Berlin (dpa/bb). ADAC warnt: Mehr als 60 zeitgleiche Brückenbaumaßnahmen sind nur der Anfang. Wo durch marode Bauwerke Verkehrschaos droht.

Berlin steht ein Jahrzehnt des Brückenbaus bevor. Zahlreiche der insgesamt 1085 Brückenbauwerke in der Hauptstadt sind dringend sanierungsbedürftig. Nach Informationen des ADAC Berlin-Brandenburg sind allein in diesem Jahr mehr als 60 Brücken zeitgleich Baustelle. Auch wenn jede Baustelle für Verkehrsbehinderungen sorgt: Damit es nicht zu Notsperrungen maroder Brücken kommt, die noch deutlich mehr Staus verursachen, fordert Martin Koller, Vorstand für Verkehr im ADAC Berlin-Brandenburg, eine deutliche Ausweitung der Sanierungsbemühungen.

„Jede zehnte Brücke wurde bereits vor fünf Jahren als sanierungsbedürftig eingestuft. Viel passiert ist seitdem nicht“, kritisiert Koller. Berlin befinde sich in einem Sanierungsstau bei Brückenbaumaßnahmen. Gelinge es nicht, marode Brücken in den nächsten Jahren rechtzeitig zu sanieren oder durch neue Bauwerke zu ersetzen, drohe der Hauptstadt als Folge von Brückensperrungen oder Nutzungseinschränkungen ein Verkehrsinfarkt, erklärte Koller am Mittwoch.

ADAC: Sanierungsquote von acht Prozent reicht nicht

Mehr als 830 der Berliner Brücken liegen nach Angaben des ADAC in der Verantwortung des Landes Berlin. 27 Prozent davon wurden im Jahr 2018 als „schlecht“ eingestuft. Doch lediglich an acht Prozent der vom Senat verantworteten Brücken werde ab diesem Jahr zeitgleich gearbeitet. „Wir wünschen uns mindestens eine Verdoppelung, besser noch eine Verdreifachung der Sanierungsquote“, so Koller.

Schon heute zeigten sich die Folgen von Einschränkungen oder Sperrungen von Brücken, wie bei der Mühlendammbrücke oder der Elsenbrücke. Sie führen zu täglichen Staus mit weiträumigem Ausweichverkehr. Neben erheblichen Zeitverlusten für Verkehrsteilnehmende, entstehen zudem höhere Emissionen, Lärm und Unfallrisiken. Laut ADAC Staubilanz standen im letzten Jahr Autofahrerinnen und Autofahrer allein auf dem Berliner Autobahnnetz mehr als 15.000 Stunden im Stau.

Vor allem Brücken aus den 1960er und 1970er Jahren betroffen

Betroffen sind vor allem Spannbetonbrücken aus den 1960er und 1970er Jahren. „Materialermüdung durch Korrosion einerseits und hohe Belastung, insbesondere durch Lkw, andererseits, verkürzen den Lebenszyklus dieser Bauwerke dramatisch“, sagt Koller. Den ursprünglichen Bauplänen wurde ein deutlich geringeres Verkehrsaufkommen zugrunde gelegt.

Die Rudolf-Wissell-Brücke ist dafür ein gutes Beispiel. Das 932 Meter lange Teilstück A 100 wurde 1961 fertiggestellt und muss durch einen Neubau ersetzt werden. Dieser soll 2024 beginnen und voraussichtlich 2029 fertig sein.

Ebenfalls voraussichtlich Ende 2024 kommt auf dem Abschnitt der A 100 in Charlottenburg-Wilmersdorf auch noch der Umbau des Dreiecks Funkturm und der Neubau der Westendbrücke mit weitreichenden verkehrlichen Einschnitten hinzu. So muss die Westendbrücke durch einen Neubau ersetzt werden. Los geht es 2024, mit der Fertigstellung wird 2028 gerechnet. Auch für S-Bahn-Nutzer gibt es während der Bauzeit erhebliche Einschränkungen.

Aber auch innerstädtische Straßen sind betroffen. So muss etwa die Mühlendammbrücke in Mitte – mit mehr als 70.000 Kraftfahrzeugen täglich eine der am meisten genutzten Ost-West-Achsen Berlins – komplett erneuert werden. Seit Beginn der ersten Teilsperrung seien hier Staus an der Tagesordnung.

Staus rund um die Mühlendammbrücke sind an der Tagesordnung.
Staus rund um die Mühlendammbrücke sind an der Tagesordnung. © Julian Würzer

„Wir gehen nicht davon aus, dass die zukünftige Verkehrsleistung in Berlin signifikant abnehmen wird. Insbesondere im Güterverkehr ist eher mit einer Zunahme zu rechnen, solange Schienen- und Wasserwege nicht gestärkt werden“, so Koller weiter. Das würden Studien belegen. Bei Sanierung und Planung der Generati­onsbauwerke sollte daher die Leistungsfähigkeit mindestens erhalten bleiben – anders als es zum Beispiel der Entwurf für die Mühlendammbrücke vorsehe, forderte der ADAC-Vorstand.

Abgestimmtes Baustellenmanagement und digitale Leitsysteme

Damit diese so gering wie möglich ausfallen, müsse weiter massiv in den Erhalt und die Erneuerung von Brücken investiert werden, so Koller weiter. Planungs- und Genehmigungsverfahren müssten aus Sicht des ADAC Regionalclubs dringend vereinfacht und beschleunigt werden. ebenso wie die Sanierungsprozesse an sich. „Ein unter den Bezirken abgestimmtes Baustellenmanagement sei zudem uner­lässlich, damit Ausweichverkehre und Staus kein Dauerzustand werden“, so Koller weiter. Auch digitale Leitsysteme könnten eine Möglichkeit sein, den Verkehr im Baustellenbereich und auf Umleitungsstrecken zu entspannen.

Darüber hinaus sollten die Möglichkeiten zur Bauzeitverkürzung verstärkt genutzt werden, indem etwa dauerhaft im Schichtbetrieb gearbeitet werde.

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