Königs Wusterhausen

Gefälschtes Impfzertifikat: Vater tötete aus Angst vor Haft

| Lesedauer: 7 Minuten
Julian Würzer
Familiendrama von Senzig: Gefälschtes Impfzertifikat mögliches Motiv

Familiendrama von Senzig: Gefälschtes Impfzertifikat mögliches Motiv

Ein gefälschtes Impfzertifikat und Angst vor Verhaftung waren offenbar die Motive für das Familiendrama im brandenburgischen Königs Wusterhausen. In einem Abschiedsbrief gab der 40-jährige Familienvater an, dass er und seine Frau Angst vor einem Verlust ihrer drei Kinder gehabt hätten.

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Im Fall der toten Familien in Brandenburg soll der unter Verdacht stehende Vater Angst vor einer Verhaftung gehabt haben.

  • Im Fall der fünf Toten in Königs Wusterhausen (Brandenburg) sind Details aus dem Abschiedsbrief des Familienvaters bekannt geworden.
  • Der 40-Jährige äußerte darin, dass er Angst vor einer Verhaftung und dem Verlust seiner Kinder wegen eines gefälschten Impfzertifikats gehabt habe.
  • Die fünf Toten waren am Sonnabend in Senzig, einem Ortsteil der brandenburgischen Stadt Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald) gefunden worden.

Königs Wusterhausen. Hat ein Familienvater seine Frau, seine drei kleinen Kinder und anschließend sich selbst aus Angst vor dem Gefängnis getötet? Im Fall der fünf Toten in Königs Wusterhausen südlich von Berlin sind nun Details aus dem Abschiedsbrief des Familienvaters bekannt geworden – und sie deuten auf Sorgen des Mannes vor einer Verhaftung wegen eines gefälschten Impfzertifikats hin. Deshalb fürchtete der 40-Jährige offenbar, dass man ihm und seiner Frau die Kinder wegnehmen werde, wie der Cottbusser Oberstaatsanwalt Gernot Bantleon auf Nachfrage der Berliner Morgenpost am Dienstag bestätigte.

Der 40-Jährige hatte dem Brief zufolge ein Impfzertifikat für seine Frau fälschen lassen. Ihr Arbeitgeber hatte dies erfahren. Deshalb hatte der Mann Angst vor einer Verhaftung und dem Verlust der Kinder, wie Bantleon am Dienstag sagte. Hinweise, ob die Tat in Absprache mit seiner Frau stattfinden sollte, gebe es in dem Abschiedsbrief nicht, so Bantleon. „Das Schreiben beschäftigt sich nur mit dem Familienvater“, so der Oberstaatsanwalt.

Auch habe er in dem Brief kein Wort über die Kinder verloren, noch habe er um Verzeihung gebeten oder, dass es ihm leidtue, sagte Bantleon. Der Brief sei von dem 40-Jährigen unterschrieben. „Deshalb kann man davon ausgehen, dass er auch von ihm stammt“, sagte Bantleon. Weitere Details zum Inhalt des Briefes wollte er nicht nennen. Den Brief fanden die Ermittler im Haus der Familie.

Königs Wusterhausen: Fälschung von Gesundheitszeugnissen ist strafbar

Ob die Angst vor einer Verhaftung gerechtfertigt war, wollte Bantleon nicht öffentlich kommentieren. Er sagte lediglich, dass der Strafrahmen für das Fälschen eines Impfpasses eine Haftstrafe hergeben könnte. Die Gesetzgebung zum Anfertigen oder Vorlegen eines gefälschten Impfnachweises ist vor zwei Wochen verschärft worden. Seitdem ist der „Gebrauch unrichtiger Gesundheitszeugnisse“ allgemein strafbar. Der entsprechende Paragraf des Strafgesetzbuchs sieht dafür eine Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr vor.

Nach dem Fund des Abschiedsbriefes gehen die Ermittler davon aus, dass der Familienvater für die Tat verantwortlich ist. Er soll seine Frau, 40 Jahre alt, und seine drei Kinder im Alter von vier, acht und zehn Jahren getötet haben – man fand alle mit Schussverletzungen.

