Stadtentwicklung

So sollen Berlins Dächer grüner werden

Der CDU-Stadtentwicklungsexperte Stefan Evers hat eine Strategie für Dachgärten konzipiert. Er will für weniger Bürokratie sorgen.

Ein Dachgarten auf dem Ottobock Science Center in Mitte

Ein Dachgarten auf dem Ottobock Science Center in Mitte

Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Schoening

Stefan Evers richtet den Blick nach oben. Der stellvertretende Vorsitzende und Stadtentwicklungsexperte der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus will triste graue Flachdächer in begrünte Idylle verwandeln. Er hat einen Antrag für das Abgeordnetenhaus formuliert, in dem er eine Strategie „für grüne und lebendige Dächer“ entwickelt. Und für die Berliner Morgenpost hat er Luftbilder angefertigt und bearbeitet, um zu zeigen, wie sein Traum aussehen könnte.

„Grüne Dächer nutzen der Umwelt und dem Stadtklima“, wirbt Evers. Sie bildeten einen wichtigen Lebensraum für Tiere und Pflanzen, könnten aber auch Erholungs- und Freizeitraum für die Berliner sein. Das sei insbesondere wegen der wachsenden Stadt und der zunehmenden Verdichtung wichtig. Es gehe um ein „großartiges Potenzial“ für die Stadt. „Ich erhoffe mir eine lebendige Dachlandschaft, die auch von den Menschen intensiv genutzt werden kann“, sagte er der Berliner Morgenpost.

„Vorschriften müssen entrümpelt werden“

Dazu wolle er vor allem Vorschriften entrümpeln und „Bremsen lockern“. „Zwangsquoten“ bei Neubauten hält er für Kostentreiber und deshalb für den falschen Weg. Vielmehr möchte er, dass der Senat eine deutliche Ausweitung zulässiger Dachflächennutzungen für Begrünung und Erholung dadurch unterstützt, dass er Verfahren vereinfacht. Das gelte insbesondere für das Planungs- und das Bauordnungsrecht. Die Bauordnung setze vielfach hohe Hürden, die verhinderten, dass Flachdächer den Hausgemeinschaften zugänglich gemacht werden, damit sie dort einen Garten anlegen können. Dabei sei die nachhaltigste ökologische Nutzung eines Daches die gärtnerische Nutzung.

So sei beispielsweise zu prüfen, ob für den Nachweis statischer Anforderungen sowie für den Brandschutz nicht auch die Bestätigung eines vereidigten Prüfsachverständigen ausreiche. Auch die Genehmigung von Aufbauten, die bei einer Nutzung des Daches notwendig werden, wie etwa Geländer, könne rechtlich vereinfacht werden. Zudem solle der Senat prüfen, ob und wie begrünte Dächer und Dachgärten im Hinblick auf den denkmalrechtlichen Umgebungsschutz privilegiert werden können.

Internetplattform und Wettbewerb gefordert

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt soll aber nicht nur Verfahren vereinfachen, sondern auch ihre Öffentlichkeitsarbeit mehr in den Dienst grüner Dächer stellen. Evers denkt vor allem an den Aufbau einer Internetplattform, auf der sich Akteure austauschen können, wo aber auch grundlegende Informationen sowie Leitfäden und Arbeitshilfen zur Dachbegrünung gebündelt werden. Ebenfalls helfen könne ein Gründachwettbewerb, wie ihn auch andere deutsche Großstädte bereits durchführen.

Derzeit führten etwa Barcelona, Paris und Singapur, aber auch deutsche Großstädte grüne Dachkonzepte ein, von denen Berlin lernen könne. Die Stadt habe das Potenzial, bis 2030 eine grüne Dachlandschaft zu entwickeln, die zum internationalen Vorbild werden kann. Hierzu, so Evers, bedürfe es keiner Subventionen in Millionenhöhe oder Zwangsmaßnahmen gegen Immobilieneigentümer. Wichtig sei vielmehr, Anreize zu schaffen und bürokratische Hürden bei der Begrünung grauer Dächer und ihrer Nutzung durch die Bewohner abzubauen. Ein Vorbild für seine Idee eines lebendigen Dachs hat Evers auch: den „Dachkulturgarten Klunkerkranich“ an der Neuköllner Karl-Marx-Straße. „Davon wünsche ich mir mehr“, sagt er.

