Abgeordnetenhaus

Von Oma Anni bis Tinder - So skurril ist der Wahlkampf

Eine SPD-Wählerin auf dem Linke-Plakat, Pokémon spielen mit der CDU und Wählerfang via Tinder. Die Politiker lassen sich einiges einfallen.

Oma Anni auf dem Plakat von "Die Linke". Doch die Dame wählt SPD

Oma Anni auf dem Plakat von "Die Linke". Doch die Dame wählt SPD

Foto: Wolfram Kastl / dpa

Oma Anni sieht aus, wie man sich eine Omi eben vorstellt. Eine kleine Frau mit großer Brille, die schlohweißen Haare dauergewellt. Man ahnt es kaum, doch in Oma Anni steckt eine Kämpferin. Sie ist das Gesicht der Mietenbewegung in ihrem Kiez im Berliner Nordwesten, der auch „Klein-Kleckersdorf“ genannt wird. Und als solche hat die Politik sie entdeckt.

Denn in nicht einmal sechs Wochen wird in Berlin gewählt - und der Kampf gegen Verdrängung und steigende Mieten ist eins der größten Themen. So hängt die resolute Oma Anni, die 95-jährige Anni Lenz, gerade auf Wahlplakaten der Linken dutzendfach an Berliner Laternen. In Oma-Manier lehnt sie mit Strickweste auf einem Fensterbrett. „Mietrebellin“ ist das Foto überschrieben.

SPD - das ist "Gewohnheitssache"

Doch halt: Die Linke? Oma Anni wählt überhaupt nicht die Linke. Das habe sie nie getan, zumindest soweit sie sich erinnere, sagt Lenz. Oma Anni macht ihr Kreuz bei der SPD. „Gewohnheitssache“, meint sie. Im Wintergarten steht das Plakat von SPD-Spitzenkandidat Michael Müller. Mit der Linken sei sie zwar „befreundet“, doch mit der SPD habe sie einfach die besten Erfahrungen gemacht.

Eine SPD-Wählerin auf Linke-Plakaten, das lassen die Sozialdemokraten nicht auf sich sitzen. In sozialen Netzwerken reklamierte die SPD Oma Anni schnell für sich - und gestaltete das Linken-Plakat kurzerhand um. „Oma Anni bleibt... SPD-Wählerin“, heißt es nun. Ein Streit entbrannte, mehrere Berliner Medien sprangen auf - und Oma Anni wurde nichts ahnend zum erste Aufreger eines bislang schleppenden Hauptstadt-Wahlkampfs.

Andere Aktionen haben auch Potenzial: Die samstägliche outdoor Yoga-Stunde mit Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch zum Beispiel. Oder Pokémon-Go spielen mit der CDU. Der Reinickendorfer Abgeordnete Tim Zeelen hat vor seinem Wahlkreisbüro einen sogenannten Poké-Stop entdeckt. Zu seiner Sprechstunde will der Politiker einen Lockpunkt aktivieren, Spieler in sein Büro lotsen und dann mit ihnen ins Gespräch kommen.

Wahlkampf via Tinder

Alexander Freier hat es auf die Herzen der Berliner abgesehen und nutzt - passend zur Herzensangelegenheit - die Dating-Plattform Tinder. Doch der 29-Jährige sucht weder Partner fürs Leben noch Sex-Abenteuer, sondern wirbt ums Kreuzchen für die SPD. Er habe Menschen erreichen wollen, die den ganzen Tag arbeiten und dann auf der Couch zu Hause entspannen, sagt der Jungpolitiker. „Tinder ist da die ideale Möglichkeit.“

Mehrere Hundert Übereinstimmungen - also Leute, die sein Profil interessant fanden - sammelte Freier in wenigen Wochen. Abgeschaut hat er sich das Konzept womöglich auch beim republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, der ebenfalls auf Tinder unterwegs ist.

Für Politiker sei es wichtig, sich dort zu präsentieren, wo ihre Wähler sind, sagt der Berliner Wahlkampfberater Julius van de Laar. Bevor man sich um Dinge wie Tinder oder Pokémon kümmere, müsse jedoch erstmal alles andere perfekt laufen.

Das kann bisher wohl keine der großen Berliner Parteien so recht von sich behaupten. In Umfragen liegen SPD, CDU, Grüne und Linke nahezu gleichauf. Als wahrscheinlichste Koalition nach der Wahl am 18. September gilt rot-rot-grün. Anni Lenz könnte ihr Gesicht werden. Doch eigentlich will die 95-Jährige mit Politik nichts zu tun haben. Da sagt Oma Anni ganz entschieden: „Nein“.