Jahrestag des Anschlags

Gedenken in Stille am Berliner Breitscheidplatz

Zwölf Minuten lauschten rund 1000 Menschen am Dienstagabend auf dem Breitscheidplatz den Klängen einer Glocke der Gedächtniskirche.

Berlin. Als am Dienstagabend die Glocken der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz zu läuten beginnen, ab 20.02 Uhr für genau zwölf Minuten zum Gedenken an die zwölf Todesopfer des Attentats vor genau einem Jahr, als die mächtigen Glocken im Turm also anheben, wirkt es so, als friere das Leben auf dem Platz ein. Nicht nur wegen der Kälte, die seit dem Morgen als nasser Nebel über Berlin liegt. Die Lichter des Weihnachtsmarktes erlöschen, die Menschen bleiben stehen, allein, zu zweit, mit Kerzen in den Händen, manche Arm in Arm. Der Platz steht still, weil nach einem langen Tag mit sehr vielen Worten nun endlich der Moment gekommen ist für das, was getan werden muss: gemeinsam zu trauern.

Berlin gedenkt der Opfer vom Breitscheidplatz

Berlin gedenkt der Opfer des Terroranschlags vom Breitscheidplatz. Genau vor einem Jahr, dem 19. Dezember 2016, steuerte der Attentäter Anis Amri gezielt einen Lkw in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche.
Berlin gedenkt der Opfer vom Breitscheidplatz

Begonnen hatte der Tag des Gedenkens ebenfalls in ungewöhnlicher Stille. Schon seit Montagabend sind die Straßen rund um den Breitscheidplatz gesperrt. Dienstag früh fahren Polizeiautos vor, Räumpanzer und Wasserwerfer, Polizisten mit Maschinenpistolen und rot-weiße Absperrungen verwehren den Zugang zum Weihnachtsmarkt. Auf den Dächern rundum stehen Scharfschützen. Es sieht aus, als wolle man genau ein Jahr nach dem Attentat Wehrhaftigkeit demonstrieren. Keinesfalls soll an diesem Tag auch nur irgendwas schiefgehen.

Es ist Dienstag, fünf Tage vor Weihnachten, tags zuvor noch drängelten sich die Menschen auf den Bürgersteigen zum Weihnachtsshopping Richtung Kurfürstendamm und Tauentzien. Aber es ist eben auch der Tag, an dem sich der terroristische Anschlag auf den Weihnachtsmarkt zum ersten Mal jährt, der zwölf Tote forderte, rund 70 Verletzte, einige werden nie wieder gesund. Viele Helfer und Augenzeugen ringen bis heute mit den traumatischen Eindrücken.

Interaktiv: So nah waren die Behörden Anis Amri

Es soll ein Tag des Gedenkens werden, der geteilten Trauer und Anerkennung von Verlust. Doch er beginnt mit unwirschen Hinweisen der Sicherheitsleute und Kopfschütteln über die immensen Sicherheitsvorkehrungen. Ein älterer Herr fasst das Gefühl der Passanten zusammen: "Das ist doch alles übertrieben, wollen die uns Angst machen?" Eine Frau bleibt stehen, etwa 30, schwarz gekleidet, sie legt an den Absperrungen vor dem Bikini-Haus eine weiße Rose nieder. Die erste habe sie am Tag nach dem Anschlag genau hierher gebracht, sagt sie. Seitdem kommt sie einmal im Monat. Sie wohnt in der Nähe. "Der Anschlag hat mit gezeigt, dass der Terror direkt vor unserer Haustür passieren kann." Eine solche Gedenkveranstaltung, findet sie, hätte viel früher stattfinden sollen, "nicht erst ein Jahr danach".

Die Absperrungen halten den Berliner Alltag draußen

Gegen 10.15 Uhr fahren schwarze Limousinen an den Absperrungen vor: Justizminister Heiko Maas (SPD) ist einer der Ersten, es folgen Berliner Landespolitiker wie Sawsan Chebli (SPD) und Monika Grütters (CDU). Es sind die ersten Gäste des interreligiösen Trauergottesdienstes in der Gedächtniskirche, der um 11.15 Uhr beginnt. An den Absperrungen stehen ein paar Demonstranten, zwei wollen eine neue Reformation ausrufen, ein anderer fordert, Bundeskanzlerin Merkel gehöre eingesperrt, sie habe "Blut an den Händen": Berlin eben, könnte man sagen, ein bisschen irre, aber jeder ist frei, seine Meinung zu sagen.