Tipps vom Fachunternehmen

Bei der Konstruktion von Dachgärten können Auftraggeber heutzutage ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Ihre Möglichkeiten reichen vom Gemüseanbau bis zu Jacuzzi, vom Wandelweg bis zum schlichten Rasen hoch über der Stadt. Dazu gehört zunächst eine Prüfung des bestehenden Dachs, in der festgestellt wird, wie schwer ein Aufbau sein darf oder ob eine etwaige Schräge ausgeglichen werden muss. Ebenfalls wichtig für den Bau ist die Windeinwirkung.

In den folgenden Schritten muss in Abdichtung, Bodenbelag und Dämmung investiert werden. Das bedeutet zum Beispiel, dass in mehreren Schichten Schutzlagen, Drainageelemente, Filter und Erde ausgebreitet werden. Laut Diplom-Ingenieur Martin Küster, Gebietsleiter für das Dachbegrüner-Unternehmen Optigrün, beginnen die Quadratmeterpreise bei 30 Euro.

Spürbare Verbesserung von Luft- und Lebensqualität

Neben dem ästhetischen Effekt für die Stadt unterstreicht er die Chance, das Stadtklima durch Dachgärten zu verbessern. Nicht zuletzt bei großer Hitze sorgten grüne Dächer durch Verdunstung für spürbare Abkühlung. CDU-Politiker Evers betont daneben die positiven Effekte beim Regenwassermanagement und einen spürbaren Anstieg von Luft- und Lebensqualität – wenn Dachflächen bereitgestellt werden, auf denen sich Bewohner aufhalten und erholen können.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung begrüßt die Idee grüner Dächer grundsätzlich. „Dort, wo es möglich ist, sind wir dafür“ so Sprecherin Petra Rohland zur Berliner Morgenpost. Zu den Vorschlägen von Stefan Evers will Rohland sich noch nicht äußern, weil sie der Verwaltung noch nicht vorlägen. Auch Antje Kapek, Vorsitzende und Stadtentwicklungsexpertin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, sagt, sie kenne das Konzept noch nicht im Detail. Eine grundsätzliche Skepsis konnte sie indes nicht verhehlen. Der ökologische Aspekt müsse Vorrang vor der Freizeitnutzung haben, fordert sie. Zudem müsse sich eine Strategie in die wachsende Stadt einfügen. Begrünte Dächer als Ersatz für bebaute Grünflächen lehne sie ab, so Kapek.

Die Grünen hätten im vergangenen Sommer ein Programm „1000 grüne Dächer für Berlin“ vorgelegt und gefordert, dafür rund sieben Millionen Euro im Landeshaushalt vorzusehen. Damit aber konnten sich die Fraktionen der Regierungskoalition nicht anfreunden.

Ideen für die Dächer

Grüne: Die Grünen legten im Sommer 2015 ein Programm „1000 grüne Dächer für Berlin“ vor und wollten dafür rund sieben Millionen Euro im Landeshaushalt vorsehen. SPD und CDU lehnten den Vorschlag ab.

Flüchtlinge: Später schlugen die Grünen vor, Fertighäuser aus Holz für Flüchtlinge auf Flachdächer in der Innenstadt zu setzen. Sie sehen eine Kapazität für 100.000 Plätze in Berlin.

Wohnungen: Wissenschaftler der TU Darmstadt schlagen Dachaufbauten für Wohnungen vor. So könnten mindestens 55.000 Wohnungen entstehen.

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