Mord im Wettbüro

Mordprozess: Acht Rocker zu lebenslanger Haft verurteilt

Rocker der Hells Angels hatten 2014 in einem Wettbüro in Berlin-Reinickendorf Tahir Ö. erschossen. Nun fiel im Prozess das Urteil.

Urteil im Wettbüro-Mordprozess: Kadir P. hat den Mord an Tahir Ö. in Auftrag gegeben. Am Mittwoch verurteilte das Berliner Landgericht ihn und sieben Mitangeklagte zu lebenslänglichen Haftstrafen.

Urteil im Wettbüro-Mordprozess: Kadir P. hat den Mord an Tahir Ö. in Auftrag gegeben. Am Mittwoch verurteilte das Berliner Landgericht ihn und sieben Mitangeklagte zu lebenslänglichen Haftstrafen.

Foto: Olaf Wagner

Berlin. Knapp fünf Jahre nach Beginn eines Prozesses gegen Rocker der Hells Angels wegen tödlicher Schüsse in einem Berliner Wettbüro ist das Urteil am Dienstag verkündet worden. Acht der zehn angeklagten Männer wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Sieben von ihnen wurden des gemeinschaftlichen Mordes schuldig gesprochen.

Ein 35-Jähriger, der als Rockerchef der Hells Angels gilt und die tödlichen Schüsse in einem Wettbüro in Auftrag gegeben hatte, wurde wegen Anstiftung zum Mord verurteilt. Der Kronzeuge in dem Prozess erhielt eine Haftstrafe von zwölf Jahren, ein zehnter Angeklagter kam mit einer Bewährungsstrafe davon.

Rockerprozess in Berlin: Kadir P. gilt als Auftraggeber des Wettbüro-Mordes

Auf der Anklagebank saß auch der 35 Jahre alte Kadir P., der uneingeschränkte Boss der Berliner Hells Angels. Das Hauptaugenmerk der Ermittler galt in dem Fall vor allem ihm. Der Rockerchef ist so etwas wie der Stachel im Fleisch des Landeskriminalamtes (LKA), er sitzt seit fünf Jahren in U-Haft. Davor gab es kaum ein in der Rockerszene verübtes Verbrechen, mit dem P. nicht in Verbindung gebracht wurde. Aber es gab keinen Beweis gegen ihn. Nun wurde auch er zu lebenslanger Haft verurteilt, weil das Gericht überzeugt ist, dass er den Auftrag für den Mord an Tahir Ö. gab.

Zuvor hatten die zehn Angeklagten die Möglichkeit zu einem letzten Wort nach Ende der Beweisaufnahme und den Plädoyers. Neun der Männer, darunter der mutmaßliche Schütze, nutzten dies nicht. Damit folgten sie praktisch ihren Verteidigern, die vor zwei Wochen ebenfalls auf ihre Schlussplädoyers verzichtet hatten.

Nach Schüssen im Wettbüro: Kronzeuge bereut Mord an Tahir Ö.

Ein 32 Jahre alter Angeklagter sagte, „die ganze Geschichte tut mir unfassbar leid“. Es hätte so nicht passieren dürfen. Bei dem Mann handelt es sich um den Kronzeugen Kassra Z. Er hatte bereits in der Beweisaufnahme geäußert, der Schmerz der Mutter des Getöteten habe ihn veranlasst, „reinen Tisch“ zu machen. Ihm hielten die Richter zugute, dass er sich den Behörden gegenüber kooperativ gezeigt und an der Aufklärung des Verbrechens mitgewirkt hatte.

Gegen einen zehnten Angeklagten war der Mordvorwurf bereits vor langer Zeit fallen gelassen worden. Er erhielt am Dienstag eine Bewährungsstrafe wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz.

Mord im Wettbüro - der Anschlag dauert gerade einmal 25 Sekunden

Hintergrund: Billigte die Polizei den Rockermord? LKA in Erklärungsnot

13 teils vermummte Männer waren am 10. Januar 2014 in das Wettspiel-Café in Berlin-Reinickendorf marschiert. Der Mann an der Spitze hielt eine Pistole in der Hand und feuerte auf das 26 Jahre alte Opfer Tahir Ö. Sechs Kugeln trafen, Ö. starb noch im Café. Der Anschlag vor laufenden Überwachungskameras dauerte gerade einmal 25 Sekunden.

Im bislang größten Rocker-Prozess der Hauptstadt hatte die Staatsanwaltschaft für acht der Angeklagten auf lebenslange Freiheitsstrafen plädiert. Im Kern ging es um die Frage, ob die Tat ein geplanter Mord oder eine aus dem Ruder gelaufener „Denkzettel“ war.

Angeklagte Hells Angels lachten im Gerichtssaal

Während des gesamten Prozesses hatten sich die Angeklagten in ihren Kabinen aus Panzerglas demonstrativ gelassen gezeigt. Man unterhielt sich angeregt, scherzte, prostete sich zu und winkte hinüber zu Angehörigen im Zuschauerbereich, wobei das Gericht gleichzeitig schlicht ignoriert wurde.

