Wissenschaft

Die TU Berlin wird 70 - Zeitzeugen erinnern sich

Die TU wurde 1946 gegründet: Wie Zeitzeugen den Aufbau erlebt haben, wie die Vergangenheit der Vorgängerhochschule verarbeitet wurde.

Die TU war zu Kriegsende zwar nicht zerstört, aber doch schwer beschädigt. Die Restaurierung dauerte Jahre.

Die TU war zu Kriegsende zwar nicht zerstört, aber doch schwer beschädigt. Die Restaurierung dauerte Jahre.

Foto: TU Berlin/Universitätsarchiv

Für Fritz Ehrhardt begann das Chemie-Studium mit harter körperlicher Arbeit. „Bevor wir einen Laborplatz zugewiesen bekamen, mussten wir 200 Stunden enttrümmern“, erzählt der heute 88-jährige Frohnauer. Ehrhardt war zwar nicht Student der ersten Stunde der Technischen Universität des Jahres 1946, begann aber sein Studium 1947. „Die Uni war sehr beschädigt, und die Studenten waren verpflichtet zuzupacken.“

Das einst repräsentative Hauptgebäude der 1879 gegründeten Technischen Hochschule war bei Kriegsende nur noch ein Torso. Es mutet wie ein Wunder an, dass schon kurz danach Ex-Hochschulangehörige in einem Nebengebäude eine Meldestelle für heimgekehrte Studierende und Lehrkräfte einrichteten. Schon ein Jahr später, am 9. April 1946, kam es unter Federführung der britischen Besatzungsmacht zur Neugründung einer Hochschule, die sich Technische Universität nannte.

Namenswechsel als Bruch mit Vergangenheit

Der Namenswechsel stand für einen bewussten Bruch mit der Vergangenheit. Schließlich hatte das Nazi-Regime auch an der früheren TH verheerende Spuren hinterlassen. „Die Politik der Gleichschaltung und die Ausgrenzung und Vertreibung sogenannter nichtarischer und politisch unliebsamer Angehöriger des Lehrkörpers und Studierender hatte nicht nur den Betroffenen, sondern auch der Hochschule selbst großen Schaden zugefügt“, sagt Carina Baganz vom TU-Zentrum für Antisemitismusforschung.

Im Auftrag von Präsident Christian Thomsen hat sie eine Jubiläums-Ausstellung erarbeitet, die sich kritisch mit der frühen TU-Geschichte auseinandersetzt und vom 18. April an auf dem Platz vor dem Hauptgebäude zu sehen ist. Am gleichen Tag gibt es auch einen Festakt.

Studium generale

Nicht nur der Name war ein anderer, auch inhaltlich richtete sich die Hochschule neu aus. Um angehende Architekten, Ingenieure und Maschinenbauer an ihre gesellschaftliche Verantwortung zu erinnern, standen ab 1950 auch Geisteswissenschaften auf dem Lehrplan. Damit war die TU hierzulande die erste Hochschule, die ein Studium generale anbot.

Den Wiederaufbau des Lehrbetrieb und die Entnazifizierung begleiteten britische Hochschuloffiziere, im März 1946 erklärte Walter Kucharski, der erste Nachkriegsrektor, das Uni-Personal für „entnazifiziert“. Doch Anfang der 50er-Jahre wurden die strengen Vorschriften aufgeweicht, waren einfache NSDAP-Mitglieder als Mitläufer rehabilitiert. „Aber auch gegenüber höheren Partei- und SS-Rängen wurde man großzügig, und so fanden auch solche Professoren wieder Aufnahme, die 1945 als stark Belastete aus den Diensten der Hochschule hatten ausscheiden müssen“, so Baganz.

Extra-Praktikum für Frauen

Baganz hat auch das bittere Unrecht erforscht, das die Nazis Professoren angetan hatten, die einen jüdischen Hintergrund hatten oder politisch verfolgt wurden: Nur sechs von 107 vertriebenen Wissenschaftlern arbeiteten nach 1945 wieder an der Hochschule.

Im ersten Semester der jungen Universität waren 1446 Studierende eingeschrieben, die ihre fachliche Eignung und politische Zuverlässigkeit belegen mussten. Fritz Ehrhardts Frau Brigitte ist gut drei Jahre jünger als ihr Mann, auch sie studierte Chemie an der TU. Weil sie eine Frau ist und deshalb – so nahm man damals an – weniger begabt für ein naturwissenschaftliches Studium, musste sie erst ein chemisches Praktikum an der TU absolvieren und sich bewähren. Kriegsheimkehrer wie ihr Mann waren davon befreit. „Wir waren sehr wenige Frauen, unter 50 Studenten im Labor nur drei oder vier“, berichtet sie.

„Glücklich, weil wir lernen durften“

Brigitte Ehrhardt hatte im Wintersemester 1951/52 zu studieren begonnen. Im Park hinter den Uni-Gebäuden und im Praktikumssaal war ihr Fritz schon aufgefallen. Sie war junge Studentin, er arbeitete an seiner Diplomarbeit. Im weißen Kittel war er unterwegs, die Spitze eines Spatels lugte aus der Tasche. Sie gesteht: „Meine Clique hatte den Eindruck, dass er ein wenig ein Angeber ist.“ Als sie mit anderen Studenten einmal abends zu Gast bei einem Professor war, traf sie ihn zu ihrem Erstaunen wieder: Er stand auf der Veranda an der Bar und goss sich Bowle ein. Wie sich herausstellte, war er der Schwager des Professors. Später wurden sie ein Paar.

