Berlin

Lebendig und in Farbe

Seit vier Jahrzehnten sammelt Michael Sobotta historische Farbdias. Jetzt veröffentlicht er sein zweites Buch mit Bildern der 50er- und 60er-Jahre

Am Ende seines Projekts stand für Michael Sobotta eine traurige Erkenntnis: "Es ist erstaunlich, wie viele ansehnliche Gebäude nach dem Zweiten Weltkrieg noch standen – um dann trotzdem abgerissen und durch irgendwelchen gesichtlosen Mumpitz ersetzt zu werden." Der 66-jährige Steglitzer weiß, wovon er spricht. Seit vier Jahrzehnten sammelt er historische Farbdias. In zwei neuen Bildbänden präsentiert er jetzt ein Berlin, das nicht mehr existiert.

Alles begann auf einem Flohmarkt. "Ich war immer schon an Fotografie interessiert", sagt er. "Aber nun stieß ich auf eine Kiste voller Farbdias aus einer Zeit, die man nur in Schwarz-Weiß kennt." In den 30er-Jahren, als das Monatsgehalt etwa eines Universitätsmitarbeiters zwischen 100 und 190 Euro lag, war ein Agfa-Farbdia-Film für 3,60 Reichsmark für viele unerschwinglich. Im Gegensatz zu Schwarz-Weiß-Fotos sind Dias zudem nicht leicht zu entwickeln. "Das sind Raritäten", sagt Sobotta.

Seitdem ging er in Trödelgeschäften und Märkten wie dem sogenannten Polenmarkt nahe dem Potsdamer Platz auf die Jagd nach wertvollen Aufnahmen in empfindlichen Rähmchen. "Sammeln ist wie eine Krankheit", sagt er. "Das kann man nicht heilen." Seiner Frau geht es nicht besser: Wo in der gemeinsamen Wohnung keine Büsten von preußischen Monarchen und Politikern stehen oder historische Zeichnungen die Wände schmücken, hat sie Hunderte von Parfümflacons ausgestellt und in Regalen geordnet.

Michael Sobotta kaufte seine Dias anfangs kistenweise. "Die hat man mir für ein paar D-Mark geradezu nachgeworfen." Wer dagegen heute bei Ebay recherchiert, stößt auf Preise von rund 20 Euro pro 60er-Jahre-Farbdia. Sein zwei Jahre altes Buch mit Motiven der Jahre 1936 bis 1943 liegt jetzt in erweiterter Fassung vor. Dazu kommt eine Neuveröffentlichung, die die 50er- und 60er-Jahre darstellt.

Jedem Bild, das er mit einem hochsensiblen Dia-Scanner rekonstruierte, hat er einen beschreibenden Text hinzugefügt. Dabei ist er nicht Historiker, sondern war bis zu seiner Pensionierung bei der Bundesdruckerei in Kreuzberg für Datenverarbeitung zuständig. "Aber wenn man viele Jahrzehnte in Berlin lebt und sich hier ein bisschen auskennt, weiß man, was wo früher stand", sagt Sobotta. Den Rest erfährt er aus einschlägiger Berlinliteratur, die er, wie komplette Radioserien aus dem Rias Berlin, ebenfalls sammelt.

Allerdings verfolgt Sobotta die Entwicklung seiner Stadt mit nicht ganz üblichem Enthusiasmus. Am Tag nach dem Mauerfall etwa nahm er sich bei der Bundesdruckerei frei, um mit seiner Filmkamera an den offenen Grenzübergängen die Menschen zu filmen. In der Mittagspause machte er Bilder, wie weit der Abriss der Mauer vorangekommen war. Dieser Tage schaut er sich regelmäßig den Baufortgang am Stadtschloss an, das er "sehr okay" findet. Gelegentlich besteigt er den Berliner Dom, um zu sehen, wo sich etwas tut.

Im nächste Buch würde er gern das beschauliche Potsdam zeigen

Erzählt er von seinen Kontakten zu anderen Sammlern, erfährt man, dass es nicht wenige Menschen gibt, die sich als Hobby mit der baulichen Entwicklung Berlins beschäftigen. "Das liegt daran, dass hier immer etwas los ist", sagt Sobotta. "Es verändert sich ständig etwas, und alles ist in Bewegung." Etwas weniger Wille zum Wandel hätte er sich bei der Berliner Stadtplanung gewünscht. Er blättert durch sein Buch und stoppt beim reich verzierten Haus, in dem sich zuletzt die Gaststätte "Historischer Niquet-Keller" befand, eröffnet 1839, an der Niederwallstraße nahe dem Spittelmarkt in Mitte. "Auf dem Bild kommen doch Gäste heraus, das Lokal war offenbar wieder nutzbar. Warum hat man so etwas abgerissen?", fragt Sobotta.

In seinen Augen ist die Modernisierung Berlins nach Weltkrieg oder Zusammenbruch der DDR immer dann gelungen, wenn die alte Stadtstruktur aufgegriffen wurde. "Am Hackeschen Markt und in der Friedrichstraße wurde das sehr schön umgesetzt, auch, weil man die bestehenden Traufhöhen aufgegriffen hat." Am Kurfürstendamm dagegen, zum Beweis blättert Sobotta zielsicher zur passenden Seite seines Buchs, habe man in den 50er-Jahren viele Gebäude "einfach ohne Sinn und Verstand zwischen die schönen alten Bauten hingeknallt." Vom Look des Potsdamer Platzes hält er auch wenig. "Außerdem herrscht dort kein wahres Leben."

Im nächste Buch würde er nach dem lebhaften Berlin am liebsten das beschauliche Potsdam zeigen. "Mit Ansichten des Stadtschlosses, das im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört wurde, und der später gesprengten Garnisonkirche", sagt Sobotta. Es sei ja nicht gleich eine Mission, die zu diesen Büchern treibe. Nur eine einfache Erfahrung, die er in den Jahrzehnten seiner Sammelleidenschaft gemacht hat: "Viele Menschen wissen gar nicht, wie es da früher aussah, wo sie heute leben."

Wer interessantes Diamaterial besitzt, kann Michael Sobotta über Farbdias-
Berlin@online.de kontaktieren.

Buch: "Berlin in frühen Farbfotografien 1936 bis 1943" und "Berlin, Farbfotografien aus den 50ern und 60ern", Sutton Verlag, 168 Seiten, 24,99 Euro.

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