Am Dienstag bekam dieses Bild der „Uns-kann-keiner-etwas-Attitüde“ dann allerdings Risse. Etliche Angeklagte reagierten geschockt auf die Urteile, einer schlug wütend mit der Faust gegen die Panzerglasscheibe. In manchen Gesichtern machte sich eine Mischung aus Wut und Fassungslosigkeit breit, und unter den Zuschauern wurden vereinzelt Unmutsbekundungen laut. Ansonsten blieb es ruhig, dafür sorgten schon ein Großaufgebot an Justizwachtmeister im Saal und eine Hundertschaft der Polizei in und vor dem Gerichtsgebäude in Moabit.

Richter: Mörderisches Überfallkommando für eine heimtückische Tötung

Fast alle schwiegen jahrelang. Neben dem "Kronzeugen" gab aber ein heute 30-Jähriger in Briefen an das Gericht zu, auf das Opfer gefeuert zu haben - aus Angst. Einen Auftrag habe er aber nicht gehabt. Andere erklärten gegen Ende des Prozesses, sie hätten Tahir Ö. "eine Ansage" machen, ihm einen Denkzettel verpassen wollen - es sei kein Mord verübt worden. Einer der Männer erklärte: "Es ging darum, ihn klein zu machen, zu erniedrigen". Einen Tötungsplan habe es nicht gegeben. Das sah das Gericht anders.

Die Staatsanwaltschaft hatte die Tat früh als geplanten heimtückischen Mord eingeordnet, in Auftrag gegeben von Rocker-Boss Kadir P. Die Gruppe der Anklagevertreter um die Oberstaatsanwälte Christian Fröhlich und Sjors Kamstra blieb während des gesamten Prozesses bei dieser Linie, auch dann, als durchaus schlüssige Argumente der Verteidigung Zweifel an der Mordversion nährten. Die Ankläger stützten sich dabei auf Erkenntnisse aus der Telefonüberwachung der Rocker und die Aussagen des Kronzeugen Kassra Z.

Von einem „mörderischen Überfallkommando“ für eine heimtückische Tötung aus niederen Beweggründen sprach Thomas Groß, Vorsitzender der 15. Schwurgerichtskammer am Landgericht am Dienstag in seiner Urteilsbegründung. Für das Gericht stehe zudem zweifelsfrei fest, dass der Angeklagte Kadir P., für das Gericht „ein lautes und aggressives Alphatier“, den Auftrag dazu erteilt habe. „Ohne ihn lief gar nichts“, so Richter Groß weiter.

Innensenator Geisel (SPD): "Das ist ein guter Tag für den Rechtsstaat"

nnensenator Andreas Geisel (SPD) sagte zu dem Urteil: „Ich bin froh und erleichtert, dass nach so langer Zeit ein Urteil gesprochen wurde. Das ist ein guter Tag für den Rechtsstaat. Angesichts der Kaltblütigkeit der Tat halte ich dieses Urteil für absolut angemessen. Ich hoffe auf eine entsprechende Signalwirkung: Berlin ist das falsche Pflaster für Bandenkriege oder andere Formen der brutalen Gewalt, die aus zweifelhaften Motiven heraus begangen werden.“

„Natürlich sollten wir uns dessen bewusst sein, dass das Prinzip der Outlaw Motorcycle Gangs nicht mit einer Verurteilung von Kadir P. fällt. Wir reden hier aber nicht über irgendwen, sondern einen Mann, der die Hells Angels auf ein neues Machtniveau in der Stadt gehoben hat. Wir können uns darauf einstellen, dass andere in die jetzt entstandene Lücke stoßen wollen“, kommentierte der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) das Urteil.

Rocker-Mord gebilligt? Vorwürfe gegen das LKA

Der Prozess dauerte knapp fünf Jahre, das Urteil fiel nun am 300. Verhandlungstag. Mehr als 370 Zeugen und Sachverständige waren gehört worden. Die meisten der deutschen und türkischen Angeklagten sitzen seit mehr als fünfeinhalb Jahren in Untersuchungshaft. Einige schwiegen im Prozess, andere bestritten einen Tötungsauftrag.

Begonnen wurde der Prozess mit elf Angeklagten. Aus gesundheitlichen Gründen musste das Verfahren gegen einen Verdächtigen abgetrennt werden, gegen ihn wird gesondert verhandelt. Weitere mutmaßliche Komplizen sollen untergetaucht sein.

Der Prozess hatte sich auch wegen Fehlern der Polizei hingezogen. In einem rechtlichen Hinweis des Landgerichts hieß es im Vorjahr, das Landeskriminalamt (LKA) habe gewusst, dass so ein Mord passieren könne, jedoch keine ausreichenden Gegenmaßnahmen ergriffen. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen gegen drei Beamte wegen Totschlags durch Unterlassen ein. Die Ermittlungen dauerten an, sagte eine Sprecherin.