft erklärt es so: „Ich bezahle weiterhin unsere Mietwohnung in Charlottenburg, tilge den Teil des Bankkredites, der bereits geflossen ist und zahle Bereitstellungszinsen plus Anwalts- und Prozesskosten“. Technisch gesehen seien Florian Kraft und Agathe Badia noch keine Eigentümer der Immobilie und könnten sie daher auch nicht verkaufen. Vor dem Landgericht klagten am 8. April die beiden den mit der hb 15. Wohnimmobilien GmbH vertraglich festgelegten Schadenersatz von 1000 Euro pro Monat ein. In der mündlichen Verhandlung des Landgerichts sah der Richter den Klageanspruch als begründet an. Ob das Geld kommt, ist offen.

Die Firma hb 15. Wohnimmobilien GmbH ist nur eine von vielen Firmen, die Ioannis Moraitis gegründet hat. Die Muttergesellschaft ist die Hedera Bauwert (vormals Gekko Real Estate), die ihren Sitz in Charlottenburg-Wilmersdorf hat. Diese ist wiederum Teil der Entwicklungsgesellschaft Quartier am Hafenplatz und besitzt weitere Objekte in Berlin und Potsdam. Der Bauträger Moraitis erlangte unter anderem durch Proteste in Kreuzberg Bekanntheit, die sich gegen die Kündigung des Gemüsehändlers Bizim Bakkal richteten. Die Initiative Bizim Kiez erhielt 2019 einen sozialen Menschenrechtspreis.
Die Fragen der Berliner Morgenpost an die Hedera Bauwert wurden direkt von Medienanwalt Dominik Höch beantwortet. Zur Sickingenstraße 41 schreibt Höch: „Dieses Projekt ist in die Verzögerung gekommen, da ein ausführendes Unternehmen mit dem Gewerk Heizung/Lüftung und Sanitär sowie Elektrik insolvent gegangen ist. Es musste eine Leistungsabgrenzung stattfinden und ein neues Unternehmen angebunden werden. Dies erfolgte nunmehr und ist abgeschlossen. Nun nimmt das ausführende Unternehmen seine Leistungen auf und bringt das Projekt zu Ende. Aufgrund dieser Tatsache rechnet unsere Mandantin mit einer Fertigstellung zu August 2024.“
Weitere unfertige Objekte des Bauträgers

Eine andere Immobilie, die beim Kiezgespräch im März zur Sprache kam, ist der Altbau Havelberger Straße 10 und 11, Ecke Stendaler Straße 10 im Stephankiez Moabit. Gothe erklärt, dass für das Gebäude im Bereich Zweckentfremdung bis 21. November 2023 eine Leerstandsgenehmigung vorlag, da der Eigentümer behauptete, er baue das Gebäude um. Seitdem sind weitere Monate vergangen. Die Sanierungsarbeiten des „Eckgebäudes mit Seitenflügel und neuem Dachgeschoss“ sollten laut Kaufvertrag bis Ende Januar 2020 fertig werden. Im April 2024 ist das Gebäude jedoch noch immer eingerüstet. Nach jahrelang stockendem Baufortschritt hat die Hedera Bauwert GmbH den Erwerbern Mitte November 2023 die Rechnung für die Rohbau-Rate nach MaBV (Makler- und Bauträger-Verordnung) geschickt – dabei ist der Rohbau längst nicht fertig. Die im Haus angeschlagene Telefonnummer der Hausverwaltung führt ins Leere. Recherchen führten zu einer Frau namens Sylvia Hinz. Sie sagt, dass sie ihre Hausmeistertätigkeit in der Havelberger Straße nach vier Monaten aufgegeben hat, weil sie „nur anfangs Geld bekommen hat.“
Stendaler Straße 10: Obdachlose, Wandlöcher, offene Haustür
Der Fachbereich Bauaufsicht Mitte erhielt im Februar 2024 Nachricht von einigen Missständen: Bewohner meldeten, dass sich im Treppenhaus des Gebäudes Stendaler Straße 10, in dem auch Familien mit Kindern wohnten, drei große, ungesicherte Aussparungen in der Wand befänden, an deren Stelle die Fahrstühle eingebaut werden sollten. Dies sei bisher nicht geschehen. Die Haustür sei nicht abschließbar, sodass Obdachlose dort Zuflucht suchten und laut Bewohnern immer wieder Fäkalien und Zigarettenstummel hinterließen. Letzteres habe wegen der Brandgefährdung eine besondere Brisanz, da es (Stand 23. März 2024) keine Rauchmelder im Treppenhaus gebe. Dass dort 24 Stunden das Licht brenne, sei ein weiteres Ärgernis.

