Nach Razzia in Berlin

Die kriminellen Großfamilien und das Gesetz des Schweigens

Zeugenaussagen über kriminelle Familien erhält die Polizei meist nur von konkurrierenden Clans. Die Ermittlungen sind schwierig.

Einsatzkräfte der Polizei vor einem Wohnhaus in Berlin in Neukölln. Am frühen Dienstagmorgen gab es hier Hausdurchsuchungen und Festnahmen

Einsatzkräfte der Polizei vor einem Wohnhaus in Berlin in Neukölln. Am frühen Dienstagmorgen gab es hier Hausdurchsuchungen und Festnahmen

Foto: Gregor Fischer / dpa

Sie beherrschen große Teile des Rauschgifthandels, der Prostitution und sind für Raubüberfälle sowie andere Straftaten verantwortlich: Die Berliner Polizei und Justiz haben schon seit vielen Jahren Probleme mit mehreren arabischen Großfamilien. Den Clans ist nur schwer beizukommen. Innerhalb der Familienverbünde gilt das eiserne Gesetz des Schweigens.

Wann immer es Ermittlern aus dem Bereich „Organisierte Kriminalität“ gelingt, ausreichend Material gegen die Verdächtigen zu sammeln, um mit Durchsuchungen und Haftbefehlen gegen kriminelle Großfamilien vorzugehen, stammen wichtige Hinweise häufig – manche Ermittler sagen sogar fast immer – aus den Reihen oder dem Umfeld einer anderen Großfamilie.

Woher die belastenden Aussagen kamen, die jetzt zu den Festnahmen weiterer Mitglieder der Familie Al-Z. geführt haben, wird von Polizei und Staatsanwaltschaft nicht näher erläutert. So soll verhindert werden, dass die Belastungszeugen bis zu einer Gerichtsverhandlung ihre Aussagen möglicherweise wieder zurücknehmen.

Einer der drei Angeklagten, die zurzeit wegen des Überfalls auf das KaDeWe vor Gericht stehen, hatte bereits kurz nach seiner Festnahme die beiden Mitangeklagten und Angehörigen des Al-Z.-Clans belastet. Er wolle ein neues und von Kriminalität freies Leben führen, hatte er als Motiv genannt.

Tippgeber wollen Konkurrenz loswerden

Nach Angaben von Ermittlern sehen die Tippgeber in Fällen organisierter Kriminalität sich allerdings nicht als Unterstützer von Polizei und Justiz, das liege ihnen fern. Für sie sei das vielmehr eine günstige Gelegenheit, lästige Konkurrenz loszuwerden oder zumindest zu schwächen.

Ein Beispiel ist der Überfall auf das Pokerturnier im Hyatt am Potsdamer Platz im Jahr 2010. Als Drahtzieher wurde ein Mitglied der Familie A. verurteilt, ein Hinweis auf ihn soll von der Familie Al-Z. gekommen sein, gegen die sich die Aktion am Dienstag richtete.

Polizei und Staatsanwaltschaft nannten „umfangreiche Zeugenaussagen“ unter anderem als Grund dafür, dass Richter Haftbefehle gegen acht Verdächtige erlassen haben. Zeugenaussagen im Milieu arabischer Clans nennt auch Innensenator Frank Henkel (CDU) „ungewöhnlich“. Für konsequentes Handeln der Sicherheitsbehörden müsse aber die Mauer des Schweigens fallen. „Es wäre gut, wenn auch andere ermutigt werden, über die Szene auszupacken“, sagte Henkel am Dienstag weiter.

10 bis zwölf kriminelle Großfamilien in Berlin

Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass mindestens zehn bis zwölf arabische Großfamilien in Berlin in kriminelle Aktivitäten verstrickt sind und mit ihren dunklen Geschäften Millionen verdienen. Nach Ansicht des Landeskriminalamtes soll fast die Hälfte der organisierten Kriminalität auf das Konto dieser Clans gehen.

In einer kürzlich von Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) vorgestellten Studie heißt es, dass sich die Clans auf eine geschlossene Familienstruktur mit starken internen Loyalitäten stützen. Sie bleiben weitgehend unter sich und erzeugen in Teilen der Stadt ein „Klima der Angst“. Seit Januar vergangenen Jahres werden Straftaten dieser Großfamilien von einem eigens eingerichteten Kommissariat in der Abteilung „Organisierte Kriminalität“ verfolgt.