Museumsinsel

Nur noch eine Woche für den Pergamonaltar in Berlin

Am kommenden Sonntag schließen Teile des Pergamonmuseums für fünf Jahre. Es wird aufwendig saniert. Letzte Gelegenheit also, sich den berühmten Pergamonaltar noch einmal anzusehen.

Manchmal fühlt sich Andreas Scholl wohl wie der Hüter des Heiligen Grals. Alle wollen noch einmal rein ins Pergamonmuseum. Krieg der Giganten, all die Mythen und Götter auf sich wirken lassen. So bekommt der Direktor der Antikensammlung als Mythenbewahrer diverse Anfragen. Der Pergamonaltar, Berlins bedeutendstes Kunstwerk, wird am nächsten Sonntag (28. September) zum letzten Mal zu sehen sein. Für voraussichtlich fünf Jahre, so lange ist für die Sanierung eingeplant. Fraglich, ob das klappt. Es handelt sich um historische Substanz, und der Denkmalschutz kann beim kleinsten Detail sein Veto einlegen, wenn er meint, die Architekten würden die Vergangenheit nicht respektabel behandeln.

Auf Scholls Schreibtisch liegen drei Bände über den berühmten Altar und über das ebenso berühmte Museum, das als letztes Gebäude auf der Museumsinsel 1930 eröffnet wurde. Scholl möchte gleich ein Missverständnis ausräumen: Ein Teil des Museums bleibt geöffnet. Viele Menschen glauben nämlich, das gesamte Pergamonmuseum würde Ende des Monats dicht sein. Na ja, bei so vielen Baustellen rund um das Haus liegt der Gedanke nicht so fern, zumal das dürftige DDR-Foyer aus den 80er-Jahren bereits abgerissen ist. Jetzt sucht man den Eingang etwas umständlich, auf der anderen Seite, über den Kolonnadengang ist das Museum zu betreten. Komfortabel ist das nicht, sondern schmal wie ein Nadelöhr.

Was bleibt also offen? Teile des Hauses – darunter der Südflügel und Attraktionen wie das Markttor von Milet, die Mschatta-Fassade und das Ischtar-Tor – sind weiterhin zugänglich. Sie kommen beim nächsten Bauabschnitt dran, der erst nach Abschluss der Sanierung des Pergamonsaals beginnt. Geschlossen dagegen sind schon seit 2013 der Nordflügel, der ans Bode-Museum grenzt, und der hellenistische Saal mit den Skulpturen.

Museum wird in Etappen saniert

Schon vor Jahren, damals unter der Ägide des Stiftungspräsidenten Klaus-Dieter Lehmann, wurde entschieden, das Pergamonmuseum in Etappen zu sanieren – bei laufendem Museumsbetrieb. Um den Besuchern nicht alle Schätze auf einmal zu verwehren. Durchschnittlich 1,3 Millionen Besucher pro Jahre zählt man. Gute Einnahmen sind das. Das Pergamonmuseum ist die „Cashcow“ der Staatlichen Museen, über 50 Prozent der Gesamteinnahmen stammen aus dem Haus.

„Das Ganze ist eine gewaltige Herausforderung“, sagt Scholl. Welcher Besucher möchte sich schon an irgendwelchen Farbtöpfen oder Baugestellen vorbeischlängeln, um in den Genuss der römischen Helden zu kommen? Natürlich sei es immer bitter so ein gut besuchtes Haus teilweise schließen zu müssen, dennoch notwendig. Das Pergamonmuseum hat 84 Jahre auf dem Buckel, die Infrastruktur ist „unendlich marode“, erklärt Scholl. Schon einmal, im Jahr 2003, musste man überfallartig den Altarsaal schließen, weil man Angst hatte, das Dach könnte einstürzen. In dem riesigen Saal mit dem Glasdach blickt der Besucher auf die Front des über 35 mal 33 Meter großen Altars.

Das Haus war nach dem Krieg schwer beschädigt, beim Wiederaufbau konnte man nur flickschustern, die Materialien waren knapp. „Es geht wirklich nicht mehr“, betont Scholl noch einmal, so als müsste er die Sanierung verteidigen. Die Kosten dafür trägt komplett der Bund, zunächst sind 358 Millionen Euro veranschlagt. Aber das wird wohl nicht reichen.

Die Säulen sind im Vergleich zu den Treppen zu dunkel

Der berühmte Altar bleibt, wo er ist. Allein der große Fries wiegt 240 Tonnen, daher ist er kaum demontabel, also wird er eingepackt, damit keine Risse bei den laufenden Arbeiten entstehen. Anders als das Markttor, das zu über 80 Prozent aus Originalen besteht, besteht die Altarfront zu größten Teilen aus Nachbildungen aus den 1920er-Jahren. In diese Repliken wurden die antiken Blöcke eingefügt. Die großen Treppen, die meisten Gesimse und fast alle Säulen: alles Kunststein und Marmor. Hässliche Veränderungen, die noch aus der Nachkriegszeit stammen, sollen jetzt korrigiert werden. Wer genau hinschaut, sieht, dass die Säulen zu dunkel sind im Vergleich zu den Treppen. Diese Ölfarbe wird entfernt, nach der Reinigung bekommen sie die originale Farbe der dreißiger Jahre wieder.

