Der gewaltsame Tod von Tahir Özbek liegt mittlerweile mehr als acht Jahre zurück. Die juristische Aufarbeitung des Mordes an dem 26-Jährigen scheint jedoch nicht enden zu wollen. Seit Dienstag steht einer der Männer, der am sogenannten Wettbüro-Mord am 10. Januar 2014 beteiligt war, erneut vor Gericht. Zwar hatte der Bundesgerichtshof (BGH) keinen Zweifel daran, dass sich Cenkay T. des Mordes schuldig gemacht hat.

Die lebenslange Haftstrafe, die der heute 33-Jährige im Oktober 2019 erhielt, könnte allerdings zu hoch sein. Denn das Berliner Landgericht habe in der Zumessung des Strafmaßes nicht ausreichend berücksichtigt, dass T. aussagte und damit half, den Fall aufzuklären, wie der BGH im Februar entschied.

13 teils vermummte Männer, alles Mitglieder des Rockerclubs Hells Angels Berlin City (HABC) wie sich später herausstellte, stürmten am Tatabend dass Wettcafé an der Residenzstraße in Reinickendorf, in dem Özbek Stammgast war. Überwachungskameras zeichneten auf, wie sie im Gänsemarsch an anderen Gästen vorbei in den hinteren Teil des Ladens liefen.

Opfer Tahir Özbek verblutete noch am Tatort

Dort zog der erste in der Reihe eine Waffe und feuerte acht Mal auf das arglose Opfer, bevor die Angreifer umdrehen und hektisch wieder nach draußen stürmten. Nur der Schütze nimmt den Hinterausgang. Die ganze Aktion dauerte gerade einmal 25 Sekunden. Tahir Özbek, von sechs Kugeln getroffen, verblutet noch am Tatort.

Insgesamt elf Mitglieder des Rockerclubs Hells Angels wurden für den Mord verurteilt. Zehn von ihnen erhielten eine lebenslange Freiheitsstrafe – darunter auch der Schütze Recep O. und Clubchef Kadir Padir. Der damals 29-Jährige war zwar nicht dabei, gab den Mord allerdings in Auftrag und wurde daher wegen Anstiftung verurteilt.

Der elfte, Kassra Zargaran, sagte vor Gericht als Kronzeuge umfassend aus, erhielt dafür nur zwölf Jahre und kam 2020 unter Anrechnung der Untersuchungshaft wieder frei. Vor Kurzem veröffentlichte Zargaran ein Buch über seine Geschichte und seinen Ausstieg bei den Hells Angels. Da seine Aussage in Rockerkreisen das Todesurteil bedeutet, lebt der 35-Jährige heute unter neuem Namen im Zeugenschutz.

Cenkay T. machte „Rückzieher“, weil er im Gefängnis bedroht worden sei

Darüber, ob Cenkay T. ähnliches vorhatte, kann nur spekuliert werden. Klar ist, dass auch er bereits kurz nach seiner Festnahme im Januar 2014 gegenüber der Polizei umfassend aussagte und Angaben sowohl zum Schützen, als auch zum Auftraggeber machte. Im Prozess wiederholte er das jedoch nicht, sondern relativierte seine Angaben vielmehr. Das Gericht sah daher damals keine strafmildernden Umstände und verhängte auch hier das volle Strafmaß.

Er habe Angst um sein Leben und das seiner Familie gehabt, erklärte Cenkay T. nun. Man habe ihn im Gefängnis eingeschüchtert, Bauarbeiter hätten ihn dort auf seine Aussage angesprochen. „Da habe ich einen Rückzieher gemacht“, so der 33-Jährige.

Der Mord an Tahir Özbek war ein Racheakt. Der damals 26-Jährige war selbst ein polizeibekannter Intensivtäter. Im Oktober 2013 verletzte er öffentlich ein Mitglied der Hells Angels mit einem Messer. Die Tat gilt als Hinrichtung und Machtdemonstration.

Auftraggeber Kadir Padir stellte sich zwei Wochen nach der Tat der Polizei

Tahir Özbek starb in diesem Wettcafé an der Reinickendorfer Residenzstraße (Archivbild).
Tahir Özbek starb in diesem Wettcafé an der Reinickendorfer Residenzstraße (Archivbild).© dpa | Maurizio Gambarini

In den Tagen nach der Tat rollte eine wahre Verhaftungswelle durch die Berliner Rockerszene. Nach zwei Wochen stellte sich auch Kadir Padir der Polizei. Der damals noch vergleichsweise neue und für seine Skrupellosigkeit und Gewaltbereitschaft bekannte Zweig der Hells Angels war damit Geschichte. Zuvor hatten Padir und seine überwiegend türkischstämmigen Untergebenen Geld mit Drogen- und Waffengeschäften, Schutzgelderpressung sowie im Rotlichtmilieu verdient – auch nachdem die HABC 2012 verboten wurden.

Was folgte, war ein Gerichtsprozess, der seinesgleichen suchte. Ab November 2014 sollte es fünf Jahre dauern, bis ein Urteil gesprochen wurde. Das fiel am 300. Verhandlungstag im Oktober 2019. Im Februar 2022 bestätigte der BGH in Leipzig die meisten der Urteile, außer das für Cenkay T. Da sein Schuldspruch bis heute nicht rechtskräftig ist, sitzt er seit mittlerweile rund acht Jahren und sieben Monaten nach wie vor in Untersuchungshaft. Für den Prozess sind zwei weitere Verhandlungstage und eine Entscheidung am Freitag anberaumt.