- Die Aktivisten von "Die letzte Generation" blockieren immer wieder Autobahn, Häfen oder sogar Flughäffen.
- An den Aktionen gibt es viel Kritik.
- Bundesweit landen pro Jahr etwa zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll.
- So kämpfen Initiativen gegen diese Verschwendung von Lebensmitteln.
Unter dem Motto „Essen retten, Leben retten“ protestiert die Aktivistengruppe „Die letzte Generation“ seit Tagen immer wieder auf der Stadtautobahn gegen Lebensmittelverschwendung – sehr zum Unmut etlicher Autofahrer. Zuletzt blockierten sie auch Häfen und die Zufahrt zum Flughafen BER. Die Debatte darum, ob solche Aktionen als Mittel des zivilen Ungehorsams gerechtfertigt sind, kocht hoch. Der Berliner CDU-Chef Kai Wegner sprach etwa von „verblendeten Möchtegern-Revolutionären.“ Und auch von Seiten der Berliner Tafel, für die gerettete Lebensmittel von wesentlicher Bedeutung sind, gibt es Kritik. Die Vorsitzende Sabine Werth sagt: „Es ist ein wichtiges Anliegen, aber schlecht gemacht. Rettungswagen zu blockieren trägt eher zur Ablehnung solcher Aktionen bei, als zur Bewusstmachung eines wirklich wichtigen Problems, nämlich der allgegenwärtigen Lebensmittelverschwendung.“
Nach Angaben der Verbraucherzentralen landen bundesweit pro Jahr rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Verbraucher werfen demnach pro Kopf etwa 75 Kilogramm Lebensmittel im Jahr weg. Das Prädikat Lebensmittelrettung haben sich nicht zuletzt deswegen auch in Berlin mittlerweile viele Institutionen auf die Fahnen geschrieben, darunter ehrenamtliche und kommerzielle Angebote.
Relativ neu im Geschäft ist der Online-Supermarkt Motatos, der als Ableger eines schwedischen Start-ups seit 2020 von Berlin aus deutschlandweit agiert. Motatos arbeitet direkt mit Herstellern zusammen, beispielsweise mit den Berliner Lebensmittelfirmen Storck, BRLO, Koakult oder Dörrwerk. Die Grundidee ist der Konsum geretteter Lebensmittel, die im Online-Shop der Firma zu stark rabattierten Preisen verkauft werden.
Online-Supermarkt Motatos: „Wir treffen damit total den Zeitgeist“
„Gerettet“ werden solche Produkte, die entweder aus Überproduktion stammen, Fehldrucke, falsche Verpackungen oder sonstige Mängel aufweisen. Hauptsächlich sind es Nahrungsmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald abläuft oder schon abgelaufen ist. Statt in der Tonne landen sie im Warenkorb. „Wir treffen damit total den Zeitgeist“, sagt Deutschland-Chef Alexander Holzknecht über das Konzept. Seiner Statistik zufolge konnten bislang deutschlandweit rund 7500 Tonnen Lebensmittel von 170.000 Kunden gerettet werden. „Allein in Berlin waren es 509 Tonnen“, so Holzknecht.
Bis Ende 2021 wurden mehr als 500.000 bestellte Lebensmittelpakete versendet, 2022 soll die Zahl verdoppelt werden. Südlich von Berlin in Großbeeren werden die Pakete täglich verschickt. Der Hauptkundenstamm ist laut Holzknecht übrigens eher jung. „Bei Anfang 20 geht es los. Unser Top-Kunden-Segment sind junge Familien, also Kunden um die 30. Berlin ist unser stärkster Markt in Deutschland.“
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Lieber „konstruktive Lösung“ statt Autobahnblockaden
Im Vergleich zum Vorjahr habe Motatos in Deutschland ein Wachstum von rund 400 Prozent erreicht. Ob aber Autobahnblockaden das richtige Mittel seien, um auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen, zweifelt Holzknecht eher an. „Ehrlich gesagt, da schlagen zwei Herzen in meiner Brust“, gibt er zu. „Die Sache an sich unterstütze ich vollständig, denn das ist einfach ein sehr großes Thema. Aber ich möchte lieber eine konstruktive Lösung anbieten.“ Das Motatos-Konzept liefere eine solche Lösung für Verbraucher.
Neben diesem kommerziellen Anbieter gibt es seit 2017 den ähnlichen Online-Supermarkt Sirplus, gegründet vom Berliner Unternehmer Raphael Fellmer. Sirplus musste wegen Verlusten in der Corona-Krise im vergangenen Jahr zwar alle seine „Rettermärkte“ in Berlin, bei denen man Lebensmittel vor Ort einkaufen konnte, schließen. Der Online-Verkauf geht aber weiter. Sirplus wolle, so der Anbieter, „das Lebensmittelretten weiter professionalisieren und allen Menschen den Zugang zu überschüssigen Lebensmitteln ermöglichen. Unser Ziel ist es, die Tafeln und andere Organisationen zu ergänzen und gemeinsam mit ihnen das Problem ganzheitlich zu lösen. Wenn Millionen von Menschen gerettete Nahrung konsumieren können, ist es möglich, die Lebensmittelverschwendung nachhaltig zu reduzieren.“
Initiative Foodsharing Berlin ist ehrenamtlich aktiv
Ehrenamtlich aktiv ist dagegen die Initiative Foodsharing Berlin, die es seit 2013 gibt. 2021 wurde sie mit dem neuen Preis „Berliner Lebensmittelretter:innen“ ausgezeichnet, den der Senat nun alle zwei Jahre vergeben wird – Preisgeld 5000 Euro. Das Prinzip von Foodsharing: In Berlin engagieren sich mehr als 11.000 „Foodsaver“ ehrenamtlich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln, indem sie in fast 600 kooperierenden Betrieben überproduzierte Ware abholen und weiterverteilen.
Auch Privatpersonen können nicht mehr benötigte Lebensmittel über sogenannte Essenskörbe auf der Website zur Selbstabholung anbieten. Foodsharing unterhält in Berlin zudem mehr als 30 Fairteiler. Das sind öffentlich zugängliche Kühlschränke, die täglich gereinigt und mit überproduzierten Lebensmitteln befüllt werden.
Als Lebensmittelretter aktiv ist auch der Verein Restlos glücklich, der sich seit 2014 ehrenamtlich für mehr Wertschätzung von Lebensmitteln einsetzt. Er bietet Workshops zu den Themen Lebensmittelverschwendung und klimafreundliche Ernährung in Kitas und Schulen an. Auch die mobile Fahrradküche „Restlos-Rad“, bei der gerettete Lebensmittel serviert werden, gehört zu den Projekten.