Die wichtigsten Restaurierungsarbeiten an den Friesen, so erzählt Scholl, liefen bereits zwischen 1994 und 2004. Damals wurden die Platten des Kleinen und Großen Frieses Stück für Stück abgebaut, zerlegt, gereinigt und wieder zusammengesetzt. Das dürfte eine restauratorische Sisyphusarbeit gewesen sein. Der Kleine und Große Fries kamen als Fragmente im späten 19. Jahrhundert nach Berlin, italienische Bildhauer bemühten sich über 20 Jahre hinweg, die Teile zusammenzufügen. Die schadhaften Eisendübel, die sie damals verwendeten, mussten entfernt werden. Auch die fünf Architektur-Depots, gegenüber dem Altar untergebracht, werden umgebaut.

Seit Kriegsende wurden die 3800 Objekte in nicht gerade optimaler Ordnung dort aufbewahrt. „Die Russen hatten keine Lust, da etwas abzutransportieren, da kam man nur schwer ran“, erzählt Scholl. Immerhin 600 Tonnen Gesamtgewicht mussten bewegt werden. „Das hat uns ein Jahr gekostet.“ Diese weniger bekannten Exponate will er künftig in einer Studiensammlung präsentieren.

Klimatechnik muss dringendst saniert werden

Neben Glasdach und Stahlkonstruktionen gehört die Klimatechnik zu den drängendsten Sanierungsarbeiten. Man muss sich klarmachen, die existierte früher gar nicht – heute gehört Klimatechnik zum internationalen Museumsstandard. Im Sommer, wenn bis zu 6000 Besucher täglich durch die Säle strömen, sei das Haus das „reinste Treibhaus mit 100 Prozent Feuchtigkeit“, sagt Scholl.

Nerven jedenfalls braucht Scholl. Das Ende der gesamten Sanierung des Hauses, übrigens das größte auf der Museums-Insel, ist für das Jahr 2025 avisiert. Ab 2020 erfolgt der Neubau des vierten Flügels, den Zuschlag für den Entwurf erhielt der mittlerweile verstorbene Architekt O. M. Ungers. Mit dem vierten Flügel erfüllt sich ein Masterplan. Denn ursprünglich war das Gebäude mit so einem vierten Flügel geplant, dann aber fehlte 1930 das Geld. Das Haus eröffnete als Torso. „Man ging direkt durch in den Altarsaal, es gab gar keine Infrastruktur“, sagt Scholl. Die wird es jetzt in moderner Form kommen: In der James-Simon-Galerie, dem neuen Eingangsterminal der Museen auf der Insel. Wer dieses moderne Entree nicht mag, kann gleichzeitig über die einzelnen Flügel Eingang ins Pergamonmuseum finden.

Sammlungen sollen neu präsentiert werden

Die Zeit der Sanierung soll aber auch dafür genutzt werden, um die Sammlungen in einem neuen Rundgang der Architektur zeitgemäß zu präsentieren. Mit den vier Flügeln des Gebäudes wird es endlich auch eine bessere Gliederung des Museums geben. Ägypten wird in den vierten Flügel ziehen, Vorderasien in den Südflügel, der Mittelbau ist für die Klassische Antike reserviert, der Nordflügel für den Islam. „Die vier Mittelmeerzivilisationen spiegeln sich dann in ihrer Architektur“, schwärmt Scholl.

Wenn man den Pergamonaltar nicht sehen kann, dann sollte es aber eine Alternative geben. Bislang bieten die Staatlichen Museen noch nichts an. Aber das könnte noch werden, ginge es nach Andreas Scholl. Einen ausgearbeiteten Plan hat er – für ein „Pergamon Interim“, eine temporäre Museumsschachtel light. In unmittelbarer Nähe zum Pergamonmuseum könnte man in einer Box eine Auswahl an Originalen zeigen wie den Kleinen Fries und die Visualisierung des Pergamonaltares. Die mediale Illusion wäre zumindest ein kleiner Ersatz.

In das Konzept ist auch Yadegar Asisi einbezogen. Der Künstler präsentierte bereits 2011/2012 zur Pergamon-Ausstellung sein gewaltiges 360-Grad-Panorama. Der auf unserer Titelseite präsentierte Ausschnitt aus dem Kunstwerk zeigt den Pergamonaltar an seinem ursprünglichen Standort auf dem Burgberg von Pergamon. Der Betrachter fühlt sich „live“ dabei. Genau das könnte Asisi noch einmal überarbeiten und zeigen. Das Problem ist nur: Noch fehlt die Finanzierung für das Projekt, das mit 10 Millionen Euro veranschlagt ist.