Um 9 Uhr morgens kriechen die Nomaden der Neuzeit verschlafen aus ihren Betten und begeben sich auf die Dachterrasse. Der Himmel ist veilchenblau, die Sonne wärmt nur und brennt nicht, unten funkelt das Meer, vielleicht hundert Meter entfernt. Lewis, App-Entwickler aus den USA, Eric, ein spanischer Fotograf, und Cathrine, eine dänische Studentin, trinken Tee, essen Omelette und Joghurt. Sie sehen zufrieden aus, und das gilt auch für Magdalena, die eben noch in der Küche stand und das Frühstück zubereitet hat. „Es war die richtige Entscheidung“, sagt sie.
Magdalena Hermann, 28, aus Coesfeld, hat sich in Taghazout, einem marokkanischen Fischerdorf, ihren Traum erfüllt. In einem vierstöckigen Mietshaus empfängt sie einen Typ Mensch, der die Vorzüge der Globalisierung in vollem Maße ausnutzt: den digitalen Nomaden, der Wohnung und Büro komplett oder teilweise aufgegeben hat und jetzt um die Welt jettet. Der, um seine Brötchen zu verdienen oder Abschlussarbeiten zu schreiben, nicht mehr braucht als Laptop und gutes Internet. Der der Sonne hinterherreist. Der mehr will vom Leben. Es sind keine Aussteiger im eigentlichen Sinne, keine Burn-out-Kranken oder Faulpelze. Ihr Credo heißt: Sei nicht gestresst, sei produktiv. Und das geht nun mal besser im Zimmer mit Meerblick als im Großraumbüro.
Genau diesen Mehrwert bietet Magdalena mit „Sun Desk“ an: kleine, saubere Zimmer mit Gemeinschaftsbad, Sonnenterrasse, ein Büro, durch dessen Fenster den ganzen Tag Sonne scheint. Die angeblich beste Internetverbindung der Stadt. 30 Euro kostet die Nacht inklusive Frühstück, 765 Euro zahlt, wer einen Monat bleiben will.
Es gibt keine offiziellen Daten, aber die Anzahl digitaler Nomaden steigt kontinuierlich. Man kann es festmachen an Internetseiten und Blogs, die auftauchen und nicht wieder verschwinden. Auf denen sich Systemaussteiger über Lebenshaltungskosten und Internetverbindungen in Chiang Mai in Thailand, Ubud auf Bali oder eben Taghazout informieren. Dort steht Magdalena Hermann, blonde Haare, blaue Augen, auf der Sonnenterrasse ihres Hauses und sagt lächelnd, dass sie sich bald vergrößern müsse, drei Monate nach der Eröffnung. Von allen Kontinenten kommen ihre Gäste, gerade jetzt, im europäischen Winter.
Sie wohnen im „Sun Desk“ oder in Apartments am Meer, wo die Wellen bei Flut gegen die Fensterläden schlagen. Taghazout ist auch ein Surferparadies, in der Mittagspause stehen die Nomaden gern auf ihren Brettern, und am Abend treffen sie sich oft zum Yoga am Strand.
Taghazout, das ist ein Ort wie gemalt. Wenn ein Tag zu Ende geht, sitzen die Leute gemeinsam am Strand, Einheimische und Fremde. Das Spektakel, wenn sich die Sonne goldrot färbt und dann im Ozean versinkt, lässt sich niemand entgehen. Nicht die Surfer, die nur ein paar Tage da sind, nicht die alten Fischer, die auf ihren Booten sitzen, nicht die digitalen Nomaden. Die Gassen in Taghazout sind eng, die Häuser alt, niemand legt Hand an; es ist diese Ursprünglichkeit, die Surfer und Backpacker anlockt. Viele sind Deutsche, die dank Billigflugverbindungen nach Agadir für wenig Geld hergelangen. Pauschaltouristen und Luxusfans sucht man vergebens – es gibt nicht mal ein Hotel in Taghazout, nur Ferienwohnungen und Zimmer in Surfcamps. Pauschaltouristen würden auch nicht in dieses Dorf passen, wo der 70 Jahre alte Imbissbudenbesitzer, dem nur ein Zahn geblieben ist, seine Gäste als Dank für eine bezahlte Rechnung abknutscht.
Magdalena Hermann hat sich in Taghazout verliebt, als sie im Herbst 2011 zum ersten Mal hierherkam. Die gelernte Hotelfachfrau arbeitete anfangs in einem Surfcamp, die Sommer verbrachte sie in Deutschland. Vor zwei Jahren zog sie ganz nach Marokko, auch aus Liebe zu ihrem marokkanischen Freund. An einer Fernuniversität studierte sie Betriebswirtschaftslehre, „das klappte ziemlich gut“. So kam ihr im vergangenen Sommer die Idee mit der Unterkunft für digitale Nomaden.
„Coworking Space“ lautet das Fachwort. Eine britische Zeitung schrieb jüngst, solche Unterkünfte seien ideal für Menschen, die im Urlaub nicht abschalten können oder stets erreichbar sein müssen, selbst in den Ferien.
Gutes Wetter fördert Kreativität
Auch solche Gäste hat Magdalena. „Aber viele wollen einfach nur an einem schönen Ort arbeiten.“ Menschen wie der Holländer Jeff, ein Mittdreißiger, der mit Laptop im Café „L’Auberge“ direkt am Fischmarkt Espresso trinkt und darüber sinniert, wie schön das Leben sein kann. Jeff schreibt einen Roman, es geht um Liebe, er komme gut voran, sagt er: „Ich habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Kälte verhindert jegliche Kreativität.“ Er hat sich ein Apartment am Meer genommen und weiß noch nicht, wie lange er bleiben wird – „es ist schwer, an einem solchen Ort Pläne zu machen“.
So sieht es auch Magdalena, die jetzt an ihrer Haustür steht. Sie hat einen Vorgarten angelegt – mit Mandarinen und Kapuzinerkresse. Die Nachbarn guckten irritiert, als sie damit anfing. „Das ist mein Stück Deutschland“, sagt sie und lacht. Dass sie irgendwann zurückkehrt – im Moment ein ferner Gedanke. Reich werde sie hier nicht, „aber glücklich“.

