Interview

Technische Universität als Motor der Digitalisierung Berlins

Die Technische Universität will ein wichtiger Motor im Prozess der Digitalisierung Berlins sein: Das kündigt Präsident Christian Thomsen im Interview an.

Herr der Technischen Universität: Professor Christian Thomsen ist Präsident der Berliner Hochschule, die in diesem Jahr 70 Jahre alt wird

Herr der Technischen Universität: Professor Christian Thomsen ist Präsident der Berliner Hochschule, die in diesem Jahr 70 Jahre alt wird

Foto: Reto Klar

Berliner Morgenpost: Mit aktuell rund 34.000 Studierenden hat die TU eine Größe erreicht, die 1946 wohl niemand für möglich gehalten hätte. Sie haben den NC für viele Fächer abgeschafft. Kommen Sie mit Ihrem Öffnungskurs jetzt an Grenzen des Wachstums?

Nun, es gibt sicher Grenzen, die durch unsere Haushaltssituation und die Anzahl der Hochschullehrer gegeben sind. Die Anzahl von Studierenden, die ein Kollege betreuen kann, ist begrenzt. Dennoch schätze ich das Recht auf Bildung und freie Wahl des Studienfachs sehr hoch ein, und wenn es irgendwie geht, sollten wir weitere Fächer vom NC befreien und mehr Studierende über unsere Kapazitäten zulassen. Ich habe außerdem ein einjähriges Orientierungsstudium eingeführt, das nicht zulassungsbeschränkt ist. Gleichwohl gibt es aber Fächer, in denen das nicht möglich ist. In der Biotechnologie etwa haben wir zehnmal so viele Bewerbungen wie Plätze. Wir können jedoch nicht öffnen, da uns die Laborplätze fehlen. Man kann dort vielleicht zehn Prozent mehr Bewerber aufnehmen – das haben die Kollegen auch gemacht – aber nicht mehr.

Sie sind seit 1946 keine reine Technische Universität: Wollen Sie noch weitere Geistes- und Sozialwissenschaften dazu nehmen?

Unser Gründungsauftrag vor 70 Jahren war genau dieser: dass wir Geistes- und Sozialwissenschaften mit aufnehmen. Das haben wir getan, und wir haben sie auch sehr gerne, weil wir daraus interdisziplinäre Forschungsaufträge generieren, die wir so nicht hätten, wenn wir eine rein technisch ausgerichtete Hochschule wären. Die Bereiche zu vergrößern, ist nicht Ziel für die nächsten Jahre, aber die Stärkung der Wechselwirkungen zwischen den ingenieurs-, den natur- und den geistes- sowie sozialwissenschaftlichen Bereichen.

Zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister haben Sie die 10-Punkte-Agenda für Berlin entworfen. Welche Rolle will die TU in dem Prozess der Digitalisierung Berlins spielen?

Die TU hat sehr viele der 30 zusätzlichen IT-Professuren in diesem Bereich eingeworben. Berlin kann stolz sein auf seine Wissenschaft. Das stärker sichtbar zu machen, ist wichtig. Neben der wissenschaftlichen Leistung entstehen durch die Digitalisierung auch viele Start-ups aus der Uni heraus. Hier sind wir sehr stark. So konnten im Jahr 2013 mehr als 250 Firmen von TU-Alumni einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro mit rund 14.000 Beschäftigten erwirtschaften. Mit den neuen IT-Professuren wollen wir das fortschreiben. Aus jedem Fachgebiet soll es – so unser Wunsch - in sechs Jahren drei oder vier Ausgründungen geben. Wenn nur die Hälfte überlebt und jeweils 50 Mitarbeiter beschäftigt, dann hat das schon einen enormen Effekt. Das zieht Investment-Kapital an – Berlin liegt da inzwischen vor London – und das schafft Arbeitsplätze, generiert Steuern.

Die TU fördert Ausgründungen seit langem: Geht da noch mehr?

Ja, es geht mehr. Wir haben 34.000 Studierende, ein enormes Potential an Ideen steckt dahinter. Jährlich entstehen bei uns rund 30 Start-ups, davon sind ungefähr 20 Hightech-Start-ups.. Da könnten aber auch 300 sein. Wir vermitteln zum Erstsemestertag jedem: „Wenn du eine gute Idee hast, dann gründe eine Firma.“ Die Zahl der Start-ups ist bei uns schon jetzt größer als an allen anderen Berliner Unis und Fachhochschulen zusammen.

Können innovative Unternehmen mit riesigem Forschungsetat wie Google vorgeben, was heute auf der Forschungsagenda zu stehen hat? Ist das eine Konkurrenz?

