Panorama-Künstler

Panorama-Künstler Asisi zeigt sein neues Werk "Luther 1517"

Ab Sonnabend wird mit „Luther 1517“ das neueste Werk des Panorama-Künstlers Yadegar Asisi gezeigt. Entstanden ist es in Berlin.

Yadegar Asisi in seinem Atelier in Kreuzberg. Auf den Bildschirmen sind Details aus dem Luther-Panorama zu sehen

Yadegar Asisi in seinem Atelier in Kreuzberg. Auf den Bildschirmen sind Details aus dem Luther-Panorama zu sehen

Foto: Reto Klar

Yadegar Asisi nimmt einen Stapel Zeichnungen von einem der vielen Tische in seinem Atelier in Kreuzberg. Martin Luther, mal ernst, mal verschmitzt, mal weise, mal kämpferisch. „Luther war eine vielschichtige Figur, er lässt sich nicht auf ein Bild reduzieren“, erklärt Asisi. Darum zeigt er Luther in seinem neuesten 360°-Panorama nicht nur beim Thesenanschlag an die Schlosskirche, sondern in verschiedenen Lebenssituationen.

An diesem Sonnabend wird das Werk des weltweit erfolgreichsten Panoramakünstlers in Lutherstadt Wittenberg für das Publikum eröffnet. „Die Enthüllung ist bei jedem Panorama der aufregendste Moment für mich“, sagt Asisi. Die jahrelange Detailarbeit hängt dann in riesigen bedruckten Stoffbahnen vor ihm. „Luther 1517“ einer der Höhepunkte des Reformationsjubiläums. Mindestes fünf Jahre lang wird das 4,5 Millionen Euro teure Kunstwerk in der Lutherstadt zu sehen sein.

Die Idee zum Luther-Panorama kam dem Künstler vor zehn Jahren. Damals war er zum ersten Mal in Wittenberg, um Freunde zu besuchen. Und damals hörte er auch zum ersten Mal vom Thesenanschlag. „Als Kind hat mir niemand davon erzählt, dass hier ein Mann ein paar Zettel an die Kirchentür genagelt hat und damit in der ganzen Welt ein Erdbeben ausgelöst hat.“ Dabei ist er nicht weit entfernt aufgewachsen, in Halle. Asisis Eltern stammen aus dem Iran. Der Vater war Kommunist, der Schah ließ ihn hinrichten, Asisis Mutter verließ hochschwanger das Land, fand Zuflucht in der DDR, aber ihr Sohn Yadegar wurde schon auf dem Weg, in Wien, geboren. Später studierte er in Dresden Architektur, 1978 zog er für ein Malereistudium an der Hochschule der Künste nach Berlin, und ist seitdem in der Stadt geblieben.

Das 360-Grad-Panorama am Pergamonmuseum

Seit fast 40 Jahren arbeitet der Künstler in Berlin

Yadegar Asisi weiß,dass der Thesenanschlag an die Kirchentür nicht verbürgt ist, aber das ist für ihn nicht entscheidend. Es geht ihm nicht um Authentizität, sondern um die Frage: „Wie kann ich die Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit mit ihrer Vor- und Nachgeschichte an einem Ort darstellen?“ Zu sehen ist daher auf dem Panorama nicht nur der Thesenanschlag, sondern viele weitere Szenen aus dem Leben Luthers und der damaligen Gesellschaft. Zeitverdichtung nennt Asisi das.

Entstanden ist Yadegar Asisis neuestes Panorama zum großen Teil in Berlin, in seinem Atelierhaus in der Kreuzberger Adalbertstraße. Seit 1987 lebt und arbeitet der 61-Jährige hier in dem Ziegelbau im ersten Hof. Von der Hektik der Straße draußen ist hier drin nichts zu spüren. An der Wand hängen Skizzen seiner Panoramen, auf den Tischen liegen neben Bildbänden und Boxen voller Pinsel und Stifte Malereien und Zeichnungen. Am Computer zeigt er, wie er schließlich alles zusammengefügt hat. Er zoomt das Bild bis zur höchsten Auflösung heran und es bleibt dabei gestochen scharf „Kein Millimeter ist hier unbearbeitet“, sagt der Künstler.

Asisis Panorama am Checkpoint Charlie

Nicht jedes Detail muss historische Wahrheit abbilden

Sein Ziel ist es, das Panorama für die Besucher erlebbar zu machen, sie in die damalige Zeit abtauchen zu lassen, darum wollte er alles so realistisch wie möglich umsetzen, auch wenn dabei nicht jedes Detail die historische Wahrheit abbilden muss. Er deutet auf dem Computerbildschirm auf den matschigen Boden vor der Kirche . „Man muss diese Feuchtigkeit und den Dreck spüren und riechen können.“ Seine Hoffnung ist, dass auch Menschen in die Rotunde mit dem Luther-Panorama kommen, die sich vielleicht vorher gar nicht mit der Reformation und dem Reformator befasst haben, hier aber einen eigenen Zugang finden.

