Krankheiten

Tuberkulose-Fälle nehmen in Berlin stark zu

Zahl der Krankheitsfälle steigt um 30 Prozent. Migration spielt eine Rolle. Ein Besuch bei Ärzten, die Geflüchtete untersuchen.

Der Arzt Maximilian Pelzer (l) untersucht am in der Flüchtlingsnotunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof im Medical Center ein Flüchtlingskind aus Mazedonien

Der Arzt Maximilian Pelzer (l) untersucht am in der Flüchtlingsnotunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof im Medical Center ein Flüchtlingskind aus Mazedonien

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Der Weg zu Frank Kunitz führt über blau-melierte Linoleumstufen in die erste Etage. Mehr als 100 Syrer, Afghanen, Albaner – Männer, Frauen und Kinder – steigen hier an manchen Tagen hoch. Sie haben einen Pflichttermin. Bei einer Außenstelle des Gesundheitsamts. An der Metalltür hängt ein Zettel „Bitte ziehen“. Daneben schimmert das Röntgenbild einer Lunge durchs Glas. Bildersprache für alle, die kein Deutsch können. Drinnen sitzt Kunitz am Schreibtisch. Auf dem Bildschirm leuchtet eine Röntgenaufnahme wie an der Tür. „Wir haben hier letzte Woche sechs Menschen rausgezogen“, sagt der Arzt. Sechs Mal Tuberkulose-Verdacht. Sechs Mal Krankenhaus und Quarantäne.

Mediziner röntgen im Akkord

So wie Kunitz im Tuberkulosezentrum in Lichtenberg durchleuchten Mediziner in vielen Städten und Kommunen im Akkord Flüchtlinge. Die Krankheit, die früher Schwindsucht hieß und fast vergessen schien, verlangt wieder mehr Aufmerksamkeit. Weltweit tötet sie rund 1,5 Millionen Menschen pro Jahr (2014). Zum Vergleich: An der Ebola-Epidemie starben in Westafrika 2014/15 mehr als 11.000 Menschen. In manchen Ländern in Asien, Afrika und Osteuropa schlägt der stäbchenförmige Erreger besonders heftig zu. Darunter in Afghanistan, Eritrea, der Ukraine.

Ein Teil der Menschen aus dieser fernen, armen Welt hat sich zu uns auf den Weg gemacht. Einige bringen die heimtückische Infektion mit. Die erste Folge ist ein außergewöhnlicher Kraftakt. Rund eine Million Geflüchtete seit 2015 bedeuten für die Ärzte im staatlichen Gesundheitsdienst: Sie sorgen für Hunderttausende Röntgenaufnahmen von Migranten ab 15 Jahren. Bei Kindern suchen die Ärzte oft mit Blut- und Hauttests nach Tuberkulose. Die zweite Folge von mehr Zuwanderern und mehr Tests schlägt jetzt durch. Die Zahl der Tuberkulosefälle sprang innerhalb eines Jahres um rund 30 Prozent nach oben: von gut 4500 (2014) auf über 5850.

Wohlstand, Hygiene, gesundes Essen und Antibiotika haben die Infektion bei uns zum Randgruppen-Phänomen gemacht. Befallen werden häufig Obdachlose, Drogenkranke und HIV-Infizierte, auch ältere Menschen mit schwacher Immunabwehr. Und nun zunehmend Geflüchtete. Der „langjährig rückläufige Trend“ insgesamt ist beendet, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) bereits im Oktober festhielt. Besonders stark wuchs 2015 die Zahl der Fälle, die durch Aufnahmeuntersuchungen bei Flüchtlingen ans Licht kam: auf mehr als 1250.

