Hinterhofflohmärkte

Ein Stück Lebensgefühl: Berliner trödeln in den Hinterhöfen

Über 60 Hausgemeinschaften in Berlin machten ihren Hinterhof – oder wahlweise den Bürgersteig vor dem Haus – zum Flohmarkt.

Foto: Regina Köhler

Kleidung, Kindersachen, Geschirr, Bücher, Puzzelspiele, CDs – das Angebot der kleinen Flohmärkte, die es am Sonntag auf vielen Straßen und Hinterhöfen der Hauptstadt gab, war vielfältig und überaus preiswert. Wer Lust hatte, konnte zwischen 13 und 17 Uhr eine richtige Trödeltour unternehmen und dabei gleich auch eine Menge vom Lebensgefühl der Menschen in den verschiedenen Berliner Kiezen mitbekommen. Die meisten Trödelstände gab es mit Abstand in Friedrichshain-Kreuzberg. Mitgemacht haben aber auch Hausgemeinschaften aus Weißensee, Lichtenberg und Neukölln.

Das Nachbarschaftsnetzwerk „Polly & Bob“ hatte die Hinterhof-Flohmärkte organisiert – und das bereits zum sechsten Mal. Mehr als 60 Hausgemeinschaften hatten sich zum Mitmachen angemeldet. Besonders schön war es im Kaskelkiez am Nöldnerplatz in Lichtenberg. An der Kaskelstraße gab es gleich mehrere Trödelstände, außerdem selbst gemachte Waffeln, Eis, Kuchen und Pizza. Auf einigen Hinterhöfen wurde sogar gegrillt. Vor allem junge Leute mit Kindern waren dort unterwegs.

Zu ihnen gehörte Jenny Dahlenburg, die an der Kaskelstraße 31 eine Heilpraxis betreibt. „Wir alle leben gern hier im Kiez, es ist wie auf dem Dorf“, sagte sie. Jeder kenne jeden, man müsse sich keine Sorgen machen, wenn die Kinder draußen unterwegs seien, und könne sogar mal anschreiben lassen beim Bäcker oder im Restaurant. Einziges Problem seien die knappen Grundschulplätze. „Immer mehr Familien ziehen in den Kiez. Wir brauchen deshalb dringend eine weitere Grundschule.“

Erst Kleiderschrank aufräumen, dann den Stand bestücken

Auch Babette Bauer und ihr zehnjähriger Sohn Tilmann schwärmten vom Kiez. Beide hatten einen Stand vor ihrem Haus an der Kaskelstraße 49 aufgebaut. Tilmann wollte einige seiner Bücher verkaufen, Babette verschiedene Kleidungsstücke.

Unweit von den beiden war Josephine Kalz gerade dabei, ihren Stand zu bestücken. „Ich habe viel zu viele Klamotten“, sagte sie. Einige schöne Sachen sollten nun den Besitzer wechseln. Kalz wohnt seit mehreren Jahren im Kaskelkiez und fühlt sich wohl dort. Sie studiert Modetechnik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft und möchte auch nach dem Studium gern im Kiez wohnen bleiben.

Gemütlich war es am Sonntag auch auf dem Hof an der Görlitzer Straße 50. Dort hatten Mitarbeiter und Bewohner eines betreuten Wohnprojekts des Union Hilfswerks kleine Marktstände aufgebaut. Neben Büchern, CDs und Fahrradzubehör konnten Trödler dort für wenig Geld selbst gebackenen Käsekuchen kaufen und dazu eine Tasse Kaffee. Betreuerin Tanja Biesold sagte, dass sie zum zweiten Mal beim Hinterhoftrödel mitmachen würden. „Für die Mieter unseres Wohnprojektes ist es wichtig, Nachbarn zu treffen und zu zeigen, wie sie leben.“