Bevor Asisi an die Detailarbeit zu einem Panorama gehen kann, „muss ich von einer Idee erfasst werden“, erklärt er und die bekommt er meist vor Ort. Asisi ist mehrfach nach Wittenberg gefahren, hat sich auf den Schlossplatz gestellt und sich 500 Jahre zurückversetzt. Vor seinem inneren Auge hat er Martin Luther gesehen, wie er aufbegehrte, wie er vor der Kirche stand, wie das Sonnenlicht auf die Tür fiel, „ein magischer Moment“. Die Entwicklung eines Themas zum Kunstwerk dauert Monate, manchmal Jahre, das ist wie eine Schwangerschaft“, erklärt der Künstler lachend.

50.000 Fotos und Skizzen und Zeichnungen liegen zugrunde

Vor drei Jahren ging es dann an die Umsetzung. Wie bei all seinen Panoramen hat er vor Ort zahlreiche Fotosessions mit Laiendarstellern und professionellen Schauspielern in Kostümen und mit Requisiten aus der Zeit gemacht, mit Hilfe von historischen Quellen und Experten hat er topografische und architektonische Details zusammengetragen, Pläne erstellt, wie Wittenberg Anfang des 16. Jahrhunderts aussah. Etwa 50.000 Fotos, Skizzen, Zeichnungen und Malereien bildeten schließlich die Arbeitsgrundlage für Yadegar Asisi und sein Team. Das arbeitet unweit vom Atelier des Künstlers am Oranienplatz. Zur Absprache läuft Asisi meist das kurze Stück, in seinem Atelier aber bleibt er meist allein. Manchmal zehn Stunden oder mehr am Tag.

Seit mehr als 20 Jahren setzt sich der Architekt und Maler Yadegar Asisi mit Panoramen auseinander. Angefangen hat dieses Interesse mit der Ausstellung Sehsucht 1993 in der Bonner Kunsthalle, in der Panoramen aus dem 19. Jahrhundert gezeigt wurden, damals eine Art Massenunterhaltung, die Asisi wiederbeleben wollte. 1995 hat er fünf Berlin-Panoramen entworfen, acht Jahre später wurde in Leipzig sein erstes 360°-Panorama „8848Everest“gezeigt, für das er eigens das dortige denkmalgeschützte ehemalige Gasometer umbauen ließ.

Superlative der Natur und geschichtliche Ereignisse werden erlebbar

Jedes Jahr gibt es von Asisi nun ein neues Panorama zu sehen. Neben Superlativen der Natur wie dem höchsten Berg der Welt, Amazonien oder dem Great Barrier Reef, dem größten Korallenriff der Erde, sind es vor allem große geschichtliche Ereignisse und ihre Auswirkungen, von denen der Künstler riesige Rundbilder anfertigte: das spätantike Rom, Dresden, einmal von 1756, einmal 1945, Pergamon, Rouen 1431, Leipzig während der Völkerschlacht und Berlin als geteilte Stadt. Seit 2012 ist das Panorama in einem eigenen Rundbau am Checkpoint Charlie zu sehen. Mit Wittenberg gibt es inzwischen sechs Panoramahäuser, im kommenden Jahr soll ein weiteres in Hannover entstehen.

Manchmal kommen schon Menschen auf ihn zu, erzählt er, und fragen ihn, ob er nicht auch von ihrer Stadt ein Panorama anfertigen kann. „Aber nein, das lehne ich ab, ich bin kein Auftragskünstler,das geht nur mit Inspiration“, sagt Asisi.

Ideen für Panoramen hat er allerdings noch viele. Mit Persepolis, der zerstörten Stadt im Land seiner Eltern, würde er sich gern mal befassen. „In Gedanken bin ich aber gerade 4000 Meter unterm Meeresspiegel“, verrät er, bei der untergegangenen Titanic, seinem nächsten Panorama, das ab Ende Januar in Leipzig gezeigt wird. Außerdem arbeitet er bereits an einem 9/11-Projekt, und auch für Berlin hat er neue Pläne. Welche, das darf er noch nicht verraten, aber er verspricht: „Sie werden bald von mir hören.“

Der Weg zum Panorama

Luther 1517 Ab 22. Oktober täglich 10–18 Uhr, Panoramagebäude W 360 in der Wilhelm-Weber-Straße Ecke Lutherstraße, Wittenberg, Eintritt Erwachsene: 11 Euro, ermäßigt: 9 Euro, Kinder bis 16 Jahre: 4 Euro, Familienticket: 24 Euro, Mehr Informationen unter www.asisi.de.