Hochschulen

Studieren ohne Abitur liegt in Berlin im Trend

Der 28-jährige Adam Koziak hat eine berufliche Qualifikation – so wie immer mehr Berliner Studierende.

Adam Koziak arbeitet als Bürokaufmann und studiert nebenbei Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft

Adam Koziak arbeitet als Bürokaufmann und studiert nebenbei Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Adam Koziak hat nach dem Mittleren Schulabschluss eine Ausbildung zum Bürokaufmann absolviert und ist inzwischen leitender Angestellter in seinem Spandauer Betrieb. Wenn der Arbeitstag im Gartentechnikzentrum zu Ende ist, wirft der 28-Jährige zuhause den Computer an und öffnet sein Online-Studienprogramm. Koziak studiert im dritten Semester Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Er gehört zu der wachsenden Zahl von Studierenden, die ohne Abi, aber mit beruflicher Qualifikation an die Hochschulen kommen. „Ich bin einfach unheimlich neugierig und wissbegierig“, sagt Koziak, der schon seit Langem von einem akademischen Titel geträumt hat.

Bundesweit haben 50.000 von rund 2,7 Millionen Studierenden kein Abitur, meldete das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) gerade – das ist ein Rekordwert. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl dieser Studenten etwa verdoppelt. Auch die Berliner Hochschulen melden hohe Zuwächse, wie eine Morgenpost-Umfrage ergab. An der Freien Universität (FU) sind nach Angaben von Goran Krstin, Sprecher des Präsidenten, aktuell 117 Studierende mit beruflicher Qualifikation für ein grundständiges Studium eingeschrieben. Im Wintersemester 2015/16 gab es 78 Neuimmatrikulationen von beruflich Qualifizierten, im Wintersemester davor waren es nur 40.

Besonders gefragt sind Jura und Betriebswirtschaftslehre

Besonders gefragt sind bei diesen FU-Studierenden die Fächer Rechtswissenschaft, Betriebswirtschaftslehre, Veterinärmedizin, Politikwissenschaft und Grundschulpädagogik. Voraussetzung ist, dass die Bewerber mindestens eine zweijährige abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen können und zusätzlich mindestens drei Jahre in dem erlernten Beruf gearbeitet haben. „Damit haben sie eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung“, so Krstin – das geplante Studium muss fachlich zum erlernten Beruf passen. Ansonsten müssen die Bewerber eine Zugangsprüfung am Studienkolleg der FU ablegen.

Abgesehen von Pharmazie und Veterinärmedizin stünden in den zulassungsbeschränkten Studiengängen acht Prozent der Studienplätze für beruflich qualifizierte Bewerber zur Verfügung, so Krstin. Auch Veterinärmedizin und Pharmazie stehen Studierenden ohne Abitur prinzipiell offen, doch gibt es dafür ein anderes, komplizierteres Bewerbungsverfahren. Studierende mit einer beruflichen Qualifikation brächten Erfahrungen in das Studium mit ein, die sie bereits in der Praxis sammeln konnten, sagt Krstin. „Dies ist eine besondere Bereicherung für die Universität.“

Der TU-Präsident schätzt Studierende mit unterschiedlichen Bildungsbiografien

Das sieht auch Professor Christian Thomsen, Präsident der Technischen Universität (TU), an der es aktuell 108 Studierende mit beruflicher Qualifikation gibt, so: „Mein Motto ist ganz klar: Unter ‘offene Universität’ verstehe ich auch, dass wir Studierende mit unterschiedlichen Bildungsbiografien bei uns haben wollen. Sie bereichern uns genauso wie die Studierenden aus dem Ausland.“ Für besonders interessant hält Thomsen dabei die Lehramtsstudiengänge für Berufliche Bildung.

Die Humboldt-Universität meldet ebenfalls steigende Zahlen von Studierenden, die sich ohne Abitur qualifiziert haben: 393 sind es in diesem Wintersemester, 2012/13 waren es erst 311. An Adam Koziaks Hochschule, der HTW, gibt es derzeit 540 Studierende ohne Abi, das sind sechs Prozent aller Immatrikulierten. „Wir freuen uns, dass von allen staatlichen Hochschulen in Berlin die HTW für Studieninteressierte ohne Abitur am attraktivsten ist“, sagt Professor Birgit Müller, Vizepräsidentin für Lehre. Auch bundesweit haben sich vor allem die Fachhochschulen für beruflich Qualifizierte geöffnet.

„Auch der Betrieb hat etwas davon, wenn ich studiere“

Nicht immer verlaufen Bildungskarrieren geradlinig, und dem trägt die Modernisierung des Hochschulzugangs Rechnung. Adam Koziak beispielsweise hat mit dem Mittleren Schulabschluss die Schule verlassen. „Damals hatte ich andere Sachen im Kopf“, erinnert er sich. Doch während seiner Ausbildung erzählte ihm eine Freundin von der Möglichkeit, ohne Abi studieren zu können. Seitdem ließ ihn der Gedanke nicht mehr los. Nach der Prüfung und drei weiteren Jahren im Job konnte er sich an der HTW für Betriebswirtschaftslehre bewerben.

An der Hochschule kann man das Bachelorstudium nicht nur Vollzeit, sondern auch in Teilzeit und online absolvieren. Für die letztere Möglichkeit hat sich Koziak entschieden. Der 28-Jährige freut sich immer, wenn er die frisch erworbenen theoretischen Kenntnisse in seinen Berufsalltag integrieren kann: „So hat dann auch der Betrieb etwas davon, wenn ich studiere.“

Betreuungsprogramm hilft gegen vorzeitigen Studienabbruch

Bundesweit gibt es keine verlässlichen Zahlen, ob und wie viele Studierende mit beruflicher Qualifikation ihr Studium abbrechen. Die HU-Studienabteilung will dem vorbeugen und diese Studierenden mit ihrem neuen Projekt „Cross-over“ besonders betreuen. Sie sollen von Beginn an bis zum zweiten oder dritten Fachsemester intensiv begleitet werden.

Wenn andere feiern, muss HTW-Fernstudent Adam Koziak schon mal „Nein“ sagen und sich auf die nächste Klausur vorbereiten. Ohne eine genaue Zeiteinteilung geht es bei einem berufsbegleitenden Studium nicht. Zieht die Familie mit? Er lacht: „Ich bin der erste bei uns, der studiert. Meine Familie ist stolz auf mich.“