Hells Angels

Acht Jahre Verhandlung: Wettbüro-Mordprozess geht weiter

| Lesedauer: 9 Minuten
Polizeibeamte untersuchen nach den tödlichen Schüssen in der Reinickendorfer Sportwetten-Bar den Tatort.

Polizeibeamte untersuchen nach den tödlichen Schüssen in der Reinickendorfer Sportwetten-Bar den Tatort.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Gerade einmal 25 Sekunden dauerte der Mord an Tahir Ö. Die Justiz beschäftigt der Wettbüro-Fall seit nunmehr acht Jahren.

Berlin. Als die Tür aufgeht, dreht sich der Mann am Tresen um und nimmt einen Zug von seiner Zigarette. Wie im Gänsemarsch ziehen die bulligen, teils maskierten Gestalten an ihm vorbei und gehen zielstrebig in den hinteren Teil des Ladens. Die anderen Gäste würdigen die Männer kaum eines Blickes. Erst als der 13. der Kolonne das Wettbüro betreten hat, bricht plötzlich Hektik aus. Er dreht sich um und stürmt als erster wieder heraus, die anderen folgen. Nur einer nimmt den Hinterausgang: der Mann, der zuvor an der Spitze der Gruppe stand und acht Schüsse auf den Karten spielenden Tahir Ö. abgefeuert hat, der nun tot auf dem Boden liegt. Sechs Kugeln trafen den 26-Jährigen, der binnen Sekunden verblutete.

Während Tahir Ö. am 10. Januar 2014 starb, liefen die Überwachungskameras des Wettcafés „Expect“ an der Reinickendorfer Residenzstraße. Die Aufnahmen sind noch heute im Internet zu finden. Darauf ist auch zu sehen, wie ein Mann, den die Ermittler später als den damals 25-jährigen Recep O. identifizierten, die Waffe zieht und abdrückt. Gerade einmal 25 Sekunden dauerte die Hinrichtung von Tahir Ö. Die Justiz beschäftigt der Fall allerdings bis heute – acht Jahre später.

An diesem Dienstag und Mittwoch verhandelt der Bundesgerichtshof in Leipzig über die Revisionen in dem Fall, der als „Wettbüro-Mord“ in die Berliner Kriminalgeschichte einging. Damit startet die nächste Runde in dem Prozess, der bis Ende 2019 vor dem Berliner Landgericht fünf Jahre lang verhandelt wurde. Der Ausgang ist ungewiss.

Spur führte schnell zu den Hells Angels

Dass sich das Verfahren bis ins Jahr 2022 hinziehen wird, hat nach dem Mord wohl kaum jemand vermutet. Denn schnell war klar, dass die Täter in den Reihen der Rockergruppe Hells Angels zu suchen sind. Zum einen waren einige Mitglieder des Clubs auf den Aufnahmen aus dem „Expect“ klar zu erkennen. Zum anderen passte auch das Motiv: Rache. Tahir Ö., selbst als Intensivtäter polizeibekannt, musste sterben, weil er im Oktober 2013 vor der Diskothek „Traffic“ am Alexanderplatz Mitglieder der Hells Angels mit einem Messer verletzte – so sah es die Staatsanwaltschaft.

In den Wochen nach der Tat rollte eine wahre Verhaftungswelle durch die Berliner Rockerszene. Am 23. Januar 2014 stellte sich schließlich auch der Mann der Polizei, der den Mord an Tahir Ö. in Auftrag gegeben hatte: Kadir P., damals 29 Jahre alt und ehemals Präsident der berüchtigten Hells Angels Berlin City.

Der damals vergleichsweise neue Zweig des Rockerclubs ist heute längst wieder Geschichte und bestand vor allem aus türkischstämmigen Kriminellen, die nach Erkenntnissen des Berliner Landeskriminalamts (LKA) mit Drogen- und Waffengeschäften, Schutzgelderpressung sowie im Rotlichtmilieu ihr Geld verdienten. Bereits 2012 wurden sie vom Berliner Senat verboten.

Prozessbeginn gegen elf Angeklagte

Am 4. November 2014 begann der Mammutprozess unter erhöhten Sicherheitsbedingungen. Neben Kadir P. und dem mutmaßlichen Schützen Recep O. waren neun weitere Männer angeklagt, die mit insgesamt 24 Verteidigern auftraten. Dazu kamen Nebenklage, Staatsanwaltschaft und unzählige Zuschauer. Der Saal 500 des Berliner Landgerichts war zum Bersten voll – heute unter Pandemiebedingungen nur schwer vorstellbar.

Dass der Prozess lange dauern würde, war bereits zu Beginn klar. Daher wurden vorsorglich Termine bis zum April 2015 angesetzt. Schnell sollte klar werden, dass das bei Weitem nicht ausreicht. Wie lang es am Ende wirklich dauern würde, konnte sich aber auch da wohl kaum jemand ausmalen.

Denn die Anklage hatte mit Kassra Z. einen entscheidenden Trumpf im Ärmel. Der saß ebenfalls auf der Anklagebank, machte aber mit den Behörden einen Deal. Der zu Prozessbeginn 27 Jahre alte Z. legte bereits bei der Polizei ein umfassendes Geständnis ab, belastete seine mutmaßlichen Mittäter und vor allem Kadir P. schwer. Auch vor Gericht sagte er insgesamt an mehr als 20 Verhandlungstagen aus. Da das in Rockerkreisen sein Todesurteil bedeutet, stand Kassra Z. während des gesamten Prozesses unter Polizeischutz.

