Existenzgründer in Berlin

Aus dem Hörsaal direkt in die eigene Firma

Viele Forscher werden in Berlin zu Unternehmern. Sie stärken die Wirtschaft und das Image der Stadt. Senatorin Sandra Scheeres will die Zahl der Ausgründungen erhöhen.

Foto: GreenLab/ Harry Schnitger

Start-ups, die aus den Hochschulen in Berlin und Brandenburg heraus gegründet wurden, sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor der Metropolenregion mit Milliardenumsätzen und Zehntausenden Mitarbeitern. Der Senat ist aber überzeugt, dass es in diesem Bereich noch viel mehr Potential gibt. Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres und Staatssekretär Steffen Krach (beide SPD) wollen das Thema jetzt stärker in den Fokus nehmen und gemeinsam mit den Hochschulen die Zahl der Ausgründungen erhöhen. Krach hat daher Universitätspräsidenten, Hochschulrektoren und Professoren, die bereits erfolgreich Start-ups begleitet haben, zu einem Gespräch eingeladen.

Bei dem Treffen am 29. April soll diskutiert werden, welche Anreize für unternehmerisches Handeln in Lehre und Forschung von entscheidender Bedeutung sind, wie die Gründerzentren gestärkt werden können und wie Studenten, junge Wissenschaftler und Professoren für Gründergeist und Unternehmertum interessiert und unterstützt werden können.

Bei einem zweiten Treffen Anfang Juni will sich der Staatssekretär mit Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie Vertretern der Gründerzentren dazu austauschen.

Mit zehn Uni-Ausgründungen 17.000 Mitarbeiter in Start-Ups beschäftigt

Im vergangenen Herbst legten zehn Hochschulen aus Berlin und Brandenburg die Ergebnisse einer gemeinsamen großen Umfrage vor, die erstmals ein umfassendes Bild über die Ausgründungen in der Region bot. Danach wurden im Jahr 2013 in 721 Start-ups, die allein aus diesen zehn Hochschulen heraus entstanden sind, insgesamt rund 17.000 Mitarbeiter beschäftigt. 690 Jung-Unternehmen äußerten sich bei der Online-Befragung auch zu Umsatzzahlen, ihr erwirtschafteter Gesamtumsatz lag bei 1,7 Milliarden Euro. Diese Summe entspricht in etwa dem Betrag, den beide Länder insgesamt in jenem Jahr in den Hochschulbereich investierten.

Noch vor zehn Jahren war die Gründungsförderung an den Hochschulen kein wesentliches Thema. Heute haben fast alle Institutionen in der Region entsprechende Zentren oder Stabsstellen, die Interessenten von der ersten Idee bis zur Gründung des eigenen Unternehmens unterstützen. Die Hochschulen tragen auch in diesem Zusammenhang, und nicht nur durch die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses, dazu bei, dass Berlin inzwischen als europäische Hauptstadt der Gründer gilt.

Hochschulen und Wirtschaft hätten jetzt die Bedeutung dieser Start-ups erkannt, sagte Wissenschaftssenatorin Scheeres dazu der Berliner Morgenpost. "Es hat sich stärker die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Studierenden Unterstützung für Unternehmensgründungen wünschen", so Scheeres. Diese kämen letztendlich auch den Hochschulen selbst zu Gute. Auch die "Start Up Unit", die das Land Berlin gegründet hat und die bei "Berlin Partner" angesiedelt ist, soll dazu beitragen, die Stadt als führende Start-up-Metropole weiter zu entwickeln.

Die Hochschulen begrüßen, dass der Senat das Thema stärker in den Fokus rücken will, haben aber auch Erwartungen an die Politik. Sie sei gefordert, diesen Prozess "inhaltlich, aber vor allem auch finanziell zu unterstützen und zu verstetigen", heißt es in einer Umfrage, mit der die Gründungen an zehn Hochschulen in der Region analysiert wurden.

Die Unterstützung von Gründungen sei nicht eigens finanziert und müsse von den Hochschulen aus dem allgemeinen Etat beglichen werden, mahnen Experten von Universitäten. Dies gehe zu Lasten anderer Bereiche. Außerdem sei das Interesse der Studenten an Gründungen sehr hoch, viele würden auch wegen der ausgeprägten Start-up-Kultur unbedingt in Berlin studieren wollen. Doch längst nicht jede Initiative könne bedient werden, heißt es. Dazu fehle letztlich vor allem – Geld.

