Nahverkehr

So ist die neue S-Bahn im Fahrgastcheck

Kunden dürfen das Design der neuen Züge mitbestimmen. Am Modell ärgern sie sich über nervige Warntöne und zu wenige Sitze.

Christa Barz testet den Ausstieg aus dem S-Bahn-Wagen und ärgert sich über die Metallschiene, an der man leicht ins Stolpern geraten kann

Christa Barz testet den Ausstieg aus dem S-Bahn-Wagen und ärgert sich über die Metallschiene, an der man leicht ins Stolpern geraten kann

Foto: Massimo Rodari

Das Urteil von Finn steht fest. „Die ist super.“ Vor allem die Haltestangen findet er klasse. „Da kann man prima drehen“, sagt der Siebenjährige. Künftig hat er dabei die Qual der Wahl. Nicht eine, sondern gleich zwei Edelmetallstangen werden künftig im Eingang der S-Bahn-Wagen montiert. „Man hat damit mehr Möglichkeiten zum Festhalten“, sagt Carsten Kretzschmar, der bei der Deutschen Bahn im Bereich Fahrzeugbeschaffung tätig ist.

Finn ist an diesem Vormittag gemeinsam mit seinen Eltern Martin und Anni Rappelt-Hahn aus Potsdam in die Hauptwerkstatt der Berliner S-Bahn nach Schöneweide gereist. In einer Halle, in der vor allem Schnellbahnzüge im laufenden Betrieb repariert und gewartet werden, steht seit Monatsbeginn ein Modell der nächsten S-Bahn-Generation. Ab Januar 2021 sollen die Züge in Berlin fahren, dann vor allem auf den wichtigen Ringbahnlinien.

Erstmals bekommen die Wagen eine Klimaanlage

Doch bevor bei Stadler in Pankow die Produktion der knapp 400 von der S-Bahn bestellten neuen Wagen anläuft, gibt es noch eine intensive Debatte über deren Design und Ausstattung. Viele Grundsatzfragen sind bereits vorab von Experten der Senatsverkehrsverwaltung und dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg beantwortet worden: So wird die Berliner S-Bahn erstmals in ihrer fast 100-jährigen Geschichte Wagen mit Klimaanlage bekommen, zudem soll es deutlich mehr Platz für Rollstühle, Kinderwagen oder Fahrräder geben. Gleichfalls eine Premiere: Alle Wagen werden künftig videoüberwacht und mit Notruftasten versehen sein, bei deren Betätigung die Mitarbeiter der S-Bahn-Sicherheitszentrale mithilfe der 360-Grad-Kameras sofort einen Kontrollblick in den Wagen werfen können.

Mehr als 2100 Interessenten an der Fahrgastbeteiligung

Bei anderen Details der Ausstattung gibt es aber noch Spielraum. Erstmals dürfen jetzt auch die täglichen Nutzer der S-Bahn ein Wörtchen mitreden. Das Interesse ist riesig. Auf einen Aufruf in der Fahrgastzeitung und in den sozialen Medien haben sich mehr als 2100 Kunden gemeldet. Rund 400 hat die S-Bahn ausgewählt, grüppchenweise können sie bei Terminen in Schöneweide das begehbare S-Bahn-Modell von innen und außen unter die Lupe nehmen.

Bei der Berliner S-Bahn ist noch einiges zu tun

„Mit dabei sind Berliner und Brandenburger, Jüngere und Ältere, Menschen mit Behinderungen und Familien“, sagt Annekatrin Westphal vom Fahrgastmarketing der S-Bahn. Auch Menschen mit Migrationshintergrund seien eingeladen worden. Es sei wichtig zu sehen, wie sie mit den vielen Piktogrammen und Beschriftungen klar kommen, die die neuen Züge innen wie außen zieren. „Wir wollen wirklich, dass die neue S-Bahn eine S-Bahn für alle wird“, betont sie.

Mehr Platz für Rollstühle und Fahrräder

Es allen recht zu machen, wird indes nicht leicht sein. Auch in der kleinen Besuchergruppe an diesem Mittwochvormittag gehen die Meinungen auseinander. „Mehr Sitze“, wünscht sich der eine, „mehr Platz für Fahrräder“ der andere. Beides zusammen geht kaum. Die S-Bahn behilft sich in den neuen Zügen mit größeren Mehrzweckabteilen, die mit Klappsitzen bestückt sind. Sind es heute in einer Vier-Wagen-Einheit 28 Klappsitze, werden es künftig 42 sein. Während die Bereiche hinter dem Führerstand für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen reserviert sind, ist der Bereich in der Zugmitte für die Radmitnahme vorgesehen. Ob dieses Konzept im Alltag funktioniert, da haben viele Tester so ihre Zweifel.

„Viele schieben doch schon heute ihre Räder ohne Rücksicht auf andere in die Wagen, egal ob da ein Fahrradabteil ist oder nicht“, moniert einer der Besucher. „Was wir mit der baulichen Einrichtung der Wagen nicht ersetzen können, ist das verständnisvolle Miteinander“, betont Westphal.Sie wünscht sich, dass die Fahrgäste mehr miteinander reden. „Das ist leider etwas aus der Mode gekommen.“ Nach dem Check des Wagen-Modells werden die Besucher gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Gefragt wird nach Präferenzen für Halteschlaufen und dem Wunsch nach zusätzlichen Haltestangen. Die meisten sind dafür. „Ich fahre oft mit der Ringbahn, und die ist oft sehr voll“, sagt etwa Juliane Straub. Die Studentin aus Neukölln freut sich auf die neuen Wagen. „Die sehen wirklich ganz gut aus“, sagt die 25-Jährige.

Kontroverse zu den Tür-Signalen

Für Kontroversen sorgt vor allem die Dauerbeschallung am Zug. Aufgrund gesetzlicher Forderungen gibt es künftig nicht nur optische und akustische Signale beim Schließen der Türen, sondern auch beim Öffnen. Zusätzlich gibt es einNen von fast allen Testfahrgästen als nervig empfundenen Dauerpiepton, der Blinden und Sehschwachen das Auffinden der Türen erleichtern soll. Doch selbst die Betroffenen sind nicht allzu glücklich über den Ton.

Deren Interessenvertretung hat bereits das „Klacker-Geräusch“ ins Spiel gebracht, das in Berlin an Fußgängerampeln zu hören ist. „Eine Alternative, die wir ernsthaft prüfen“, sagt Westphal. Die Tests der Fahrgäste gehen noch bis Ende Oktober, im Dezember soll dann bekannt gegeben werden, welche Wünsche beim Bau der neuen S-Bahn berücksichtigt werden können. „Wir müssen sehen, was technisch machbar ist und was es mehr kostet. Das letzte Worte haben dabei aber unsere Auftraggeber, die Länder Berlin und Brandenburg“, sagt S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz.

Mitte 2017 soll die Konstruktionsphase für Berlins neue S-Bahn abgeschlossen sein. Ab Frühjahr 2019 planen Siemens und Stadler die technische Erprobung der Baureihe 483/484. Der erste reguläre Zug mit Fahrgästen soll am 1. Januar 2021 auf der Linie S47 zwischen Südkreuz und Spindlersfeld fahren.