Hinter den Absperrungen regeln Sicherheitsleute den Ablauf des Tages. Alles, jeder Sitzplatz, jedes Wort, sogar die Ablageorte für die weißen Rosen sind genau choreografiert. Rund 300 Menschen nehmen an dem Gottesdienst teil. Darunter viele Hinterbliebene der zwölf Opfer, Verletzte im Rollstuhl, ein Kind an der Hand seines Vaters, eine Familie mit Baby. "Wir können die Tiefe Ihres Leids nicht ermessen und Ihren Schmerz nur erahnen", sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der nicht öffentlichen Andacht. Die versteinerten Mienen und verkrampften Hände erzählen davon, wie schwer dieser Tag für die Hinterbliebenen ist.

Morgenpost-Reporterin: Wie der Anschlag mein Leben verändert

Tränen fließen erst, als sie gemeinsam das Mahnmal vollenden, das an ihre Toten erinnern wird. Ein "Riss" aus Bronze zieht sich von der Kirche auf den Platz. Symbolisch steht er nach dem Willen der Künstler für die Menschen, denen der Attentäter das Leben nahm. Er steht aber auch für den Riss, der in der Gesellschaft entstand, deren Toleranz durch den Anschlag herausgefordert wurde.

Das letzte noch fehlende Stück des Mahnmals gießen die Hinterbliebenen am Dienstagmorgen gemeinsam mit einem Schmied in eine Form. Der Akt findet nicht nur symbolisch gemeinsam statt. Mit dabei sind Kanzlerin Angela Merkel (CDU), der Bundespräsident und Wolfgang Schäuble (CDU), Präsident des Deutschen Bundestages. Eine Frau weint laut, als sie eine Rose auf die Treppenstufen legt, in die die Namen der Toten eingraviert sind.

Ein Anschein von Gemeinsamkeit

Ein Kind ist es, das das Protokoll durchbricht. Es wählt sich die Kanzlerin als Begleitperson und gibt der Zeremonie für einen Moment den Anschein der Gemeinsamkeit von Politik und Betroffenen, die – und das ist das zweite Thema des Tages – bisher vermisst wurde.

Die Reden, die an diesem Tag gehalten werden, sprechen davon. Nach der Eröffnung des Mahnmals kündigt Merkel vor Journalisten an, sie wolle Lehren aus den Erfahrungen im Umgang mit den Betroffenen ziehen. In einem offenen Brief hatten Angehörige der Opfer ihr zuvor Untätigkeit und politisches Versagen vorgeworfen. Sie beklagten Bürokratie-Wirrwarr und zeigten sich verbittert, dass die Bundeskanzlerin weder persönlich noch schriftlich kondoliert habe. Am Montag hatte Merkel mit Hinterbliebenen schon einmal drei Stunden lang im Kanzleramt gesprochen. Die Gespräche, sagt sie nun am Rande des gerade eröffneten Mahnmals, hätten ihr gezeigt, welche Schwächen der Staat in dieser Situation gezeigt habe. Doch viele Hinterbliebene hätten sich dieses Treffen sehr viel früher gewünscht.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) eröffnet das Mahnmal am Dienstag um kurz nach 12 Uhr offiziell. Die 300 Trauergäste stehen eine halbe Stunde im Regen, es ist bitterkalt, allein die Kerzen, die die Politiker in den Händen halten, spenden Wärme. Vielleicht weil den Trauernden etwa 100 Journalisten gegenüberstehen, wirkt die Szene besonders kontrolliert und unterkühlt.

Erst bei der dann folgenden Gedenkstunde im Abgeordnetenhaus findet Müller dann den Ton, den viele erwartet haben. Als Regierender Bürgermeister bittet er die Angehörigen und Verletzten um Verzeihung für die Ermittlungspannen und die demütigende Behandlung durch die Behörden. Die Berliner Verwaltung hatte die Hinterbliebenen gerade erst mit einem Formular brüskiert, in dem sie aufgefordert wurden, bei der Anreise nur die günstigsten Verkehrsmittel zu wählen. Anfang des Jahres hatten die Hinterbliebenen Rechnungen aus der Gerichtsmedizin bekommen, bevor auch nur ein Politiker kondoliert hatte.

Die Rede von Michael Müller im Abgeordnetenhaus im Wortlaut

Die Angehörigen sitzen zwischen Bundesministern und Senatsmitgliedern. Die Bischöfe der katholischen und evangelischen Berliner Landeskirchen sind gekommen, der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime, Aiman Mazyek. Und auch der Mann, dessen Behörde für die meisten Ermittlungspannen im Fall des Attentäters verantwortlich gemacht wird: Polizeipräsident Klaus Kandt.