Zunächst hieß es, sie wiesen Schuss- und Stichverletzungen auf. Das revidierte die Staatsanwaltschaft bereits am Montag. Auch eine Schusswaffe fanden die Ermittler im Haus. Ob es sich dabei um die Waffe handelt, mit der geschossen wurde, sei derzeit aber noch offen. „Es finden Untersuchungen statt, die klären, ob die Projektile zur Waffe passen“, sagte Bantleon. Ob der Familienvater einen Waffenschein besaß, konnte die Oberstaatsanwaltschaft nicht beantworten.

Fünf Tote in Königs Wusterhausen: Keine Hinweise auf einen Kampf in dem Haus

Auch war am Dienstag noch unklar, ob das Verbrechen erst am Sonnabend geschah. Die Tat sei nicht am selben Tag geschehen, sagte Bantleon. Die Anzeichen würden sich dahingehend verdichten, dass die Frau und die Kinder zum Tatzeitpunkt geschlafen hatten. Ausschließen könne Bantleon, dass der Familienvater mit Schlafmitteln nachgeholfen habe. Auch Hinweise auf eine körperliche Auseinandersetzung, etwa zwischen dem Familienvater und seiner Frau, habe es in dem Haus nicht gegeben, so Bantleon. „Es gibt keinen Hinweis auf einen Kampf“, sagte er. Wann der 40-Jährige die mutmaßliche Tat vollzog, kann der Oberstaatsanwalt nicht sagen. Diese Frage soll womöglich die Obduktion der fünf Toten beantworten. Ergebnisse sollen in einigen Tagen vorliegen.

Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen hätten sich in dem Haus ebenso wenig wie sonstige Anhaltspunkte für die Anwesenheit anderer Personen gefunden. „Es gibt derzeit keinen Tatverdacht gegen eine dritte Person“, sagte Bantleon. „Es gibt keinen Haftbefehl gegen jemanden.“ Der Abschiedsbrief weise auf den 40-Jährigen hin und zeige auch, dass die Tat geplant gewesen sei und der Familienvater nicht im Affekt gehandelt habe, so Bantleon. Sollte sich dieser Verdacht weiter verhärten, werde das Ermittlungsverfahren womöglich auch bald eingestellt. „Wir können nicht gegen Tote, sondern nur gegen Lebende ermitteln“, so Bantleon. Er verwies aber auch darauf, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen seien.

Nachbar will Schuss gehört haben

Ein Anwohner hatte am Samstagabend berichtet, einige Tage zuvor einen Schuss gehört zu haben - sein Haus befindet sich wenige Häuser vom Ort des Verbrechens entfernt. Nach Angaben der Fahnder gehen die Ermittlungen auch im Umkreis der Getöteten weiter.

In König Wusterhausen löste die Tat Bestürzung aus. „Diese Tragödie lässt mich fassungslos zurück“, sagte die Bürgermeisterin von Königs Wusterhausen, Michaela Wiezorek. Ihr tiefstes Mitgefühl gehöre zuallererst den Angehörigen, Freunden und Bekannten. Sie denke aber auch an alle Einsatzkräfte, die am Tatort ihre Aufgaben erfüllt hätten und nun dieses Geschehen verarbeiten müssten, sagte sie. Ein Seelsorgezentrum sei eingerichtet worden.

Wahnhafte Depression oder Wahnerkrankung als Ursache vergleichbarer Taten

Die Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin, Isabella Heuser, äußerte sich am Dienstag allgemein zu dieser Art von Taten: In der Regel liege bei solchen Ereignissen beim Täter eine schwere psychische Störung vor - wie wahnhafte Depression, Wahnerkrankung, aber auch eine schwere narzisstische beziehungsweise paranoide Persönlichkeitsstörung.

Abschiedsbriefe würden aus verschiedenen Motiven geschrieben: als Rechtfertigung, um einer beschämenden Anklage beziehungsweise Verurteilung zu entgehen oder um zu erklären, warum man samt Familie in dieser Welt nicht weiterleben könne, schilderte Heuser. Angegebene Beweggründe würden in solchen Fällen in der Regel von einem forensischen Psychiater untersucht.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

( uk/dpa )