Beide Ehrhardts stammen aus gebildeten Familien mit Akademikern, zu studieren war nicht ungewöhnlich. Aber auf eine andere Weise empfanden sie es durchaus als Privileg. „Wir hatten keinen Krieg mehr, es gab keine erzwungenen Kelleraufenthalte wegen der Bomben mehr“, erzählt Brigitte Ehrhardt. „Die Stimmung unter uns Studenten war sehr gut. Wir waren glücklich, weil wir lernen durften.“

Hohe Studiengebühren in Nachkriegszeit

Leicht war es dennoch nicht. „Wir haben als Studenten alle nebenbei gearbeitet, um das Studium zu finanzieren“, erzählt Fritz Ehrhardt. „Wenn man bei den Eltern gewohnt hat, hatte man natürlich Unterkunft und Verpflegung frei, aber wir mussten hohe Studiengebühren bezahlen, außerdem mussten wir Chemikalien und einen Teil der Laborgeräte kaufen.“

Die Situation der Studierenden war schlimm, denn im Nachkriegs-Berlin mangelte es an allem. Baganz: „Auch der Gesundheitszustand der TU-Studierenden gab Anlass zu Besorgnis. 88 Prozent von ihnen waren unterernährt und zehn Prozenten litten an offener TBC.“ Erst die neu eingeführte Studentenspeisung sorgte für Besserung. Brigitte Ehrhardt erinnert sich an die Vorteile der Mensa. „Sie war ein Segen, wir bekamen billig ein Mittagessen. Dazu gab es ein Brötchen, das habe ich mir fürs Abendessen aufgehoben.“

Studentin mehrfach von der Stasi befragt

Schwierig war für Brigitte Ehrhardt, dass sie die Studiengebühren in Westmark entrichten musste. Und dann waren da auch noch die sich verstärkenden Ost-West-Gegensätze. Noch gab es keine Mauer, und sie hätte eines Tages einfach im Westen bleiben können statt zurückzukehren. Doch sie fürchtete, dass ihr Vater dann Probleme bekommen würde. Deshalb entschied sie sich 1959, während ihrer Doktorarbeit, einen Ausreiseantrag zu stellen. „Ich musste ein halbes Jahr lang mehrfach zur Stasi in die Normannenstraße. Das war sehr unangenehm.“

Ihr Professor hatte ihr eine Bescheinigung ausgestellt, dass sie wegen gefährlicher und lange andauernder Experimente Tag und Nacht im Labor anwesend sein müsse. Das stimmte nicht, es war ein Dokument des guten Willens. Die Stasi glaubte es auch nicht. „Sie stellten mir Fangfragen.“

Zur Eröffnung kam sogar der Bundespräsident

Eigentlich wollte man sie ins Forschungsinstitut Manfred von Ardenne in Dresden versetzen, der einzigen privaten Forschungseinrichtung der DDR und ein Prestige-Objekt. Ihrem Ausreiseantrag wurde dennoch irgendwann stattgegeben. „Ich legte großen Wert darauf, dass sie die Ausreise offiziell genehmigt bekommt“, berichtet ihr Mann. „So konnten wir später auch als Paar die Transitstrecken benutzen. Andernfalls hätten wir bei Reisen aus Berlin heraus immer das Flugzeug nehmen müssen.“

Der Wiederaufbau der TU schritt in den 50-er-Jahren voran. Als am 15. April 1953 das rekonstruierte Südgelände des Hauptgebäudes eröffnet wurde, kam sogar Bundespräsident Theodor Heuss. Nur wenige Teile des historischen Gebäudes sind erhalten, heute erstreckt sich an der Straße des 17. Juni ein nüchtern-funktionaler 60er-Jahre- Bau.

Studentenbewegung mit Verzögerung

In den 60er- und 70er-Jahren wuchs die TU in rasantem Tempo. Hatte die Hochschule 1969/70 erst 8499 Studierende, waren es 1975/76 bereits 21.805. Die politische Studentenbewegung dagegen kam nach Erkenntnissen des Geschichtsprofessors Reinhard Rürup an der TU „mit Verzögerung“ an. Ende 1967 gab es hier erste militante Aktionen, wesentliche Treiber waren die Kommilitonen der Freien Universität.

Nach der Wende stand die Charlottenburger Hochschule wieder vor revolutionären Umwälzungen – das Studienangebot wurde auf Bachelor- und Masterprogramme umgestellt, 90 Prozent der Professuren sind seit 2000 neu besetzt worden. Die Attraktivität der Hochschule spiegelt sich nicht zuletzt in der Zahl der Studierenden - gut 34.000 sind es aktuell. Die Aussichten der Absolventen waren und sind gut.

Die Ehrhardts promovierten an der TU, machten ihren „Dr.-Ing.“ und arbeiteten schließlich bei Fachverlagen, Brigitte Ehrhardt nach der Kinderpause als Lehrerin für Naturwissenschaften. In ihrem Frohnauer Haus zeigen die beiden vergilbte Fotos und Zeugnisse von damals. Auch wenn die Zeiten hart waren – sie erinnern sich gern.