Nur wenige Besucher am Breitscheidplatz

Auch am Sitz des Berliner Abgeordnetenhauses, dem Preußischen Landtag, sind die Sicherheitsvorkehrungen so hoch wie sonst nur bei Gipfeltreffen internationaler Staats- und Regierungschefs. Zugeschweißte Gullydeckel, zu Barrikaden formierte Polizeifahrzeuge, Polizisten in Kampfmontur – es wirkt, als stünde der nächste Anschlag bevor.

Breitscheidplatz: Ein Jahr nach dem Anschlag

Ein Jahr nach dem Anschlag haben wir mit zwei Betroffenen gesprochen - dem Feuerwehrmann Frank Hoedt, der als einer der ersten Einsatzkräft auf dem Breitscheidplatz war und Petr Čižmár, dessen Frau auf dem Weihnachtsmarkt getötet wurde.
Breitscheidplatz: Ein Jahr nach dem Anschlag

Ab 14 Uhr ist der Breitscheidplatz wieder für die Öffentlichkeit zugänglich, auch wenn der Weihnachtsmarkt für den ganzen Tag geschlossen bleibt. Am Abend finden dann Friedensgebete und Lichterketten statt. Doch nur wenige Menschen wagen sich in den nach wie vor abgesperrten Bereich, der nur an zwei polizeibewachten Eingängen zu betreten ist. Carsten Klutz aus Tempelhof ist einer der Ersten, die das Mahnmal besuchen wollen. Er ist eigens mit seinem Bruder und einer Freundin gekommen. "Die haben das Mahnmal schön gemacht", sagt er. "Aber die Toten haben nichts mehr davon." Und fügt hinzu: "Die hätten den abschieben sollen."

Am frühen Nachmittag steht am Mahnmal auch Martin Germer. Der Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche hat morgens den Gottesdienst geleitet. "Es war bewegend zu sehen, welche Bedeutung die Gedenkfeier für die Angehörigen der Opfer hatte", sagt er. "Das war heute ein wichtiges Zeichen."

Pöbler treffen am Mahnmal auf direkt Betroffene

Noch immer sind nur wenige Besucher auf dem Platz – und nicht alle passen offenbar ins Protokoll. Sechs junge Frauen, gekleidet als Weihnachtsengel, die samt einer Gruppe Musiker Anteilnahme zeigen wollen, müssen schnell wieder gehen. Sie kommen vom Weihnachtsmarkt am Schloss Charlottenburg, berichtet Tommy Erbe, der Organisator des Marktes. Sie haben ein Transparent dabei. "Der Terror wird uns nicht besiegen", steht darauf. Daneben das Logo von Erbes Weihnachtsmarkt. Der Pfarrer der Gedächtniskirche habe sie weggeschickt, sagt Erbe wenig später. Er sieht die Gedenkveranstaltung kritisch. Sie sei "am Ziel vorbei", das Gedenken sei nur für "Politik und Verwaltung" organisiert, die Bürger hingegen seien ausgeschlossen.

Wer ist beim Gedenken willkommen, wer nicht? Um Viertel nach vier stört eine laute Stimme die Stille am Mahnmal. "Wo sind denn die Opfer?", ruft ein junger, gut angezogener Mann. "Schaut euch das Video im Internet an!" Der Mann gehört offenkundig zu den Verschwörungstheoretikern, die das Attentat für eine Erfindung von Politik und "Lügenpresse" halten. Ordner und offizielle Ansprechpartner stehen hilflos neben dem Pöbler. Ein anderer Mann im Fallschirmseide-Trainingsanzug meckert über Merkel: "Das ist doch alles ein künstliches Gedenken hier", sagt er.

Morgenpost-Reporterin: Wie der Anschlag mein Leben verändert

Um 16.30 Uhr bildet der Breitscheidplatz eine stille Insel inmitten des vorweihnachtlichen Trubels rundum. Immerhin kommen jetzt mehr Menschen zur Gedenkstelle, zünden Kerzen an. Seelsorger verschiedener Glaubensrichtungen bieten Gespräche an. Das Angebot richtet sich an Menschen wie die junge Frau, die unsicher Richtung Gedächtniskirche schaut. Christiane K. war auf dem Weihnachtsmarkt, als der Attentäter Anis Amri den Lkw am 19. Dezember auf die Buden zusteuerte. Sie stand an einem der Stände. Als alle schrien: "Renn!", da rannte sie. Sie wurde nicht verletzt, doch sie hat Tote gesehen, Verletzte. Und sie hat die Stille erlebt, nachdem der Lkw zum Stehen gekommen war. Auch sie war am Montag im Kanzleramt eingeladen. An der offiziellen Gedenkveranstaltung wollte sie nicht teilnehmen, sagt sie. "Heute Morgen habe ich aber gemerkt, dass ich doch hierher muss – eine Kerze für die Opfer anzünden", sagt sie leise.