Google ist beispielsweise auf dem Sektor der Optimierung von Werbung unschlagbar. Aber da sind wir nicht im Wettbewerb. Wir wollen ganz neuartige Ansätze finden, zum Beispiel wie unser Wissenschaftler Klaus Robert Müller, der 2014 den Berliner Wissenschaftspreis bekommen hat. Seine Erfindung ist eine Haube, die man sich aufsetzt und mit der man mit Gedankenkraft Texte auf einem Bildschirm schreiben kann, ganz ohne Tastatur. Das ist etwas völlig Neues.

Bei selbst fahrenden Autos ist Google aber durchaus ganz vorn dabei.

Das autonome Fahren hat bei den deutschen Autounternehmen diktiert, wohin die Reise geht. Die sonst so erfolgreichen Unternehmen haben alle den Ansatz verschlafen, dass man autonom fahren könnte. Und plötzlich machen Google oder Apple das. Die klassischen Autohersteller hecheln jetzt hinterher. Das ist aber weniger eine Frage der Universitäten. Wenn wir vor zehn Jahren angefangen hätten, am autonomen Fahren zu forschen, hätten wir keinerlei Finanzierung und Unterstützung bekommen, weil die Autoindustrie gesagt hätte: Nein, das passiert nie.

Was zeichnet heute eine Universität aus, die in Forschung und Lehre im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe bestehen kann?

Sehr wertvoll sind gute Studierende – wenn man als Hochschullehrer auf dem Land sitzt und keine Studierenden hat, kann man nur die Hälfte seines Potenzials ausschöpfen. Berlin ist besonders attraktiv, weil viele intelligente junge Leute gerne an die Spree kommen. Gute Studierende schreiben gute Bachelor- und Masterarbeiten, die besten promovieren.

Aber was wollen Sie den Wissenschaftlern anbieten, die Sie von außerhalb nach Berlin holen wollen?

Auch hier ist nicht zu unterschätzen, dass Berlin ein großer Magnet ist – und die Stadt bietet ein internationales und attraktives Wissenschaftsumfeld. Die Rahmen- und Lebensbedingungen müssen stimmen. Die Mieten steigen zwar, sodass dieses Argument schwächer wird, aber es ist immer noch viel günstiger, hier zu leben als etwa in München. Das gilt für Studierende und für Hochschullehrer, und das muss man auch deutlich machen.

Von den promovierten Forschern bekommen nur wenige eine Professorenstelle, sie haben oft kurze Verträgen und keine rechte Perspektive. Kann man dem entgegenwirken?

Ja, die Chancen für den wissenschaftlichen Mittelbau müssen verbessert werden, weil doch sehr viele bei der reduzierten Anzahl von Hochschullehrerstellen ohne Aussicht auf eine solche Stelle bleiben. Da begrüße ich das Programm der Forschungsministerin Johanna Wanka. Sie hat für die kommenden zehn Jahren eine Milliarde Euro in Aussicht gestellt, um Stellen für die Verstetigung von Junior-Professuren zu schaffen.

Wie geht es mit der Exzellenzinitiative weiter? Schmerzt es, dass Freie Universität und Humboldt-Universität Exzellenzuniversitäten wurden und die TU nicht?

Ich sehe das entspannt. Worauf wir stolz sind, das sind die inhaltlichen Exzellenzcluster. Wir haben ein Cluster in der Chemie und ein weiteres außerhalb der Exzellenzinitiative in der Mathematik. Das ist eine hervorragende Leistung, die uns in Berlin in den Naturwissenschaften keiner nachgemacht hat. Das Konzept Exzellenzuniversität ist aus meiner Sicht etwas überbewertet, weil es keine eigene Form des wissenschaftlichen Arbeitens ist. Jetzt kommt eine neue Exzellenzinitiative. Der eine Teil konzentriert sich wieder auf die Cluster, da werden wir hoffentlich erneut erfolgreich sein. Es gibt zudem die Förderlinie B, um im regionalen Verbund einen Leuchtturmstandort zu erzeugen. Dafür ist Berlin prädestiniert. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass die vier Universitäten zusammen einen solchen Verbundantrag stellen.

Was ist Ihre Vision für die Zukunft: Wo wird die TU stehen, wenn sie 100 Jahre alt wird?

Ich stelle mir vor, dass die TU als Technische Hauptstadt-Universität eine ganz prominente Funktion hat: die der Politikberatung. Diese Rolle sollten wir ausbauen. Wenn es um technische Fragen geht, könnte die Bundesregierung zunächst einmal die TU-Kollegen fragen.