Auch Gründer berichten, dass die größte Schwierigkeit auf dem Weg zum eigenen Unternehmen die Finanzierung war. Vinzenz Bichler von Betterguards (siehe Text unten) etwa sagte, ohne private Investoren und Business Angel hätten sie ihren Plan aufgeben müssen. Anfangs hätten er und seine Mitstreiter ihre Forschung privat finanziert. Förderprogramme würden meist erst sehr spät greifen. Zudem sei staatliche Förderung oft mit hohen bürokratischen Hürden verbunden. Bichler wünscht sich vom Senat daher vor allem, diese Hürden abzubauen. Zudem müsse Gründern der Zugang zu Wagniskapital erleichtert werden.

Dünger aus Kakaoschalen

GreenLab Berlin ist ein solches, aus einem Hochschulprojekt entstandenes, Unternehmen. "Wir verwenden Abfall der Lebensmittelindustrie und machen ihn verkaufsfähig", erklärt Sabine Schäfer, eine der beiden Gründerinnen, "dazu benutzen wir Kakaoschalen, die sonst verbrannt werden und verarbeiten sie zu Dünger". Die Idee für ihr Unternehmen kam den Agrarwissenschaft-und Gartenbau-Studentinnen Sabine Schäfer und Ines Eichholz während ihrer Promotion an der Humboldt-Universität (HU). "Wir wollten aus dem Abfallprodukt der Schokoladenherstellung etwas Sinnvolles herstellen. Das Besondere an unserem Dünger ist, das er rein pflanzlich, vegan ist, ohne tierische Exkremente. Er riecht sehr gut und lässt sich leicht verarbeiten", erklärt Sabine Schäfer.

Um ihre Gründungsidee zu realisieren, bewarben sich die beiden Frauen 2012 für das Exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums und Energie und wurden als Stipendiaten angenommen. Ein Jahr lang durften die heute 40- und 43-Jährigen die Büroräume, das Labor und die Gewächsräume der HU nutzen und wurden von einem Professor unterstützt. 2013 gründeten sie dann GreenLab Berlin und bauten mit dem Betriebswirtschaftler Daniel Kania das Unternehmen auf. Eine Crowdfunding-Kampagne sorgte für das Startkapital von 18.000 Euro, der Sieg bei einem Wettbewerb für grüne Start-Ups bescherte ihnen einen Platz in einem Berliner Coworking Space, also einem gemeinschaftlichem Arbeitsraum.

Heute verkaufen die ehemaligen Studenten neben dem Bioflüssigdünger "Blümchenfutter" und dem Biofestdünger "Pimp my Gärtchen" auch pflanzbares Geschenkpapier mit Biosamen. Nach dem Auspacken wird es in die Erde gepflanzt und heraus wachsen Blumen oder auch Rote Bete. Zu kaufen gibt es die Produkte online und in Biosupermärkten wie Biocompany und bei Großhändlern wie Holländer.

Store-Anything: Lebensgeschichte in Kisten

Für sieben Euro im Monat eine Kiste voller Bücher, Akten oder Spielzeug abholen und lagern lassen – das ist das Angebot von Store-Anything, der Ausgründung der ehemaligen Berliner Betriebswirtschaftsstudenten Jörg Schwarzrock und Anton Marintsev. "Wir sind ein Lager mit Bring- und Abholservice", erklärt Jörg Schwarzrock. "Wir lagern Dinge, die Menschen zu Hause gerade nicht brauchen, und bringen sie bei Bedarf zu einer beliebigen Uhrzeit wieder zurück."

Jörg Schwarzrock kam während seines Auslandssemesters in den USA auf die Idee für die Neugründung. "Ich hatte das Problem, eine günstige Lagerstätte für meine Sachen in Berlin zu finden", erklärt der ehemalige Student. "In den USA habe ich dann gesehen, wie weit entwickelt der Lagerungsmarkt dort schon ist. Für die Leute ist es normal, ihre Sachen in Selfstorage Center zu bringen. Auch in London, wo Menschen im Vergleich zu Berlin mit der Hälfte an Wohnfläche auskommen, sind die Lagerungsstätten beliebt."

2014 gründeten die beiden Studenten dann zusammen Store-Anything. Büroräume und professionelle Beratung erhielten sie durch die Gründungsförderung profund der Freien Universität Berlin (FU). Finanzieren tun sie sich jedoch auch heute noch aus Eigenmitteln.