Täglich die Bilder im Kopf

Einerseits sei es bedrückend für sie, nun am Gedenkort zu sein, sagt Christiane K. Aber es tue ihr auch gut, den Menschen hier zu erzählen, was ihr seit diesem 19. Dezember 2016 durch den Kopf geht. Dass sie täglich die Bilder im Kopf hat, obwohl sie selbst körperlich unversehrt blieb. Der Anschlag sei ein Teil von ihr, den sie nicht mehr los wird. Dabei, sagt sie, habe es sie gar nicht so schlimm getroffen. Jammern will sie nicht. "Ich denke mir, anderen geht es ja viel schlechter, sollte ich nicht glücklich sein, davongekommen zu sein?"

Am Mahnmal steht auch Imam Kadir Sanci von dem interreligiösen Projekt "House of One". Gemeinsam mit der Jüdin Barbara Witting und der Christin Renate Franke ist der Muslim gekommen, um der Opfer zu gedenken. Vor einem Jahr war er beim Gottesdienst dabei. Jetzt war es ihm ein Bedürfnis, erneut seine Solidarität zu bekunden, sagt er. "Das hat mir sehr geholfen, es war fast wie eine Therapie", sagt der Geistliche bewegt. Die Menschen, die sich für den Dialog der Religionen einsetzten, müssten jetzt noch mehr leisten.

Feuerwehrmann Frank Hoedt war am Abend des Anschlags im Einsatz - und am Breitscheidplatz der Erste vor Ort

Am frühen Abend verstärkt sich der Zustrom der Menschen zum Breitscheidplatz. Die Bilder der Absperrungen und der bewaffneten Polizisten sind längst durch die Medien gegangen. Für eine halbe Stunde kommen Polizisten, Feuerwehrleute, Notärzte und andere Retter am Abend zusammen, um innezuhalten bei einer Andacht in der Kapelle neben der Gedächtniskirche. Gott werde ihnen helfen, dass das schwarze Loch unter ihnen nicht zu groß werde, tröstete der Pastor.

An der Hardenbergstraße vor dem Zoo Palast versammeln sich gleichzeitig rund 50 Teilnehmer zu einer Demons­tration. Sie wollen der Opfer gedenken und stellen sich gegen die angebliche "Einschränkung von Freiheitsrechten und Gesetzesverschärfungen". Im Innern der Absperrung wundert man sich, dass nicht mehr Menschen zum Gedenken kommen. Aus Kreisen des Berliner Rathauses ist zu hören, auch Michael Müller sei nicht glücklich über die Absperrungen. Aber die anderen Verfassungsorgane hätten auf den Sicherheitsvorkehrungen bestanden.

"Stille spricht, wenn Worte es nicht vermögen"

Abends findet ein weiterer, diesmal öffentlicher ökumenischer Gottesdienst statt, zu dem unter anderem die Opferbeauftragten der Bundesregierung und des Landes Berlin kommen, der SPD-Politiker Kurt Beck und der Rechtsanwalt Roland Weber. Bei der Friedenskundgebung sagt Michael Müller, das Gedenkzeichen sei ein Symbol für Toleranz und gegen Verbohrtheit. Noch während er spricht, hört man von der anderen Seite des Platzes die Parolen von weiteren Demonstrationen. Eine hat die NPD angemeldet, die andere protestiert gegen "Islamismus". Dabei sind mehrere AfD-Politiker, ein Redner ruft den "Krieg gegen den Islam" aus.

"Stille spricht, wenn Worte es nicht vermögen", diesen Satz haben die Hinterbliebenen als Motto für den Tag gewählt. Um kurz vor 20 Uhr wird es ganz still. Rund 1000 Menschen stehen schweigend auf dem Platz. Um genau 20.02 Uhr beginnen die Glocken der Gedächtniskirche zu schlagen, zwölf Minuten für die zwölf Opfer. Jocelyn B. Smith beendet den Abend mit dem Kirchenlied "Amazing Grace" – und viele Umstehende stimmen mit ein.

Mehr zum Thema:

Alle Berichte zum Anschlag auf den Breitscheidplatz

Newsblog - Glocken der Gedächtniskirche läuten für die Opfer

Mahnmal-Einweihung: Die Rede des Regierenden im Wortlaut

Steinmeiers Rede zum Gedenken an die Opfer des Anschlags

Protokoll des Anschlags - die ersten drei Tage

Michael Müller: "Mir fehlen bis heute die richtigen Worte"

Strenge Sicherheitsvorkehrungen beim Terror-Gedenktag

Der "Riss" am Breitscheidplatz: Wie das Mahnmal entstand

Attentäter Amri hatte offenbar noch andere Orte im Visier

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.