Ein Hausbesuch in der Stendaler Straße 10 bestätigt: Die Haustür ist nicht abschließbar. Vor der Tür des eingerüsteten Hauses liegt eine Matratze. Ein junger Mann mit wenigen Zähnen sagt in gebrochenem Englisch: „No live here. Just visit“. Manche Briefkästen sind aufgebrochen, mit Bleistift steht an einzelnen Wohnungen „bewohnt“. Nach sieben Jahren ist das Mehrfamilienhaus, das saniert werden sollte, in einem verwahrlosten Zustand. Der Gebäudekomplex beschäftigt den Bezirk Mitte schon seit mehreren Jahren: Anfragen der FDP aus den Jahren 2019 und 2021 zeigten schon damals Unstimmigkeiten auf: Wortwörtlich heißt es in der Antwort des Bezirksamts Mitte aus dem Jahr 2021: „Von den 34 Verfahren wurden 20 wegen Eigentümern oder Vermietung eingestellt. In der Havelberger 10 laufen noch Verfahren für acht Wohnungen in Havelberger 11 für vier Wohnungen und in der Stendaler 10 noch alle 13.“
Dazu bemerkt Medienanwalt Höch: „Das Vorhaben ist derzeit im Bau – und damit verbunden ist der Bauschmutz. Unsere Mandantin versucht, den restlichen Bewohnern den Zustand so angenehm wie möglich zu gestalten. Das Objekt wird daher mehrmals die Woche gereinigt. Dass Obdachlose im Haus sein sollen, ist unserer Mandantin nicht bekannt, und es wurde umgehend eine Sicherheitsfirma beauftragt, die dies nachvollziehen soll.“ Die Fertigstellung des Gebäudekomplexes ist laut Medienanwalt bis September 2024 geplant.
Recherchesammlungen und Whatsapp-Gruppen über Hedera Bauwert
Der Berliner Statiker Andreas Tesch berichtet, dass er das fünfstellige Honorar für die Tragwerksplanung des Dachgeschoß-Ausbaus in der Havelberger Straße von der Hedera Bauwert erst nach gewonnenem Prozess mit 1,5 Jahren Verspätung erhalten hat. Teschs 1-Sterne-Bewertung über die Hedera Bauwert auf Google ließ deren Medienanwalt, Dominik Höch, löschen. Sowohl Land- als auch Kammergericht Berlin befanden die Rezension jedoch als zulässig. Tesch stellte sie erneut ein. Tesch bezeichnet Moraitis als „Bauträger auf Abwegen“.
Auch der Dachbaumeister Lukas Schmellenkamp sammelt seit Jahren Informationen und verfasste eine negative Bewertung über die Hedera Bauwert. Für diese erhielt er von Medienanwalt Höch im März 2024 eine Abmahnung und die Aufforderung zur Unterlassung, der Schmellenkamp bislang nicht nachkam.
Seit 2018 existiert eine immer größer werdende WhatsApp-Gruppe mit mutmaßlich Geschädigten der Hedera Bauwert. Laut den Aussagen einzelner Mitglieder, die namentlich nicht genannt werden wollen, geht es um verschiedene Rechtstreitigkeiten, unter anderem wegen der Entlohnung von Dienstleistungen oder vertraglich zugesicherten Terminen zur Fertigstellung von Immobilien.
Hedera Bauwert: Unterschiedliche Erfahrungen
Medienanwalt Höch bezeichnet die Vorwürfe von Schmellenkamp als „Schmutzkampagne“, dessen Verhalten als „in hohem Maße irrational.“ Die Hedera Bauwert erhält auf Google 2,8 von fünf möglichen Sternen (Stand: 9. April 2024), nicht alle sind negativ. Ein Mann namens Holger Rossberg, der nicht verizifiziert werden konnte, vergibt beispielsweise fünf Sterne und erklärt, er habe eine Immobilie bei Hedera Bauwert gekauft, die bereits zu 90 Prozent fertiggestellt sei.
Aus Dokumenten, die der Morgenpost vorliegen, geht hervor, dass Rechtsanwälte derzeit mehrere Klagen rund um das Wohnobjekt Sickingenstraße 41 bearbeiten. Am Landgericht Berlin wurden am 18. März 2024 Streitfälle zu Firmen verhandelt, deren Geschäftsführer Ioannis Moraitis ist: Es handelt sich hierbei um die hb 16. Wohnimmobilien GmbH (Objekt Weserstraße 16) und die hedera 3. Wohnimmobilien GmbH (Objekt Delbrückstraße 37).