Die Lieferung der Kisten übernehmen die Gründer persönlich, dabei kam es bereits einige Male zu überraschenden Begegnungen. "Ich erinnere mich noch genau an einen älteren Kunden, der Bücher einlagern wollte und uns aus seinem ganzen Leben berichtete", erzählt Anton Marintsev. "Das Spannende an der Arbeit ist, dass jede Kiste die Lebensgeschichte eines Menschen wahrt." Für die Zukunft haben die beiden ein genaues Ziel: "Wir wollen Marktführer in Berlin werden."

Betterguards: Sicherheitsgurt für Gelenke

Einen "Sicherheitsgurt" für Gelenke entwickelt die Firma Betterguards, eine Ausgründung der Technischen Universität. Dahinter verbergen sich mit einem Gel gefüllte Module, die etwa in Bandagen oder Orthesen für Hand-, Knie- und Sprunggelenke integriert werden. Die wenige Zentimeter großen Teile gestatten viel Bewegungsfreiheit. Wird aber eine Bewegung unnatürlich schnell ausgeführt, etwa bei einem Sturz oder beim Umknicken, wird das Modul steif und schützt das Gelenk. Das Know-how besteht darin, das Gel gezielt zu steuern.

Vinzenz Bichler kam auf die Idee, weil er als Fußballer und Snowboarder selbst viele Gelenkverletzungen erlitten hat. "Hier muss man was erfinden", dachte er sich vor etwa drei Jahren. Nach seinem Studium der Kunststofftechnik machte er seinen Master in Biomedizinischer Technik. In dieser Zeit konnte er bereits zu dem Thema forschen und erste Funktionsmuster erstellen. Ein Exist-Gründerstipendium erlaubte, Max Müseler und Timo Stumper ins Team zu holen, später kam Alexander Fischer dazu. Seit Juli 2014 ist Betterguards eine GmbH, demnächst wird der fünfte Mitarbeiter eingestellt. Das Team ist interdisziplinär aufgestellt, auch Ingenieure der Medizintechnik, Betriebswirte und Marketingexperten sind mit dabei. Den Prüfstand, an dem die Module getestet werden, entwickelten die Gründer gleich mit.

Im Juni startet eine Crowdinvesting-Kampagne, die die Serienreife der Module ermöglichen soll. Wenn alles klappt, sollen die ersten damit ausgestatteten Medizintechnikprodukte – Sprunggelenk-Orthesen – Ende 2016 auf dem Markt sein. In etwas fernerer Zukunft könnten die Module aber auch in Sport- oder Wanderschuhe eingebaut werden.

Supperclubbing: Über den Tellerrand geschaut

Supperclubbing bietet eine Plattform für Menschen, die zusammen unterschiedliche Kulturen und kulinarische Traditionen kennenlernen wollen. "Auf unserer Internetseite können sich Nutzer kostenlos anmelden", erklärt Nikolai Schmidt, einer der drei Gründer des jungen Unternehmens, "für die Teilnahme an einer Veranstaltung bezahlt der Gast dann 25 bis 35 Euro direkt an den Gastgeber." Dafür bekommt der Nutzer Spezialitäten verschiedener Länder, Trend-Ernährungsmenüs oder eine Mahlzeit, die speziell auf bestimmte Nahrungsmittelintoleranzen abgestimmt ist.

"Während meiner Weltreise lud mich eine Familie auf Fidschi zum Essen ein. Das war ein so tolles und einprägsames Erlebnis, dass ich es unbedingt weitergeben wollte", erzählt Nikolai Schmidt. 2011 gründete der Student der Freien Universität Berlin (FU) zusammen mit dem Informatiker Sebastian Trapp und der Grafikdesignerin Rebecca Kopiecki dann Supperclubbing. Beratung und Büroräume erhielten sie über das Gründungsförderungsprogramm profund der Freien Universität, erste finanzielle Unterstützung brachte der Gewinn eines Businessplan-Wettbewerbs an der FU.

Die Supperclubs werden nicht nur in Berlin und den USA immer beliebter, sondern sind auch in Österreich oder Frankreich zu finden. "Oft sitzen die Gäste bis nach Mitternacht am Tisch", erzählt Nikolai Schmidt, "neben dem Essen bieten die Gastgeber manchmal sogar noch Aufführungen oder Lesungen an".

Reisende, Zugezogene, Singles und Gourmets sind die Hauptzielgruppen der drei Unternehmer. Besonders gerne erinnert sich Nikolai Schmidt an einen Singlesupperclub, bei dem sich tatsächlich Pärchen fanden.

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