Was genau in den 25 Sekunden des Abends im Januar 2014 geschah, konnte das Gericht auch zwei Jahre nach Prozessbeginn nicht abschließend klären. Nach 136 Verhandlungstagen und rund 130 Zeugen war im November 2016 immer noch kein Ende in Sicht. Einer der Angeklagten wurde inzwischen aus der Untersuchungshaft entlassen, weil sich der dringende Tatverdacht gegen ihn nicht erhärten konnte. Die übrigen, bis auf den Kronzeugen, schwiegen.

Ermittler könnten zuvor von den Mordplänen gewusst haben

Zunehmend rückte auch das LKA selbst in den Fokus, was den Prozess zusätzlich verlängerte. So war bereits vor Verhandlungsbeginn bekannt, dass Ermittler im Vorfeld des Mordes an Tahir Ö. Kenntnis von dem Plan gehabt haben könnten und nicht handelten. Bereits am 29. Oktober 2013, zwei Wochen nach dem Vorfall vor dem „Traffic“, teilte ein Spitzel dem LKA mit, dass Kadir P. die Tötung in Auftrag gegeben hat. Dies habe man nicht verifizieren können, sagte LKA-Chef Christian Steiof später den Medien.

Seit Dezember 2013 wurde Kadir P.s Telefon abgehört. Am 5. Januar 2014 wurde ein Telefonat mitgeschnitten, in dem der Rockerboss erfuhr, wie sich Tahir Ö. über ihn und die Hells Angels lustig machte. P. schäumte vor Wut. Fünf Tage später war Ö. tot. Während all der Zeit trat das LKA kein einziges Mal an den 26-Jährigen heran und warnte ihn.

Die Ermittler sahen sich selbst dem Vorwurf ausgesetzt, den Tod eines Menschen in Kauf genommen zu haben, um die Hells Angels danach in Haft nehmen zu können. Gegen drei Beamte wurde daher 2018 auch wegen des Verdachts auf Totschlag durch Unterlassen ermittelt.

Urteil fiel nach fünf Jahren am 300. Verhandlungstag

Am 1. Oktober 2019 war es endlich soweit. Am 300. Verhandlungstag sprach Richter Thomas Groß nach fast fünf Jahren Prozess das Urteil. Acht der Angeklagten wurden wegen Mordes und Kadir P. wegen der Anstiftung zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch Kronzeuge Kassam Z. wurde wegen Mordes schuldig gesprochen, musste aber nur zwölf Jahre in Haft, da er nach Ansicht des Gerichts wesentlich zur Aufklärung beitrug. Das Verfahren gegen einen weiteren Mann wurde zwischenzeitlich aus gesundheitlichen Gründen abgetrennt. Er erhielt drei Monate später ebenfalls eine lebenslange Haftstrafe. Nur ein Angeklagter, dem keine Beteiligung nachgewiesen werden konnte, kam mit Bewährung davon.

Die Tat vom 10. Januar 2014 sei kein aus dem Ruder gelaufenes Geschehen gewesen, bei dem einer versehentlich erschossen wird, sagte Richter Groß in der Urteilsbegründung. So hatte es die Verteidigung zeitweise versucht darzustellen. Es habe einen Tötungsplan gegeben, es sei Mord gewesen, befand Groß. Auch der Aussage des angeklagten Schützen Recep O. schenkte die Kammer keinen Glauben. Er hatte zwischenzeitlich angegeben, spontan und ohne Mordauftrag auf Tahir Ö. geschossen zu haben.

Da allerdings zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung nicht ausgeschlossen werden konnte, dass es seitens des LKA mögliche Fehler beim Schutz des Opfers gab, kam den Verurteilten eine sogenannte Vollstreckungslösung zugute. Die wegen Mordes Verurteilten bekamen einen Haft-Rabatt von zwei Jahren. Bei Lebenslang bedeutet das, dass sie bereits nach 13 und nicht erst nach 15 Jahren ein Recht darauf haben, dass eine Aussetzung ihrer Strafe zur Bewährung geprüft wird.

Kadir P. sitzt seit mittlerweile acht Jahren in Untersuchungshaft

Genau dagegen richtete sich die Revision der Staatsanwaltschaft, die nun vor dem 5. Strafsenat des BGH in Leipzig verhandelt werden muss. Auch die Verurteilten legten Rechtsmittel gegen das Urteil ein – mit einer Ausnahme: Kronzeuge Kassam Z. akzeptierte seine Strafe. Unter Anrechnung der Untersuchungshaft wurde er bereits 2020 nach sechs Monaten und sieben Jahren auf Bewährung entlassen, wie sein damaliger Verteidiger Steffen Tzschoppe der Deutschen Presse-Agentur berichtete. Z. lebt mittlerweile unter einem neuen Namen im Zeugenschutz.

Da die Urteile gegen Kadir P. und die übrigen Angeklagten bis heute nicht rechtskräftig sind, sitzen sie nach wie vor in Untersuchungshaft – seit mittlerweile acht Jahren.