Der Kirchplatz von Königs Wusterhausen ist weihnachtlich geschmückt. In den Bäumen hängen Lichterketten, der große Tannenbaum ist mit roten Kugeln geschmückt. An einem Ende des breit gezogenen Platzes hat die AfD eine kleine Bühne für ihr jährliches Weihnachtssingen aufgebaut. Zwischen Menschen mit Kerzen und Liederblättern in den Händen sind teilweise Transparente zu sehen. „Schule ist zum Lernen und nicht zum Foltern. Gegen Zwangstests und Maskenpflicht“, steht auf einem der Plakate.
Kurz nach der Gesangsveranstaltung geht es für viele Teilnehmende auf die andere Seite des Kirchplatzes, zu einer Demonstration gegen Corona-Maßnahmen. Familien mit Kindern, jüngere und ältere Frauen und Männer reihen sich in einen langen Zug von Demonstrierenden ein. Die Zusammensetzung ist gemischt: „Ich bin geboostert und heute zum ersten Mal hier“, erzählt ein Teilnehmer, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Ich bin gegen die Maßnahmen der Regierung, die keinen Sinn machen, wie Maskenpflicht im Freien.“ Gleichzeitig spricht er sich gegen eine Impfpflicht aus, jeder sollte seiner Meinung nach selbst entscheiden.
Nach einigen Minuten setzt sich der Zug in Dreier- bis Fünfergruppen in Bewegung. Insgesamt bleibt die Stimmung sehr ruhig, hin und wieder skandierte „Wir sind das Volk“-Rufe bleiben die Ausnahme. Angeführt wird der Zug von Trommlern – und von Roald Hitzer, Direktkandidat vom Demokratischen Forum für Königs Wusterhausen bei der Bundestagswahl 2021. Laut Polizei sind am Montag rund 850 Personen da.
Am Ende blieb die Demonstration friedlich, nachdem die Polizei vor erhöhter Gewaltbereitschaft unter Corona-Leugnern gewarnt hatte. Im Ortsteil Senzig war es zu einem Tötungsdelikt gekommen, das mit der Querdenker-Szene in Verbindung steht. Nach Erkenntnissen der Ermittler hatte Devid R. seine drei Kinder (zehn, acht und vier Jahre) und seine Ehefrau (40) erschossen, ihre Leichen wurden am 4. Dezember im Haus der Familie im Stadtteil Senzig gefunden. Anschließend tötete der 40-Jährige sich selbst.
In seinem Abschiedsbrief soll R. laut Cottbusser Staatsanwaltschaft angegeben haben, Angst vor einer Zwangsimpfung seiner Kinder und seiner eigenen Verhaftung gehabt zu haben, weil er für seine Frau ein Impfzertifikat fälschen ließ. Das soll ihrem Arbeitgeber, der Technischen Hochschule Wildau, aufgefallen sein. Mehreren Medienberichten zufolge war R. auch Mitglied der Kleinpartei „Die Basis“, die als politischer Arm der Querdenker-Szene gilt.
Corona-Leugner: Sicherheitsbehörden warnen vor Gewaltbereitschaft
Laut eines „RBB“-Berichts soll er bereits im Juli in die Telegram-Gruppe geschrieben haben: „Ich bin bereit mich mit allem, was ich aufzubieten habe, zu wehren und bin brennender Unterstützer derjenigen, die gerade für Frieden, Freiheit und Grundrechte ganz vorne kämpfen.“ Die Gruppe scheint mittlerweile nicht mehr zu existieren. Der Aufruf zur Demonstration am Montag wurde in einer Gruppe mit dem selben Namen veröffentlicht, die am 8. Dezember gegründet wurde.
Die Sicherheitsbehörden warnen bundesweit vor einer erhöhten Gewaltbereitschaft aus dem Querdenker- und Impfgegner-Milieu. Immer wieder gibt es Berichte von Übergriffen – auch aus Berlin. So soll ein Masken-Verweigerer einen Mann krankenhausreif geschlagen haben, der ihn zuvor aufforderte, in der Tram eine Maske zu tragen. In den entsprechenden Gruppen vor allem auf Telegram bleiben Vorfälle dieser Art meist unerwähnt oder werden als „Notwehr“ umgedeutet – so auch teilweise im Mordfall von Senzig.
In Brandenburg machen Gegner der Corona-Maßnahmen bereits länger mobil – zuletzt etwa in Cottbus oder Bernau. Auch die Brandenburger Polizei verzeichnete zuletzt eine deutliche Zunahme vor allem im Süden des Landes. Auch die Aufrufe für Königs Wusterhausen am Montag seien „bekannt“, sagte Polizeisprecher Torsten Herbst auf Anfrage. Man werde der Lage „mit angepassten Einsatzmaßnahmen“ begegnen.


