"Agora Collective"

Neue Arbeitsformen wagen - Das Prinzip Coworking

In Berlin testen immer mehr Freiberufler und Firmen neue Formen der Zusammenarbeit. Kreative und Programmierer unter einem Dach.

Denis Altschul im "Agora Collective" in Neukölln

Denis Altschul im "Agora Collective" in Neukölln

Foto: dpa/Jörg Carstensen

Es ist kurz nach 19 Uhr. Denis Altschul gönnt sich ein Feierabendbier. Er hat es aus dem Gemeinschaftskühlschrank geholt. Das Glas, in das er das Geld schmiss, funktioniert als „Vertrauenskasse“: Jeder zahlt das, was er herausnimmt – kontrolliert wird nicht. Gleich wird Altschul hinuntergehen, in den Garten des hauseigenen Cafés, in dem schon die meisten Kollegen sitzen. Kollegen, die streng genommen gar keine sind, weil sie nicht für die gleiche Firma arbeiten.

Denis Altschul arbeitet in keinem gewöhnlichen Büro, sondern im „Agora Collective“ in der Mittelstraße in Neukölln. In dem Backsteinhaus gibt es weder feste Arbeitszeiten noch einen Vorgesetzten, dafür sogenannte Coworking Spaces, in denen Freiberufler unterschiedlichster Branchen nebeneinandersitzen. Sie in einen Raum zu setzen, soll Platz für kreative Ideen schaffen, Zusammenarbeit möglich machen, auf die vorher niemand gekommen wäre. Berlin zählt weltweit betrachtet zu den Städten mit den meisten solcher moderner Arbeitsgemeinschaften. Nach Erkenntnissen der „Global Coworking Survey“-Studie gibt es weltweit mehr als 7800 Coworking Spaces, in der deutschen Hauptstadt sind es mehr als 100. Sie seien ein wesentlicher Bestandteil einer stetig wachsenden Start-up-Szene und wichtiger Standortfaktor – auch für Freiberufler, sagte ein Sprecher der Senatsverwaltung für Wirtschaft.

Ein Büro, das im Reiseführer steht

Das Agora hat es sogar in Berliner Reiseführer geschafft, auch Blogger aus anderen Ländern berichten darüber, überhäufen es mit Lob. Arbeitsforscher erwarten, dass diese Art von Arbeitsmodellen zunehmen wird. Im Agora sind fast alle Arbeitsplätze vermietet, die Gründer planen gerade einen weiteren Standort in der Hauptstadt. Seit 2011 sitzt das Agora Collective in Berlin, alles begann auf einer Etage. Mittlerweile sind es fünf Stockwerke. Jede Etage hat eine andere Funktion: Im Erdgeschoss ist das Café, darüber ein Raum mit flexiblen Arbeitsplätzen, in der zweiten Etage darf in einem der Räume weder geredet noch telefoniert werden, in der vierten Etage hingegen können Gruppen zusammenarbeiten. Der Raum unterm Dach bietet Platz für Ausstellungen oder Workshops.

Die Gründer von Agora Collective, Caique Tizzi und Pedro Jardim, sprechen nicht von Büros, sondern von Projekträumen. Fast 70 Personen finden darin Platz. Für Altschul ist das Agora mittlerweile nicht mehr nur der Ort, an dem er arbeitet. „Gerade für internationale Freiberufler ist die Community zu einer Art Ersatzfamilie geworden“, sagt der 28-jährige Brasilianer. Eine Familie, die sich hilft. Denn die Idee hinter dem Projekt, dass sich Kreative hier finden, ihre Arbeit sich ergänzt und neue Ideen entwickelt werden, klappt, sagt Community-Manager Altschul: „Da hilft der Programmierer dem Künstler mit seiner Homepage.“

Neue Arbeitsformen ausprobieren

Stadt- und Wirtschaftsgeograf Bastian Lange glaubt, dass die Nachfrage für Projekte wie das Agora bestehen bleibt: „Gerade junge, gut ausgebildete und ideengetriebene Menschen wollen abseits der Routine des gewohnten Arbeitsmarktes neue Arbeitsformen ausprobieren.“

Dass sich das Agora gerade in Neukölln etabliert habe, das bis vor wenigen Jahren als dreckig, gefährlich und Pro­blembezirk galt, wundert den Stadtforscher nicht: „Neukölln ist das Einfallstor für die junge internationale Elite“, sagt Lange. Die Mieten seien noch bezahlbar, das Umfeld hip und kreativ, dazu gebe es eine gute Infrastruktur. dpa