Das Robert-Koch-Institut warnt vor einer Panikmache

Lena Fiebig, Expertin am RKI, warnt vor Panikmache. Ihr Institut mit Sicherheitslabors in Wedding trägt bundesweit Daten zusammen. Zu Tuberkulose ebenso wie zu anderen meldepflichtigen Krankheiten wie Masern und Hepatitis. Das RKI schätzt Risiken ab und berät die Politik. Äußerungen zu angstbesetzten Krankheiten werden dort vorsichtig abgewogen. „Beim verstärkten Einsatz aktiver Fallfindungsmaßnahmen wie der Röntgenuntersuchung von Asylsuchenden vor Aufnahme in Gemeinschaftsunterkünfte sind steigende Fallzahlen nicht überraschend“, formuliert Fiebig im Amtsjargon. Und: „Wir wollen ja infektiöse Tuberkulosen finden, sie sollen nicht unentdeckt bleiben.“

Das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) in Berlin rechnet ebenfalls nicht mit neuen Alltagsgefahren. Weder in der S-Bahn noch im Büro. „Tuberkulose bleibt in Deutschland eine seltene Krankheit“, sagt DZK-Mitarbeiter Karl Schenkel. Zumal: Einmal anhusten, schon krank – das gilt für Tuberkulose kaum. In der Regel wird der Erreger übertragen, wenn jemand viele Stunden in einem ungelüfteten Raum mit einem Kranken verbringt. Das trifft auf Flüchtlinge zu, die gedrängt in engen Quartieren leben.

Entwarnung geben das DZK und andere Fachleute aber nicht. Zum einen waren die Reihen-Kontrollen nicht immer „unverzüglich“ – also innerhalb weniger Tage – zu schaffen. Die Zeitverzögerung erhöht das Risiko. Ein zweiter Knackpunkt: Die Eingangsuntersuchungen bleiben Momentaufnahmen. Tuberkulose ist aber eine Krankheit, die länger im Körper schlummern kann.

Ein Problem ist auch die Ahnungslosigkeit: Ohne eigene Erfahrung sei das Wissen unter Ärzten zurückgegangen, sagt Karl Schenkel. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Landarzt mit der Krankheit konfrontiert wird, war in den letzten Jahren gering.“ Und die, die sich auskennen? Die Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst? Da wurde lange gespart, klagt Schenkel. Die Gesundheitsämter seien „nicht besonders luxuriös ausgestattet“.

Luxus ist in den Flüchtlingsquartieren selten ein Thema. Frische Luft dagegen schon, nicht nur zur Tuberkuloseabwehr. Zum Beispiel in den 20 Meter hohen Hallen des Flughafens Tempelhof. Gerade kommen nicht so viele Menschen wie im Herbst. Dennoch leben in der größten Flüchtlingsunterkunft der Hauptstadt 2000 Leute.

Drei Monate altes Mädchen muss zur Kontrolle in die Klinik

Für ihre Versorgung im „Medical Center“ in Hangar 1 ist Peter Albers (62) mitverantwortlich. Eigentlich ist er Ärztlicher Direktor am Wenckebach-Klinikum. Gerade wird ein drei Monates altes Mädchen aus Mazedonien an der Lunge abgehört. Es hustet. Die Eltern sind besorgt. Die Ärzte auch. Die Kleine soll in die Klinik zur Kontrolle. Keine Tuberkulose, ein „Atemwegsinfekt“, sagt Matthias Vetter, im Hauptberuf Krankenpfleger am nahen St. Joseph Krankenhaus.

Und wenn es doch Tuberkulose wäre? „Dann kommt der Patient sofort ins Krankenhaus. Und der Gesundheitsdienst wird informiert“, sagt Albers. Kontaktpersonen müssen zum Test. Es wäre ein Einzelfall. Der macht ihm wenig Kopfzerbrechen. Dafür existierten Notfallpläne, sagt er. Doch beim großen Ganzen, so seine Sorge, fehle der Steuermann. Jemand, der die Flüchtlingsversorgung so fest in die Hand nimmt und „so entscheidungsfreudig ist, wie es unser verstorbener Altbundeskanzler Helmut Schmidt war“. dpa